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Prof. Ursula Boos-Nünning und Alper Ünal
Türken und Deutsche in getrennten Welten

Prof. Ursula Boos-Nünning und Alper Ünal: Türken und Deutsche in getrennten Welten
Alper Ünal und Professor Dr. Ursula Boos-Nünning im RP-Interview. FOTO: Detlef Ilgner
Mönchengladbach. Die Migrationsforscherin Professor Dr. Ursula Boos-Nünning und der Kompass-Kursleiter Alper Ünal sprechen über die unterschiedlichen Motive für Migration, hybride Persönlichkeiten und Kultur als Mittel der Integration.

Frau Professor Boos-Nünning, Sie leben in Rheydt und gehören zu den renommiertesten deutschen Migrationsforschern. Seit wann beschäftigen Sie sich mit diesem Thema?

Ursula Boos-Nünning Ich beschäftige mich seit 1971 mit den Aspekten der Migration. Begonnen habe ich damals mit dem Schwerpunkt Arbeitsmigration. Es ging um die Kinder der ersten Generation der türkischen Gastarbeiter. Heute betrachte ich die Kindeskinder dieser Zuwanderer. Aber ich habe mich auch mit anderen Gruppen von Migranten wie beispielsweise den Russlanddeutschen beschäftigt.

Ist die Bedeutung der Migrationsforschung in dieser Zeit gewachsen?

Boos-Nünning Die Bildungsforschung vereinnahmt alles, die Mittel fließen dorthin. Die Fragen des Zusammenlebens werden in der Wissenschaft zu wenig thematisiert. Gleichzeitig explodiert leider die Literatur, die von Unkundigen produziert wird. Wichtig ist es, die unterschiedlichen Formen der Migration auseinanderzuhalten. In den 1960er Jahren kamen Arbeitsmigranten. Später folgte die Heiratsmigration: Etwa 40 Prozent der türkischen Männer und Frauen suchen sich ihre Ehepartner in der Türkei und holen sie nach Deutschland. Parallel wanderten Spätaussiedler und Flüchtlinge ein.

Warum sucht eine so große Gruppe die Partner in der Türkei?

Boos-Nünning Deutsche und türkische Einwanderer leben in getrennten privaten Lebenswelten. Deutsche Partner kommen für viele Türken gar nicht in Betracht, umgekehrt übrigens auch nicht. Und unter den in Deutschland lebenden Türken finden beispielsweise gerade gebildete türkische Frauen oft keine adäquaten Partner.

Das klingt nicht gerade nach gelungener Integration.

Boos-Nünning Integration heißt nicht, dass alles gemeinsam gemacht wird. Ich mache auch mit vielen einheimischen Deutschen nicht alles gemeinsam. Die getrennten Lebensbereiche können erst mal so akzeptiert werden. Das Problem ist oft, dass Aktivitäten von Migrantenorganisationen bei einheimischen Deutschen Vorbehalte hervorrufen. Da ist die Rede von Parallelgesellschaften oder Indoktrination, wenn es um muslimische Gruppen geht. Dadurch werden alle Aktivitäten von Migrantenorganisationen belastet. Sie werden auch selten Deutsche bei Veranstaltungen finden, die von Migranten organisiert werden. Vieles, was migrantisch ist, ist in Deutschland umstritten.

Wie sehen Sie denn unter diesen Vorzeichen die aktuelle Flüchtlingsproblematik? Was kann hier getan werden, damit Integration gelingt?

Boos-Nünning Man darf drei Dinge hier nicht vermischen: die Verbesserung der Teilnahme und Teilhabe der schon seit langem hier lebenden Migranten und ihrer Kinder und Kindeskinder in allen gesellschaftlichen Bereichen, die Einwanderung, die wir aus demografischen Gründen nötig haben, und die Flüchtlinge, die aus humanitären Gründen aufgenommen werden. Es wurde erzählt, dass aus Syrien diejenigen kommen, die wir aus demografischen Gründen brauchen. Aber der syrische Arzt ist eher die Ausnahme als die Regel. Die Aufnahme der Flüchtlinge ist in erster Linie ein humanitärer Akt, der sich auch nicht am Jubel der Bevölkerung orientieren sollte. Ich halte die Situation im Augenblick für völlig verfahren. Die EU lässt Deutschland auflaufen, weil sie in die ersten Entscheidungen nicht eingebunden war. Aus der Euphoriephase kommen wir jetzt in die Phase der Desillusionierung.

Was ist aus Ihrer Sicht nun zu tun?

Boos-Nünning Zuerst ist natürlich die Frage des Wohnens zu klären. Das war bei den Arbeitsmigranten einfacher. Dann sollten Identifikationsmöglichkeiten mit diesem Land geschaffen werden. Das Wichtigste aber ist die Integration in den Arbeitsmarkt und die Bildung.

Gibt es Beispiele für geglückte Integration, an denen man sich orientieren kann?

Boos-Nünning Ja, natürlich. Es gibt beispielsweise eine etablierte türkische Mittelschicht, Akademiker, Ingenieure, mittlere Selbstständige. Migranten kaufen Gebäude und reaktivieren das alte deutsche Modell mit einem Laden im Erdgeschoss und Wohnungen darüber. In Rheydt kann das gut beobachtet werden. Diese Mittelschicht organisiert sich auch in Bildungs- und Dialogvereinen wie Hizmet. Bildung und Erfolg im Beruf sind die Schlüssel zur Integration. Die Migranten sind übrigens häufig sehr bildungsorientiert, verlassen sich bei der Unterstützung ihrer Kinder aber eher auf Organisationen wie den Kompass-Bildungsring, die stark von Migranten getragen werden. Sie haben das nicht falsche Gefühl, dass ihre Kinder im deutschen Schulsystem baden gehen.

Dennoch sprechen Sie von geglückter Integration bei der türkischen Mittelschicht?

Boos-Nünning Ja, das sind gut ausgebildete, erfolgreiche Leute, die über das verfügen, was man als hybride Persönlichkeit bezeichnet. Sie können problemlos die Milieus wechseln und haben hier in Deutschland, aber auch im Ausland Erfolg. Sie finanzieren auch die Kultur- und Dialogvereine.

Wie wichtig ist dabei die Religion? Behindert sie die Integration?

Alper Ünal Ich bin Kursleiter beim Bildungsring Kompass, selbst Teil der türkischen Community und treffe viel mit Eltern und Jugendlichen zusammen. Ich glaube nicht, dass Religion die Integration behindert.

Haben Sie selbst erlebt, dass Sie als Muslim Nachteile haben?

Ünal Ich habe solche Erfahrungen nicht gemacht, aber Gruppierungen wie die Salafisten hinterlassen natürlich einen schlechten Eindruck. Vielleicht werde ich am Flughafen auch ein bisschen mehr kontrolliert. BOOS-NÜNNING Tatsache ist es, dass es Diskriminierung gibt. Jugendliche mit türkischen oder arabischen Namen finden schwerer eine Ausbildungsstelle. Vorbehalte und Ablehnung reichen bis tief in die Gesellschaft. Besonders wenn der Islam sich deutlich zeigt, wie bei Kopftuch tragenden Frauen. Übrigens verläuft die Grenze nicht zwischen Christen und Muslimen. Das Problem besteht darin, dass religiöse Menschen in eine nicht-religiöse Gesellschaft kommen, in ein Land, in dem der größte Teil der einheimischen Menschen, vor allem Jugendliche ohne Religion aufwachsen. Das ist für viele Einwanderer ein Kulturschock. Unsere Gesellschaft muss vermitteln, dass sie Werte hat, auch wenn sie nicht religiös ist. Moral und Ethik hängen nicht an der Religiosität.

Ein Problem bei der Integration ist die unterschiedliche Rolle, die Frauen zugeordnet wird.

Boos-Nünning Es gibt natürlich Unterschiede in der Sexualmoral, der Familiarität und der Religiosität. Aber Eltern mit Migrationshintergrund sind an der Bildung der Töchter genauso interessiert wie an der der Söhne. Sie sollen durchaus Karriere machen, dabei aber tugendhaft bleiben. Grundsätzlich ist es wie überall: Die Frauen sind bildungsmäßig besser als die Männer gleicher nationaler Herkunft. Ich habe übrigens persönlich kaum Probleme damit gehabt, als Frau in reinen Männerrunden aufzutreten. Auch die Jugendlichen, auf die ich treffe, sind meist von ausgesuchter Fürsorge und Höflichkeit. ÜNAL Es gibt schon auch die Paschahaltung, gerade in Familien mit nur einem Sohn. Aber sie ist eher selten. BOOS-NÜNNING Wir neigen alle zur Generalisierung: Eine schlechte Erfahrung wird schnell verallgemeinert. Natürlich bin ich auch schon auf jugendliche Machos getroffen, aber ehrlich gesagt finde ich manche deutsche Kegelvereine oder Gruppen bei der Weiberfassnacht schlimmer. Das lässt sich eben individuell unterschiedlich bewerten.

Welche Rolle kann die Kultur bei der Integration spielen?

Boos-Nünning Kultur ist ein wunderschönes Mittel, weil man gemeinsam etwas erlebt. Auch wenn ich sage, dass wir die getrennten Lebenswelten akzeptieren sollten, habe ich die Utopie, dass Migranten und einheimische Deutsche mehr gemeinsam machen sollten. Das läuft über Bildung und Kultur besser als über vieles andere.

RALF JÜNGERMANN, GABI PETERS UND ANGELA RIETDORF FÜHRTEN DAS INTERVIEW.

Quelle: RP
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