| 00.00 Uhr

Mönchengladbach
Tukur benimmt sich daneben

Mönchengladbach. 20 Jahre Ulrich Tukur und die Rhythmus Boys - 20 Jahre Swing-Unsinn: Die vier Musiker ließen die Gladbacher an ihrer Geburtstagsparty teilnehmen. Von Inge Schnettler

Der Mann auf dem Klavierhocker ist in ständiger Gefahr. Und das ist selbstverschuldet. Mit unglaublicher Geschwindigkeit bearbeiten seine Finger die Tastatur des Flügels, manchmal nimmt er auch sein Hinterteil zu Hilfe. Er schlägt seine Beine übereinander, wenn die Musik gemütlich wird, schnelle Passagen - und davon gibt es viele - bringen seinen rechten Fuß in Bewegung, lassen ihn hin- und herschwingen, vor und zurück. Ständig kippelt er mit seinem Hocker, das Publikum hält den Atem an. Und ab und an lässt der Pianospieler den Deckel seines Flügels zuknallen, um ihn schnellsten wieder hochzuklappen, damit das Spiel weiter gehen kann. Ulrich Tukur, der großartige Schauspieler, ist ein leidenschaftlicher und virtuoser Musiker. Mit den Rhythmus Boys war er im Konzertsaal des Theaters zu Gast. "Let's misbehave!" heißt das Programm zum 20. Geburtstag der Vierer-Kombo. Lasst uns daneben benehmen!

Der Titel des großen Musikers Cole Porter ist das erste Lied des Abends. Zum feierlichen Anlass des runden Geburtstages - oder warum auch immer - haben sich die Rhythmus Boys in Schale geworden. Der 2,08 Meter große Kontrabassist Günter Märtens erscheint kopflos auf der Bühne, der etwa halb so große Schlagzeuger Kalle Mews in weißen Strumpfhosen und Tütü und der Gitarrist Ulrich Mayer als dicke pinke Frau mit blond gelocktem Haar. Nach einem Tänzchen mit ausgeklügelter Choreografie hat Günter Märtens dann wieder einen Kopf, Kalle Mews darf das Ballettröckchen ablegen, das sich in seinem Percussion-Equipment ohnehin eher störend auswirkt, und Ulrich Mayer darf seine Hängebrüste ablegen. Dafür trägt er dann wieder stolz seine Haartolle die - keine Ahnung womit - kunstvoll auf seinem Kopf arrangiert wurde. Soviel sei verraten: Die Tolle hält bis zur letzten Sekunde des Konzerts.

Ulrich Tukur hat tolle Geschichten zu erzählen. Er berichtet über die großen Swing-Musiker Cole Porter, Irving Berlin, und George Gershwin, als habe er sie persönlich kennengelernt und begleitet. "Als ich 1928 mit Cole Porter in New York war..." - so und so ähnlich klingt das dann. Und natürlich - sonst wäre das Tournee-Motto nicht stimmig - benimmt sich Ulrich Tukur daneben. Einen deftigen Pups setzt er ab, trinkt Whisky aus der Flasche, nässt das Publikum mit einer Wasserpistole ein, raucht auf der Bühne.

Nichts, aber auch gar nichts von dem was er tut, kann aber von dem riesigen musikalischen Talent der Männer an den Instrumenten und ihren wohlklingenden Stimmen ablenken. Die vier verstehen sich blind, wie es so schön heißt, sie haben ungeheuren Spaß an der Musik, die sie machen, sie verfügen alle über eine nicht unwesentliche Portion an humoristischem Können. Das sie gern zeigen. Zur Freude des Publikums. Die Zuschauer ergötzen sich an den Klassikern "Puttin' on the Ritz", "Georgia on my mind" und "I can't give you anything but Love". Wobei Ulrich Tukur und seine Freunde gern vom Gängigen abweichen und die Songs auf ihre ganz eigene Weise und gern ein bisschen schräg interpretieren.

"Wir machen schon seit 20 Jahren Swing-Unsinn", sagt Ulrich Tukur. Ganz ehrlich: Wenn Unsinn so viel Freude machen kann wie an diesem Abend im Theater, dann von ganzem Herzen ein: Weiter so!

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Mönchengladbach: Tukur benimmt sich daneben


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.