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Serie Denkanstoss
Umkehr ist immer möglich

Brexit: Bestürzung und Jubel nach dem Votum
Brexit: Bestürzung und Jubel nach dem Votum FOTO: dpa
Mönchengladbach. Regionaldekan Ulrich Clancett schreibt über die Brexit-Zocker und deren Furcht vor den Folgen. Von Ulrich Clancett

Irgendwie bekomme ich diese Karikatur nicht aus dem Kopf: Der britische Premier am Pokertisch mit den beiden Buchstaben "EU", der Untertitel: "Verzockt!"

Was ist da vergangene Woche im Vereinigten Königreich passiert? Und warum tun wir uns fast ausnahmslos so schwer damit, dass sich Menschen entscheiden - für oder gegen ein Projekt? Nicht, dass ich die Entscheidung des britischen Volkes als falsch oder richtig zu bewerten hätte - aber sie macht mir, in Verbindung mit der angesprochenen Karikatur, schon Angst. Angst davor, wie scheinbar leichtfertig solch weitreichende Entscheidungen, wie den Austritt eines Staates aus einer internationalen Gemeinschaft vorbereitet werden kann. Da nimmt man es mit der Wahrheit nicht immer so ganz genau und gaukelt den Menschen vor, eine solche Entscheidung könnte man mal eben am Donnerstagnachmittag mit einem Kreuzchen treffen.

Brexit: "Was wir erleben, ist ein politisches Erdbeben" FOTO: qvist /Shutterstock.com/Retusche RPO

"Die Kontrolle behalten..." - das war das Argument derer, die in Großbritannien raus aus der Europäischen Union wollten. Als ob das so einfach wäre. Erfolgreich haben sie den Menschen weismachen können, das man mal eben mit einem Kreuzchen am Donnerstagnachmittag die Kontrolle behalten oder wiedererlangen könnte. Jeder Betrachter reibt sich die Augen und fragt sich: Das kann doch ernsthaft keiner mehr glauben. Die Kontrolle behalten? Worüber denn? Der Finanzplatz London kontrolliert wieder unkontrolliert die Geldströme eines großen Teils der Welt. Und nebenbei: Die Briten waren es, die sich immer gegen eine stärkere Kontrolle der "Heuschrecken" in diesem Sektor erfolgreich gewehrt haben.

Das Internet wird durch einen solchen Schritt auch nicht zu einem "Brit-Net" - immerhin werden auch die sozialen Netzwerke überall in der Welt, kaum aber in Great-Britain kontrolliert. Und wenn man sich einen der Motoren der modernen Wirtschaft, die Auto-Industrie ansieht: Was wird denn da noch in Großbritannien kontrolliert?

Liebe Briten, ihr geht – das bleibt FOTO: dpa

Ich finde es merkwürdig, dass sich eine Nation, die über Jahrhunderte ihren Wohlstand zu einem guten Teil aus der Eroberung fremder Länder und die wirtschaftliche Bindung an die Krone zog, nun einigelt und alles selber und alleine kontrollieren und regeln möchte. Eigentlich war die Weltoffenheit der Briten sprichwörtlich - doch nun siegt der Wunsch nach Überschaubarkeit.

Noch merkwürdiger: Die gespenstische Stille in der britischen Politik. Auch Lautsprecher wie Boris Johnson, der ehemalige Londoner Bürgermeister und das Gesicht der "Ausstiegs-Kampagne", werden auf einmal angesichts des Ergebnisses der Abstimmung ganz still, und versuchen, wenn sie überhaupt etwas sagen, alles staatsmännisch und möglichst diplomatisch zu verpacken. Manchmal werde ich das Gefühl nicht los, als ob sich im "Brexit-Lager" große Furcht vor dem breitmacht, was da kommt - weil man selbst nicht wirklich zu 100% an den eigenen Erfolg geglaubt hat.

Und ich werde das Gefühl nicht los, dass so mancher, der vorige Woche noch lautstark den Austritt aus der EU gefordert hat, jetzt wünschte, es wäre anders gelaufen und schon auf der Suche nach Auswegen aus der Staatskrise ist, die dieses Referendum ganz nebenbei ausgelöst hat. Und ich glaube, dass es nebenbei zusätzlich noch eine handfeste Verfassungskrise auf der Insel gibt.

Also: Wieder zurück auf Anfang - auf einen neuen Versuch der politischen Willensbildung?

Mir kommen die Worte Jesu in den Sinn, die am vergangenen Sonntag in den Gottesdiensten gelesen wurden: "Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes." Das ist gut und richtig - Entscheidungen sollte man auch durchtragen. Dennoch: Ist der eingeschlagene Weg falsch, dann gibt es in unserem christlichen Glauben das Geschenk der Umkehrmöglichkeit. Umkehr ist immer möglich - wenn der Fehler erkannt wurde und der feste Wille zu einem neuen Weg besteht. Das gilt für alle Seiten, auch in diesem jetzt laufenden europäischen "Brexit"-Streit.

Vielleicht hilft der Blick auf Jesus ja, Entscheidungen intensiver vorzubereiten, ehrlich auf solche Fragestellungen zuzugehen, damit diese dann auch durchgetragen werden können. Um der Menschen in Großbritannien und in ganz Europa willen. Und eines ist klar: Zocken hilft hier überhaupt nicht weiter.

ULRICH CLANCETT IST REGIONALDEKAN UND PFARRER IN JÜCHEN.

Quelle: RP
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