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Mönchengladbach
Und plötzlich sind die grauen Kästen weg

Mönchengladbach: Und plötzlich sind die grauen Kästen weg
Hildesheim: Der ehemals graue Kasten verschmilzt mit der Mauer (o.): Magdeburg: Das Papier ist mittels einer überdimensionierten Büroklammer scheinbar angeklemmt (l.). Potsdam: Das Fahrrad wird absolut echt (r.). FOTO: Telekom
Mönchengladbach. Eigentlich fallen sie nicht besonders auf. Aber wer sie bewusst betrachtet, wird sie nicht wirklich schön finden. Die Telekom erlaubt offiziell das Bemalen seiner Verteiler-Kästen. Auch Mönchengladbach wird bald bunter werden. Von Inge Schnettler

Das blaue Fahrrad steht da. Gegen die Wand gelehnt, wartet es auf seinen Besitzer. Der kann nicht weit sein. Auf dem Gepäckständer ist ein Henkelkorb mit frischen Tulpen und Gemüse festgeklemmt. Seinen Einkauf wird der Radler nicht allzu lange unbeobachtet lassen. Wäre zu schade drum. Das Fahrrad steht in Potsdam. Aber eigentlich steht es gar nicht da. Erst der zweite Blick bringt die Wahrheit an den Tag: Der Drahtesel ist gemalt, der Korb mit den Blumen ist gemalt, die grünen Ranken darüber sind gemalt, die Reflektoren an den Rädern, das Fahrradschloss - alles. Sogar der Wandabsatz ist nicht echt. Aus dem grauen, fiesen Verteiler-Kasten ist ein urbanes Kunstwerk geworden. Ein durch und durch schönes - und legales zudem.

FOTO: Telekom

Die Deutsche Telekom hat eine gute Idee gehabt, die jetzt allüberall umgesetzt werden darf. Der Konzern erlaubt offiziell das Bemalen seiner Verteiler-Kästen. "Aus Grau wird Bunt" heißt die Initiative. Eine Mail an produktion@telekom.de reicht. Sie muss den Standort des Kastens beinhalten, ein Foto muss angehängt sein, und eine Skizze des geplanten Motivs ist erwünscht. Dieses darf nicht kommerziell sein, außerdem dürfen die Kästen nur mit ethisch, politisch und religiös neutralen Darstellungen gestaltet werden.

In Magdeburg etwa hat ein Künstler(eine Künstlerin) ein Foto beziehungsweise eine Visualisierung einer Architektur mittels einer Büroklammer am Verteiler-Kasten der Telekom befestigt - imaginär, versteht sich. Praktisch in der Mauer dahinter verschwindet in Hildesheim ein Technikkasten - verschmilzt perfekt mit seinem Hintergrund. Wird unsichtbar.

In der Kunstgeschichte nennt sich ein solcher Effekt Trompe-l'œil. Das ist Malerei, die mittels perspektivischer Darstellung Dreidimensionales vortäuscht. Erfunden wurde der Stil in der Zeit der Renaissance. Mittels gemalter Scheinarchitekturen - etwa Ausblicke durch vermeintliche Fenster in wunderschöne Landschaften und prächtige imaginäre Kuppeln in der Deckengestaltung - wurden Räume zum Ruhme des Eigentümers mit malerischen Akzenten ausgestattet, die Weite und Prunk schufen. Heute findet man in Fußgängerzonen Künstler, die die imaginäre Malerei perfekt beherrschen. Da tun sich gewaltige Löcher im Asphalt auf, Wasserfälle stürzen in die Tiefe, scheinbare Wasserfontänen schießen in die Höhe.

In den sozialen Netzwerken wird die Initiative der Telekom begrüßt. Keine Frage - die grauen Kästen mag niemand besonders. Die bemalten sind eine bunte Bereicherung. "Das ist eine echt schöne Aktion", sagt Philipp Molitor. Der Sprecher der Initiative Gründerzeitviertel hat auf Facebook dazu aufgerufen, sich daran zu beteiligen.

Quelle: RP
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