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Mönchengladbach
Unruhestand von Fachkräften

Mönchengladbach: Unruhestand von Fachkräften
Früher war sie Dozentin an der Hochschule Niederrhein, jetzt lehrt sie weltweit: Eva Hillers bei ihrem Einsatz in der südindischen Großstadt Coimbatore. FOTO: SES
Mönchengladbach. Wenn sich gut ausgebildete Mitarbeiter in die Rente verabschieden, geht viel Wissen verloren. Der "Senior Expert Service" schickt solche Fachleute weltweit in Länder, die dieses Wissen brauchen. Zwei Gladbacher berichten von ihren Einsätzen. Von Andreas Gruhn

Es dauert immer nur rund 30 Minuten, dann leuchten die Augen der Studenten. So erlebt es Eva Hillers immer, wenn sie wieder einmal an einer indischen Hochschule neue Studenten kennenlernt und ihnen ihr Wissen aus der Textil- und Bekleidungstechnik beibringt. "Die Studenten wollen wirklich etwas lernen, es geht nicht bloß um Credit Points", sagt die 67 Jahre alte ehemalige Dozentin der Hochschule Niederrhein. "Das ist immer wieder eine Bestätigung und macht mich einfach glücklich."

Vier Jahrzehnte hat die Diplom-Ingenieurin nach ihrem eigenen Studium an der Hochschule Niederrhein unterrichtet, bis sie in den Ruhestand ging. Der ist bei der Mönchengladbacherin aber alles andere als ruhig: Ihr Fachwissen wird noch gebraucht, und zwar weltweit. Seit 2014 bereist sie deshalb im Auftrag des "Senior Expert Service" unterschiedliche Länder und lehrt dort für drei bis sechs Wochen an Universitäten und Hochschulen. Sie war in Sofia (Bulgarien), Chisinau (Moldawien), Taschkent (Usbekistan), Lahore (Pakistan), dreimal in Indien und in Kasachstan tätig. Und die Koffer sind schon wieder gepackt für ihre "Dienstreise" nach Nairobi (Kenia). "Wenn ich 14 Tage zuhause war, dann kribbelt es schon wieder", sagt Eva Hillers. Das alles macht sie freiwillig, ohne Bezahlung.

Gynäkologe Rudolf Merkelbag war im Jahr 2015 in einem Krankenhaus in Linyi, China im Einsatz. Dort hielt er unter anderem Vorträge über Risikomanagement in der Geburtshilfe. FOTO: SES

Das funktioniert mit dem "Senior Expert Service" (SES). Dabei handelt es sich um eine Organisation der Stiftung der Deutschen Wirtschaft für internationale Zusammenarbeit mit Sitz in Bonn. Sie entsendet ehrenamtliche ehemalige Fach- und Führungskräfte im Ruhestand in die unterschiedlichsten Länder der Welt, die dort wiederum Hilfe zur Selbsthilfe geben. Träger sind unter anderem der Bundesverband der Deutschen Industrie, die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, der Deutsche Industrie- und Handelskammertag und der Zentralverband des Deutschen Handwerks. 2017 hat der SES so mehr als 1800 Einsätze im Ausland gehabt und in Deutschland sogar 4800 Einsätze. Hierzulande sind die Experten vor allem in der Initiative "Vera" tätig. Sie unterstützt und bestärkt Auszubildende in ihrer Lehrzeit, um so die Abbrecherquote so gering wie möglich zu halten.

Die Senior-Experten, die ins Ausland entsandt werden, bekommen Flug und Unterkunft gestellt, auch für Transporte vor Ort und Versicherungen wird gesorgt. "Außerdem gibt es eine kulturelle Vorbereitung auf das, was die Experten in dem Land erwartet", sagt Claus Obholzer. Der Diplom-Kaufmann vertritt den SES am Niederrhein und ist stets auf der Suche nach neuen Fachkräften. Es gibt zwar 200 bis 300 registrierte Experten in der Region. Gesucht werden derzeit zum Beispiel vor allem Fachkräfte aus den Bereichen Metall, Nahrung und Textilwirtschaft.

Gynäkologe Rudolf Merkelbag, Bekleidungstechnikerin Eva Hillers und Claus Obholzer (v.l.) bei ihrem Besuch in der Redaktion. FOTO: Jana Bauch

Inzwischen sind aber nicht mehr nur Senioren und Rentner willkommen, sondern auch Experten, die noch im Beruf sind und eine Auszeit suchen. Rudolf Merkelbag (59) zum Beispiel ist Oberarzt für Gynäkologie und Geburtshilfe im Krankenhaus Neuwerk. Er setzt seinen Jahresurlaub dafür ein, im Ausland zu helfen. Zunächst war er in China in der Metropole Linyi, dann in Nepal in Gaindakot. "Ich wollte immer schon in der Entwicklungshilfe tätig sein", sagt Merkelbag. "Aber mit einer Familie hat man da auch eine gewisse Verantwortung." Vor zweieinhalb Jahren stieß er zum SES. In China war er in einem eigentlich gut eingerichteten Krankenhaus mit 20.000 Geburten im Jahr tätig, schaute sich alles an, gab fachlichen Rat und hielt Vorträge über Risikomanagement in der Geburtshilfe. In Nepal erwartete ihn ein Krankenhaus mit einem sehr schlecht ausgebildeten Gesundheitssystem. Zu den gynäkologischen Sprechstunden, die er während seines Aufenthalts in Gaidakot angeboten hat, seien aber viele Frauen aus der Region gekommen. "Ich war zwar bei keiner Geburt dabei, konnte aber einigen Frauen medizinische Hilfe leisten", sagt Merkelbag. Der Mediziner ist eine Ausnahmeerscheinung im SES. "Im Gesundheitsbereich haben wir einen absoluten Mangel", sagt Claus Obholzer.

Quelle: RP
 
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