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Mönchengladbach
Uraufführung überstrahlt Tango-Drama

Mönchengladbach. Robert Norths dreiteiliger Ballettabend findet viel Anklang beim Premierenpublikum. Nach einem rein dekorativen schottischen Intro gelingen dem Ballettensemble mit der Chagall-Fantasie Spitzenleistungen. Der Rest ist Tango. Von Dirk Richerdt

Ein wenig irreführend ist er schon, der Titel dieser Tanz-Trilogie. Ballettchef Robert North überschreibt sie mit "Tangonacht plus . . .", doch wer sich auf verruchte Kaschemmen-Atmosphäre von Buenos Aires eingestellt hatte, musste bis zum Schlussstück des Abends warten.

"Stunde Null" mit Musik des Tango-nuevo-Meisters Astor Piazzolla bot ein krasses Eifersuchtsdrama: Eine Frau (Elisa Rossignoli) hat sich in den Bruder ihres Mannes verliebt, der erfährt davon durch einen Denunzianten (dämonisch: Paolo Franco) und ersticht den Nebenbuhler. Worauf die Ehefrau nunmehr auch ihren Ehemann erdolcht.

North lässt diese Geschichte von Liebe, Hass und Gewalt zunächst als pantomimisches Vorspiel von den vier Hauptfiguren exerzieren, dabei bewegen sich Rossignoli, Alessandro Borghesani (Ehemann), Raphael Peter als dessen Bruder und der Intrigant (Franco) wie Puppen. Vor einer postmodernen Hausfassade, die mit kühl abweisenden Lamellenstrukturen und blutrot hinterleuchteten Fensterhöhlen an Malerei des Expressionismus erinnert (Bühnenbild: Udo Hesse), nimmt hernach das blutige Geschehen seinen ausführlicheren Lauf. Dabei zeigt sich nicht nur die hohe Qualität des Ballettensembles, sondern auch Robert Norths Geschick bei der passgenauen Auswahl der Musik von Piazzolla. Am Ende leidet, tobt, schreit nicht länger das Bandoneon - das fahle Flageolett-Gekratze einer Geige kommentiert den Doppelmord.

Noch stärkeren Eindruck hinterließ im Mittelteil die "Chagall-Fantasie". Der Mönchengladbacher Komponist und Pianist André Parfenov hat sich durch fünf Bilder des weißrussischen Malers Marc Chagalls zu packenden, unter die Haut gehenden Piècen inspirieren lassen. Bei der Uraufführung mit der rumänisch-deutschen Geigenvirtuosin Iuliana Münch und dem Klarinettisten Reinhard Groll (Niederrheinische Sinfoniker) konnte das Premierenpublikum Livemusik genießen. Ausdruckswille, aufbrausendes Temperament und dann wieder verhaltene Gefühle zeichnen Parfenovs an Strawinsky geschulte, vielgestaltige Musik aus. Sie eignet sich gut, Chagalls osteuropäische Heimat, das jüdische Schtetl, mit seinen bunten Bräuchen, ausgelassenen Festen und der chassidischen Kontemplation in eine Klangsprache zu überführen. Nur hätte man sich den Farbton der Klarinette im Trio gern kräftiger gewünscht.

Geschickt setzt Robert North Motive ausgewählter Chagall-Bilder in fantasievolle Bewegung um. Da lässt sich Karine Andrei-Sutter als Chagalls Braut Bella von Alessandro Borghesani alias Chagall seitlich hinter einer schwarzen Kulisse hervorziehen, so dass wir einen Moment glauben, ihr Körper komme dahergeschwebt (wie im Bild "Der Spaziergang" von 1917). Anrührend auch, wie der Maler das Haus aus dem Dorf seiner Kindheit überallhin mit sich trägt. Als Symbol der Rückbindung an Heimat, die auch im Exil nicht verloren geht. Fesselnde Pas de deux weiten sich zu breit angelegten Genre-Szenen in famos synchronisierten Gruppen. Wenn zwei maskierte Militärs eine Sprossenleiter vor sehnsüchtig die Hände ausstreckende Menschen halten, hat North mit einfachen Mitteln ein starkes Bild zum Thema Flucht und Vertreibung geschaffen.

Den Abend leiteten flotte "Schottische Tänze" mit Musik des Geigers Mark O'Connor und seiner Kollegen ein. War hübsch anzusehen, aber eben nicht mehr als eine dekorative Einleitung.

Quelle: RP
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