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Mönchengladbach
Urenkelin Lillian erinnert an Jüdin Hilde Sherman

Mönchengladbach: Urenkelin Lillian erinnert an Jüdin Hilde Sherman
Martha Birmacher und Tochter Lillian suchten nach Spuren Hilde Sherman (r., oben). Die gebürtige Wanloerin überlebte als einzige ihrer Familie den Holocaust. Günter Demnig hat für sie einen Stolperstein gesetzt. FOTO: Knappe/Reichartz/privat
Mönchengladbach. Die gebürtige Wanloerin Hilde Sherman überlebte als einzige ihrer Familie den Holocaust. Ihre Enkelin Martha Birmacher und ihre Urenkelin Lillian waren jetzt in der Stadt und suchten nach Spuren der Familie. Sie besuchten auch die Synagoge und sprachen mit Gladbachern. Von Sebastian Eussem

Die Gäste in der Mönchengladbacher Synagoge wurden Zeugen eines beeindruckenden Besuchs: Martha Birmacher und ihre elfjährige Tochter Lillian reisten aus den USA an, weil sie am Niederrhein nach Spuren ihrer Familie suchen. Deren Geschichte ist zum großen Teil in Mönchengladbach zu verorten. Marthas Großmutter war Hilde Sherman-Zander: Die in Wanlo geborene und in Wickrathberg aufgewachsene Jüdin überlebte als einzige in ihrer Familie den Holocaust, während ihre Angehörigen deportiert und ermordet wurden. Und so beleuchtete die Stippvisite von Mutter und Tochter Birmacher in mehrfacher Hinsicht die geschichtliche und die gegenwärtige Perspektive des jüdischen Lebens in der Stadt.

Bereits zum zweiten Mal geht Martha Birmacher in der Region auf Spurensuche. In diesem Jahr wurde sie erstmals von ihrer elfjährigen Tochter begleitet. Stets vor Augen haben beide die Bilder von den Erzählungen ihrer Vorfahrin Hilde Sherman. So beispielsweise die Erinnerungen an die Reichspogromnacht 1938, als die Synagogen brannten. So stürmte Sherman in wohl einer der dunkelsten Nächte der deutschen Geschichte in das brennende Gotteshaus, um die Thora, die Heilige Schrift, vor den Flammen zu retten. Diese und auch anderen Erlebnisse hat sie in dem Buch "Zwischen Tag und Dunkel - Mädchenjahre im Ghetto" beschrieben. Außer ihren Erlebnissen und dem alten Wohnhaus gibt es für die heute in Kalifornien beheimatete Familie kaum noch Andenken an ihre Großmutter: Sämtliche Gegenstände wurden im Zuge der Judenverfolgung gestohlen oder verbrannt. Dies galt auch für einen kleinen Beutel mit den letzten wenigen Erinnerungsstücken, die Sherman auf der Flucht nach Schweden mit sich trug. Dieser wurde aus Angst vor Flöhen ebenfalls verbrannt.

Die Gäste, darunter Bürgermeister Michael Schroeren, kamen schnell mit den Nachfahren Shermans ins Gespräch. Schroeren wollte wissen, ob es Möglichkeiten gegeben habe, Deutschland vor der Verfolgung zu verlassen. "Einerseits war sie erst 13 Jahre alt. Dazu hatte ihr Vater im Ersten Weltkrieg für Deutschland als Soldat gedient. Sie hatte niemals damit gerechnet, dass ihre Nation ihr etwas antun würde", antwortet Enkelin Martha.

Mutter und Tochter besuchten auch die Gedenkstätte des Alten Schlachthofes in Düsseldorf, von dem aus tausende Juden in die verschiedensten Konzentrationslager deportiert wurden. Shermans Urenkelin Lillian berichtete von den intensiven Eindrücken ihrer Reise: "Da ich nun einige Orte gesehen habe, kann ich die Geschichte meiner Familie auch als meine eigene Geschichte verstehen." Doch es wurden nicht nur die Geschehnisse aus der Vergangenheit reflektiert. Auch ihre Eindrücke über das gegenwärtige jüdische Leben in Deutschland schilderten die beiden Gäste. Angesichts der großen jüdischen Gemeinde in ihrem kalifornischen Heimatort Cooper City zeigte sie sich sehr überrascht über die zahlenmäßig kleine Gemeinde am Niederrhein. "Die Gemeinde hier scheint sehr klein zu sein. Auch die Synagoge ist im Vergleich zu denen in Amerika viel kleiner. Das hat mich sehr überrascht."

Mutter Martha zeigte anhand eines Beispiels die großen Unterschiede zwischen ihrer heimischen und der Gladbacher Gemeinde auf: Während in Cooper City binnen zwei Jahren über 400 Bar-Mitzwa-Feiern angemeldet wurden, wird das jüdische Fest zur religiösen Mündigkeit hier nur ein einziges Mal im gesamten Jahr stattfinden. Es haben nicht nur viele jüdische Familien Mönchengladbach verlassen, auch statt der einst vier Synagogen in der Stadt findet man heute nur ganz normale Wohnhäuser.

Eine Entschädigung für die damaligen Enteignungen habe die jüdische Gemeinde dafür nie erhalten, betonte Gemeindemitglied Eßer. Der Wunsch nach einer neuen Synagoge wurde vom Rabbiner Hönig erneuert. Ein gemeinsames Essen zum Sabbat-Feiertag schloss die Veranstaltung ab.

Quelle: RP
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