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Interview mit Sebastian Dreyer
Verbraucherschützer warnt vor Pokémon Go

Interview mit Sebastian Dreyer: Verbraucherschützer warnt vor Pokémon Go
Sebastian Dreyer leitet die Verbraucherberatungsstelle Rheydt: Das Angebot wird auch von Bürgern aus Korschenbroich und Jüchen genutzt. Er macht im Redaktionsgespräch deutlich, welchen Gefahren Verbraucher heute ausgesetzt sind. FOTO: Knap
Mönchengladbach. Sebastian Dreyer (36) ist Leiter der Verbraucherberatung in Rheydt. Er spricht über Herausforderungen, Betrüger und ein beliebtes Spiel.

Herr Dreyer, wie sind Ihre Erfahrungen nach den ersten Arbeitswochen als Leiter der Beratungsstelle?

Sebastian Dreyer Ich bin zwar noch keine 100 Tage dabei, habe aber viel erlebt. Es war wie ein "Start on the fly": Schon mein erster Tag hat mit viel Presse und einem Fernsehinterview begonnen. Das war erstmal eine Herausforderung für mich.

Ihre Vorgängerin Hannah Masuhr hat Verbraucherschutz von der Pike auf gelernt: Wie sind Sie zur Verbraucherberatung gekommen?

Dreyer So wie Frau Masuhr, die mit Mitte 20 eingestiegen ist, schaffe ich das nicht mehr. Ich bin Mitte 30, habe als Rechtsanwalt aber schon im Verbraucherschutz gearbeitet. Meine Fachgebiete waren Arbeitsrecht, Familienrecht und Zivilrecht, wozu auch das Kaufvertragsrecht gehört. Dann bin ich zur Verbraucherrechtsberatung gewechselt und habe ein Gespür für die Bedürfnisse der Verbraucher entwickelt. Da sich die Themen, die unser Umfeld betreffen, stark verrechtlicht haben, kann ich als Rechtsanwalt viele Fragen der Verbraucher beantworten. Die Leute fragen nicht mehr danach, welche Staubsauger und Waschmaschinen effizient sind, sondern nach Widerrufsrecht, Reklamation oder Gewährleistungsansprüche.

Gibt es momentan ein Thema, was in der Verbraucherzentrale akut ist?

Dreyer Dauerbrenner sind Bereiche wie Geld- und Kreditprobleme oder das Telekommunikationsrecht. Hier sind viele Verbraucher von der Angebotsvielfalt überfordert. Auch das Projekt Energiearmut spielt in Mönchengladbach aufgrund der Sozialstruktur eine wichtige Rolle. Andererseits kommen die Leute mit den unterschiedlichsten Themen. In kürzester Zeit hatte ich mehrere Fälle zum Thema Schlüsseldienst-Abzocke. Unseriöse Schlüsseldienste öffnen innerhalb von Sekunden mit einer Plastikkarte die Wohnungstür und verlangen mehrere Hundert Euro. Das ist natürlich unzulässig.

Was raten Sie da?

Dreyer Am besten wendet man sich an einen Schlüsseldienst aus der Umgebung, der vielleicht auch von Bekannten empfohlen wurde. Außerdem sollte man sich Kostentransparenz verschaffen und vorher fragen, wie viel Anfahrt und das Öffnen der Tür kostet.

Werden Sie neue Schwerpunkte setzen?

Dreyer Ich möchte keine bestimmten Themengebiete vorgeben. Viel wichtiger ist es am Puls der Zeit zu bleiben und da zu handeln, wo Bedarf und Nachfrage der Verbraucher bestehen. Mir ist es wichtig, dass wir uns als Gesamteinrichtung für Mönchengladbach präsentieren und nicht nur als Rheydter Geschäftsstelle wahrgenommen werden. Bei meiner Arbeit möchte ich auch einen verstärkten Fokus auf lokale und lokal tätige Anbieter in der Stadt setzen und damit unseriösen Unternehmen entgegenwirken. Ein Beispiel: Die Verbraucherbeschwerden über einen Vertriebler, der Unitymedia-Produkte vertreibt, haben sich bei einer jüngsten Werbeaktion des Unternehmens so stark gehäuft, dass wir sofort reagiert haben. Es gab sehr positive Resonanz von den Verbrauchern, und wir haben festgestellt, dass die Dunkelziffer von Betrugsfällen sehr hoch ist. Auch von Unitymedia in Köln gab es zunächst Bemühungen um Schadensbegrenzung, doch eine Regelung wurde bisher nicht festgelegt. Wir werden dranbleiben. Es ist auch Ziel, die Gewerbeaufsicht und das Ordnungsamt für dieses Thema zu sensibilisieren.

Gibt es weitere wichtige lokale Themen?

Dreyer Das Projekt Energiearmut wird stark genutzt. Bürgern, die beispielsweise ihre Energierechnungen nicht bezahlen können, ist es möglich, die kostenfreie Budget- und Rechtsberatung in Anspruch zu nehmen. Die Verbraucherzentrale ist hierbei eine wichtige Schnittstelle. Die gute Vernetzung mit Akteuren der Stadt sehe ich als besondere Stärke der Verbraucherzentrale. Wir sind mit vielen Themenbereichen breit aufgestellt, fangen den Verbraucher auf und können ihn zum richtigen Ansprechpartner weiterleiten. Die Verbraucher kommen bei uns auf jeden Fall weiter.

Im Internet gibt es immer neue Abzock-Methoden. Was raten Sie?

Dreyer Was ich sehr empfehlen kann, ist eine Drittanbietersperre, die ich mir auch schon selbst eingerichtet habe. Man muss nur auf irgendeiner Seite landen und versehentlich einen Button anklicken und schon hat man einen natürlich rechtswidrigen Abo-Vertrag abgeschlossen. Ein Betrag wird dann regelmäßig auf der Mobilfunkabrechnung abgebucht, und wenn man diese nicht regelmäßig kontrolliert, kann es sehr teuer werden.

Die Verbraucherzentrale warnt auch vor unseriösen Routenplanern. Wie läuft da die Masche ab?

Dreyer Seit 2012 hat der Gesetzgeber die Button-Lösung eingeführt: Dabei muss man durch einen Klick klar einwilligen, dass man einen Vertrag annehmen möchte. Bei unseriösen Routenplanern wird diese Regelung missachtet und dem Verbraucher werden Verträge untergejubelt. Mittlerweile hat man aber eine große Auswahl seriöser und guter Routenplaner, für die man sich bedenkenlos entscheiden kann. Doch auch vermeintlich seriöse Anbieter arbeiten manchmal mit dubiosen Methoden.

Werbeanrufe sind eigentlich auch verboten. Ich bekomme aber immer noch welche, auch abends nach 20 Uhr. Wie kann man sich schützen?

Dreyer Es besteht die Möglichkeit, zumindest Anrufe von unterdrückten Nummern zu blockieren. Dies lässt sich am Router oder Telefon direkt einstellen. Wenn ständige Anrufe an Nötigung grenzen, rate ich dazu, Strafanzeige zu erstatten. Ein weiteres Beispiel sind Gewinnspiele, die häufig älteren Menschen am Telefon untergejubelt werden. Diese gelten nicht mehr, solange das Ganze nicht schriftlich bestätigt worden ist. Nichtsdestotrotz schicken diese Unternehmen Rechnungen raus, unwissende Verbraucher begleichen diese. Abgesehen von Gewinnspielen ist ein mündlicher Vertragsschluss zunächst gültig. Wenn Sie zum Beispiel bei ihrer Metzgerei den Braten für Weihnachten bestellen, ist das ein verbindlicher Vertragsschluss. Nur in gewissen Fällen gibt es ein Widerrufsrecht.

Gibt es neben der Verbraucherzentrale vor Ort in Zukunft auch andere Angebote, zum Beispiel online?

Dreyer Die Verbraucherzentrale ist derzeit dabei, das Online-Angebot zu überarbeiten. Es wird stärker auf den Verbraucher und seine Fragen zugeschnitten. Bisher bieten wir auf der Webseite viele Informationen und Hilfestellungen wie Musterschreiben an. Auch hat jeder die Möglichkeit, per E-Mail und Telefon Termine zu vereinbaren oder Fragen zu stellen. Ein weiteres Angebot der Verbraucherzentrale sind Präventionsveranstaltungen in Zusammenarbeit mit Schulen. Für dieses Jahr sind zudem Multiplikatoren-Schulungen mit Flüchtlingshelfern geplant. Durch intensive Gespräche mit Flüchtlingen und auch Helfern versuchen wir ein bedarfsgerechtes Angebot mit diesen Schulungen und Weiterbildungen zu entwickeln. Dabei geht es um alltägliche Herausforderungen, wie Miet-, Versicherungs- oder Handyverträge.

Es wird immer wieder gefordert, dass Verbraucherschutz in die Schulen gehen soll: Wie stehen Sie dazu?

Dreyer Wir planen immer wieder neue Informationsveranstaltungen mit Schulen. Dabei suchen wir immer Kooperationspartner, um auf die aktuelle gesellschaftlichen Situation und Nachfragen reagieren zu können. Hier ist die Politik gefragt, die die Arbeit mit Schulen unterstützen sollte. Für größere Projekte mit Schulen benötigt man mehr Mittel und zusätzliche Berater.
Ein aktuelles Thema ist das Spiel Pokémon Go. Worauf sollte man hier als Verbraucher achten?
Dreyer Es gibt kostenpflichtige Angebote innerhalb dieses Spiels, und es sollte jedem klar sein, dass kein Anbieter so ein relativ aufwendiges Spiel online stellt ohne ein finanzielles Eigeninteresse. Wenn man dies im Auge behält, kann man Pokémon Go spielen. Ich halte es auch für bedenklich, dass ganze Straßenzüge gesperrt werden, weil sie von Pokémon-Spielern blockiert sind. Das Spiel Pokémon Go ist aus Verbrauchersicht kritisch, weil alle gesammelten Daten der Firma gehören.

Ist der Standort Rheydt für die Verbraucherberatungsstelle günstig?

Dreyer Wichtige Kriterien für unsere Geschäftsstellen sind die Bahnhofsnähe und eine zentrale Lage, die der Standort Rheydt beide erfüllt. Zwischen dem Marienplatz, dem Bus-Bahnhof und dem Hauptbahnhof Rheydt sind wir sehr leicht und barrierefrei zu erreichen. Die Geschäftsstelle ist allerdings relativ klein, wir haben teilweise Kapazitätsprobleme und unsere Außenwahrnehmung ist nicht optimal. Es wäre natürlich schöner, wenn wir zentral in Mönchengladbach mit einem großen Schild zu finden wären.

Über mangelnde Arbeit können Sie sich ja nicht beklagen.

Dreyer Das stimmt. Wir haben viel zu tun und sind tendenziell eher unterbesetzt. Wir haben außer mir drei Beratungskräfte und eine Bürokraft. Auch Aushilfen verstärken unser Team, damit wir die Beratungszeiten gewährleisten können. Es gibt Phasen, in denen wir am Limit sind, aber ich habe ein sehr motiviertes Team.

Sind Sie schon mal selbst auf Betrüger reingefallen?

Dreyer Ja. Ich habe mal etwas bei Ebay im Wert von 40 Euro bestellt, was nie geliefert wurde. Es passiert auch regelmäßig, dass Pakete nicht richtig zugestellt werden. Einerseits können einem die Paketzusteller bei all dem Stress leid tun, andererseits ist es sehr ärgerlich, wenn die falsche Zustellung ein dauerhaftes Problem wird. Hier bietet die Verbraucherzentrale auf Webseite www.paketaerger.de einige Tipps und Beratung an.

Laura Laermann, Gabi Peters und Dieter Weber führten das Interview.

 

Quelle: RP
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