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"Virtual Reality"
Mönchengladbacher entwickeln virtuelles Torwandspiel

Virtual Reality: So geht virtuelles Torwandschießen
Mönchengladbach. Headset aufgesetzt - und schon steht man, inklusive 360-Grad-Rundum-Sicht, mitten in einem Stadion, in einer düsteren Gasse oder auf einer schneebedeckten Bergkuppe und kann sich, ganz wie im "Aktuellen Sportstudio", an der Torwand versuchen. Von Jan Schnettler und Sabine Kricke

Andreas Baum ist ein Clown! Also, nichts gegen den stadtweit bekannten und zurecht beliebten Fotografen - er steht nur gerade an genau der Stelle, an der sich soeben auch ein Clown befindet. Nur sieht den keiner außer mir. Denn ich trage eine so genannte Mixed-Reality-Brille, die mir virtuelle 3D-Objekte in den echten Raum projiziert. Und so kniet gerade King Kong im Türeingang, dreht sich auf dem Tisch eine kleine Ballerina - und grient mich besagter Gruselclown an. Also nichts für ungut, lieber Andreas!

CEO Lars Reinartz (l.) und Sebastian Neubacher, Head of 3D bei Recordbay, zeigen die unterschiedlichen Geräte - von der einfachen VR-Pappbrille bis zum Headset. FOTO: Ilgner Detlef

Ortstermin bei Recordbay im Nordpark. Die Digitalagentur ist seit Kurzem einer von nur vier Entwicklern in Deutschland und 70 weltweit, die für neuen Mixed-Reality-Headsets von Microsoft Anwendungen entwickeln. Der Kontakt entstand erst Mitte des Jahres, bei der Gamescom in Köln wurde er vertieft - und nur wenige Wochen später hatten die Mönchengladbacher für den US-Konzern ein virtuelles Torwandschießen aus dem Boden gestampft.

Headset aufgesetzt - und schon steht man, inklusive 360-Grad-Rundum-Sicht, mitten in einem Stadion, in einer düsteren Gasse oder auf einer schneebedeckten Bergkuppe und kann sich, ganz wie im "Aktuellen Sportstudio", an der Torwand versuchen. "So ein Spiel ist immer ein guter Einstieg, um konkrete Businessideen für den wirtschaftlichen Bereich abzuleiten", erklärt CEO Lars Reinartz.

Denn auch wenn die Computerspielbranche eine stark wachsende sein mag: Reinartz ist davon überzeugt, dass "Virtual Reality" (VR) und "Mixed Reality" (MR, siehe Infobox) für so gut wie alle Branchen die Zukunft bedeuten. "Game changer" nennt er das, mit einem Begriff aus dem Sport - etwas, das die Rahmenbedingungen vollständig verändern wird.

Auch RP-Online-Redakteurin Sabine Kricke hat das Torwandschießen ausprobiert. Mit dem Hand-Controller wird der Schuss gesteuert. FOTO: Ilgner Detlef

Goldman Sachs prognostiziere, dass der VR-Markt bis 2025 bereits 110 Milliarden Dollar schwer werden könnte; auch Deloitte gehe davon aus, dass deutsche Unternehmen 2020 bereits 850 Millionen Euro in VR- und MR-Lösungen investieren werden. Insbesondere in die entsprechenden Marketingkampagnen. "Da entsteht ein völlig neuer Wirtschaftszweig, und da wollen wir vorne mit dabei sein", sagt Reinartz. "Mit diesem Thema gehen bei der Kundenakquise die Türen auf."

Ein Auszug aus der Kundenliste deutet mehr als nur an, dass Recordbay das gelingen könnte: Mit "industrieführenden Großkonzernen" wie der Telekom, der Lufthansa, Henkel, Qiagen, Sony, Dior, RTL, Santander und der Sparkasse hat man bereits als Technologiepartner zusammengearbeitet.

Schwer einzufangen: RP-Fotograf Detlef Ilgner hat durch die Datenbrille fotografiert und kann so zumindest andeuten, dass sich im virtuellen Raum Objekte befinden. FOTO: Ilgner Detlef

Doch wo könnten VR und MR einen Mehrwert bringen? Die Einsatzmöglichkeiten seien nahezu unbegrenzt, sagt Sebastian Neubacher, der bei Recordbay den schönen Titel "Head of 3D" trägt. Ein Schuhanbieter könnte seine Filiale im virtuellen Raum komplett dreidimensional nachbauen, und da könnte dann eine Basketball-Legende wie Michael Jordan stehen und über seine Lieblings-Treter plaudern.

"Ein entsprechendes Projekt zwischen Nike und Dell läuft bereits", weiß Reinartz. In der Gehirnchirurgie könnten virtuelle 3D-Modelle Ärzten weit mehr Nutzwert bringen als die heutigen Ausdrucke. Ein Servicetechniker, der eine Turbine repariert, könnte sich per Datenbrille die durchzuführenden Schritte direkt aufs Material projizieren lassen. Auch Autobauer zeigten Interesse. Und: "Noch konferieren wir mit den Microsoft-Kollegen in den USA per Skype", sagt Reinartz. "Es wird nicht mehr lange dauern, dann treffen wir uns in einem virtuellen Büro." Reisen entfiele.

Das Microsoft-Projekt - der Windows-Hersteller stellt die Plattform für alle bereit, um darauf zu entwickeln, viele Computerhersteller sind mit im Boot - sei dazu gedacht, die Headsets massentauglich und erschwinglich zu machen.

"In diesem High-Tech-Markt liegen eben auch Chancen für Standorte wie Mönchengladbach, die bisher nicht unbedingt Megacities der Digitalisierung sind", sagt Reinartz. Seine Firma macht's vor: 1999 als klassische Musikproduktion gegründet, brauchte es mit dem Aufkommen von Spotify irgendwann ein neues Geschäftsmodell. Seit 2011 - damals saß man noch in zwei Wohnhäusern in Hardt - ist man auf 35 Mitarbeiter angewachsen. Tendenz weiter stark ansteigend.

Ein Video findet sich auf www.rp-online.de/moenchengladbach.

 
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