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Mönchengladbach
Viviennes West-Wut

Vivienne Westwood in Mönchengladbach
Vivienne Westwood in Mönchengladbach FOTO: Raupold, Isabella
Mönchengladbach. Gegen westlichen Kapitalismus und entfesselte Finanzmärkte, für mehr Umweltschutz, Kultur und Menschlichkeit: Längst ist Vivienne Westwood mehr Aktivistin als Mode-Ikone. In Hochschule, Monforts-Quartier und KFH bezog sie gestern Stellung. Von Jan Schnettler und Isabella Raupold (Fotos)

Sie zuckt zusammen, als sie den proppevollen Hörsaal betritt - derart frenetischen Applaus hat Vivienne Westwood offenbar nicht erwartet. Doch die britische Modeschöpferin hat anderthalb Stunden Gelegenheit, sich daran zu gewöhnen, denn immer wieder gibt es Beifallsbekundungen, während sie und ihr Mann Andreas Kronthaler mit TV-Moderatorin Dunja Hayali, untereinander oder eben mit den Studenten plaudern. "Ich bin als Aktivistin hier", machte sie gleich zu Beginn klar - doch ohnehin hatte wohl keiner mit einer Frau gerechnet, die bloß über Schnitte, Designs oder Laufstege parlieren würde. Längst sind der Kampf gegen den Klimawandel und die Ungerechtigkeiten des "Monopol-Kapitalismus" und der Finanzmärkte ihre Themen.

So fanden die Studenten den Vortrag von Vivienne Westwood

Es ist eine unbequeme, unkonventionelle Frau, die der Initiativkreis in der Reihe "Pioniere der Welt" in die Stadt geholt hat. Die 74-Jährige, die einst als Grundschullehrerin arbeitete, hat "nie aufgehört, eine Lehrerin" zu sein, wie sie selbst sagt; sie wolle Menschen zum Nachdenken anregen, dazu, sich mit Kultur und Geschichte zu befassen, dazu, die öffentliche Debatte über eine Neuausrichtung von Politik und Wirtschaft zu befeuern. Und sie trifft, das wird bei den Campusgesprächen am Nachmittag deutlich, damit den Nerv der knapp 500 Studierenden. "Ich habe mich heute in Ihre Gedanken verliebt", sagt eine von ihnen laut. Sie wollen von ihr wissen, wie sie es schafft, nicht den Mut zu verlieren. Woher sie ihre Energie nimmt. Und wie wichtig ihr die Nachhaltigkeit ihrer Produkte ist. "Kauft weniger, sucht es sorgfältig aus - und lasst es beständig sein", so beschrieb sie das Konsumverhalten in einer besseren Zukunft.

Westwood verzichtet bei ihrer Arbeit auf Tierfelle, setzt sich für den Erhalt des Regenwaldes ein und wettert gegen Fracking. Viele ihrer Thesen sind plakativ, polemisch, polarisierend - jeder Politiker, der sich für das Freihandelsabkommen TTIP ausspreche, sei ein Verbrecher, die Presse führe die öffentliche Meinung in die Irre, die Zentralbanken seien der Inbegriff des Bösen, der Kapitalismus sei der Feind der Bienen und der Menschenrechte. "Wäre schön, wenn das wirklich alles so einfach wäre", raunt eine Studentin einmal - "aufs Frühstücken und auf Plastiktüten verzichten und ins Museum gehen." Doch Westwoods Absichten sind gut und richtig, und - das wird, auch wenn sie gelegentlich den Faden verliert, überdeutlich - sie selbst ist ein nimmerversiegender Quell an Ideen, Esprit und Kreativität, der an das Gute im Menschen glaubt. Und diese scheu-schrille Verve ist es, die die Stundenten ebenso packt wie die Zuhörer am Abend in der Kaiser-Friedrich-Halle. Am Nachmittag hingegen, als sie das Monforts-Quartier mit den historischen Textilmaschinen besucht, geht es ihr eher um Zeit zum Durchschnaufen. Durchschnaufen von all dem Interviewgeben, Autogrammschreiben, Für-Selfies-Posieren und Bilder-geschenkt-Bekommen - Hochschul-Präsident Hans-Hennig von Grünberg überreicht ihr ein Werk von Design-Professor Jochen Stücke.

Seit 1992 ist Vivienne Westwood mit dem 25 Jahre jüngeren Österreicher Andreas Kronthaler, ihrem früheren Studenten, verheiratet. Gestern besuchten die beiden beispielsweise das Textil-Technikum im Monforts-Quartier - unter anderem in Begleitung von Hochschul-Präsident Hans-Hennig von Grünberg (hinter Kronthaler) und Rolf Königs, dem Präsidenten des Verbandes der Rheinischen Textil- und Bekleidungsindustrie. FOTO: Raupold, Isabella (ikr)

Bei der Abendveranstaltung ehrt Schirmherr Christian von Daniels, Chef von van Laack, die Initiatorin des Punk-Looks als eine "Unangepasste" - seien Modemacher doch meist "Sklaven und Opportunisten des Kommerzes". 13 Studenten der Hochschule zeigen ihr in der starken, von Live-Dudelsack-Klängen untermalten Modenschau "Lost in Sound", was sie so draufhaben. Und Westwood nutzt erneut die Gelegenheit, ihrer West-Wut Luft zu verschaffen - und Wege aufzuzeigen, wie es anders werden könnte. In einer solchen "grünen Wirtschaft", sagt sie, werden die Dinge mehr kosten; doch das Geld wird an Lehrer gehen, nicht an Banker. Und sie lädt die Zuhörer ein, Teil der Gegenbewegung zu werden - über die sozialen Medien, durch gleichzeitige Demonstrationen, durch Gespräche.

Quelle: RP
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