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Serie Was Macht Eigentlich?
Vom knappen Höschen bis zu Afghanistan

Hajo Siemes - Ein Stadtrat in kurzen Hosen
Hajo Siemes - Ein Stadtrat in kurzen Hosen FOTO: HS
Mönchengladbach. Er ist bis heute ein Mönchengladbacher Vorzeige-Grüner: Hajo Siemes, geradlinig, ehrlich, zuverlässig, glaubwürdig. Von 1989 bis 2001 saß er im Stadtrat. Als ein Mann, der Grünes nicht nur predigt, sondern auch lebt. Besonders spektakulär waren sein Antritt und sein Rücktritt. Von O. E. Schütz

Schock im Mönchengladbacher Stadtrat bei einer der ersten Sitzungen 1989: Ein Ratsmitglied in kurzer Hose - das mochten die parteiübergreifend und mehrheitlich leicht- bis erzkonservativen Damen und Herren nicht kommentarlos durchgehen lassen, auch wenn der Übeltäter neu im "Geschäft" und es an diesem Tag im Ratssaal sehr heiß war. So etwas passe nicht zur Würde des Hauses, ließ man Hans-Josef Siemes wissen. Doch der neue Ratsherr der Grünen ist nicht umgehend nach Hause geradelt, um sich umzuziehen. Sondern geblieben, in kurzer Hose und auch noch weitere Male so erschienen. Und hat bald deutlich gemacht, dass die Kleiderfrage auch in diesem hohen Hause nicht alles über den Menschen aussagt.

Zwölf Jahre hat Hajo, wie ihn alle nennen, im Mönchengladbacher Stadtrat gesessen - nein: wirklich gearbeitet. Dann hat er Knall auf Fall sein Mandat niedergelegt. Aus Protest dagegen, dass seine Parteikollegen im Bundestag dem Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan zugestimmt hatten. Seine Entscheidung hat ihm Ärger in der Partei eingebracht. Doch das war ihm diese Sache allemal wert.

Siemes, in einer christlich-konservativ geprägten Familie aufgewachsen, die man eher als CDU-nah einordnen würde, war zunächst Industriekaufmann und hat später als Sozialpädagogik-Student seine politische Ausrichtung gefunden: "Beim Studium habe ich angefangen, über andere Dinge nachzudenken." Er hat 1975 in der Friedensbewegung gegen die US-amerikanischen Pershing-II-Raketen demonstriert, ist mit der Antiatom-Bewegung auf die Straße gegangen und ist schließlich bei den Grünen angekommen.

Hajo Siemes tritt sachlich und konsequent für seine Überzeugung und Ideale ein. Er hat sich so im Gladbacher Rat nachhaltigen Respekt über Partei- und Fraktionsgrenzen hinweg verdient. Als geradliniger, ehrlicher, verlässlicher Politiker wurde er zu einem Garanten der Glaubwürdigkeit. "Die Menschen schätzen es, wenn ein Politiker nicht nur redet, sondern selbst das lebt, was er sagt": Das brauchte Hajo Siemes nicht erst zu lernen. Ein freundlicher Mann mit guten Manieren - aber hartnäckiger Beharrlichkeit bei seinen Zielen.

70 Jahre ist er inzwischen. Im Stadtrat ist er seit seinem Rücktritt vor 15 Jahren nicht mehr. Aber bis heute politisch sehr aktiv als Fraktionssprecher der Bündnis-Grünen in der Bezirksvertretung MG-Ost, in einigen Ausschüssen des Rats sowie im Aufsichtsrat der GEM. Ein grünes Vorzeige-Urgestein, das für seine Ideale kämpft, aber den Blick für das Machbare nicht verloren hat.

Siemes setzt Zeichen, die zwar nicht immer vollen Erfolg haben, aber auf Probleme aufmerksam machen. Wie kürzlich beim "Aufstand" gegen die nicht legitimierte Fällung der "Flügelnuss" vor der Kaiser-Friedrich-Halle. Oder, sehr spektakulär, bei seiner Aktion 1989 als Neuling im Stadtrat: Damals standen auf dem Platz vor dem Gladbacher Bahnhof Bänke, auf denen obdachlose Menschen schon mal die Nacht verbrachten. Die Stadt betonierte die Bänke so zu, dass man darauf nicht mehr sitzen und liegen konnte. Hajo Siemes war "auf dem Baum", klebte immer wieder Plakate auf die Bänke. Text: "Weil dort obdachlose Menschen saßen, betonierte die Stadt die Bänke zu. Hajo, Siemes, Ratsherr der Grünen." Die Stadt stellte ihm die Entfernung der Plakate mit mehr als 1000 D-Mark in Rechnung. Am Ende gab es einen Vergleich.

Siemes rechnet diese Aktion als gelungenen Einsatz für die Partei und die Menschen. Wie so manches, was er, oft mit verschiedenen Bürgerinitiativen gemeinsam, erreicht hat. Zum Beispiel die Verhinderung einer Müllverbrennungsanlage in Wanlo, des CDU-Projektes Giesenkirchen 2015 oder einer Landstraße L 19 durch das Niersgebiet. Und den (damals) erfolgreichen Aufstand gegen die Abschaffung der kleinen Mülltonnen, den Erhalt und die Unterschutzstellung des Dilthey-Parks oder die Baumschutzsatzung, die unter ihm als Vorsitzendem im Umweltausschuss des Rates beschlossen wurde. Zu seinen persönlichen Erfolgen zählt, dass er dreimal als Spitzenkandidat der Grünen in den Rat gewählt wurde, 2005, 2010 und 2012 als Landtagskandidat bis zu 11,4 Prozent der Stimmen holte, 1999 für die Grünen in die Oberbürgermeister-Wahl geschickt wurde und bis heute Fraktionssprecher in der Bezirksvertretung Ost ist.

Natürlich gibt es auch nicht Erreichtes und Rückschläge: "Wir hätten den Umweltgedanken mehr in den Mittelpunkt bringen sollen, haben in der Ampel-Koalition mit SPD und FDP die Verkehrswende zum Fahrrad nicht geschafft. Und dann war da 1994 die ganz große Enttäuschung, als wir im Stadtrat mit der SPD die Mehrheit gewonnen hatten, mit Hans-Willi Körfges den Oberbürgermeister und Hajo Siemes den Bürgermeister hätten stellen können. Dann aber sind fünf Leute der SPD ausgebrochen, haben mit der CDU für Heinz Feldhege gestimmt und die USD gegründet." Für Siemes und seine Partei war es "ein heftiger Nackenschlag" und damit erst einmal die Chance dahin, in der Gladbacher Politik eine größere Rolle zu spielen.

(oes)
 
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