| 00.00 Uhr

Serie 70 Jahre Weltkriegsende (4)
Vom Leben und Sterben in Erdhöhlen

Mönchengladbach. Ende April 1945 wird in Wickrathberg ein Lager für gefangene deutsche Soldaten eingerichtet. Von Angela Rietdorf

Das Gefangenenlager in Wickrathberg existierte nur ein halbes Jahr: Am 25. April 1945 wird mit den Arbeiten zur Errichtung des Lagers begonnen, am 8. Oktober wird es wieder aufgelöst. Aber die Zeit reichte, um sich tief im kollektiven Gedächtnis der Mönchengladbacher einzugraben. Die Zustände im Lager, in dem bis zu 150 000 Gefangene untergebracht wurden, waren katastrophal. Über die Anzahl der Menschen, die dort durch Hunger, Krankheit oder Unwetter umkamen, herrscht Unklarheit.

Rund sechs Wochen nach der Eroberung Mönchengladbachs und Rheydts durch die amerikanischen Truppen erhält Fritz Otten, damals zum Bürgermeister von Wickrath bestellt, den Auftrag, zwischen Wickrathberg und Mongshof ein Kriegsgefangenenlager einzurichten. Dazu müssen mehrere Bauernhöfe wie etwa der Goerdshof geräumt werden. Dann wird das Gelände von zwangsverpflichteten deutschen Arbeitskräften - 100 aus Wickrath, 100 aus Rheydt und 100 aus Jüchen und Garzweiler - vorbereitet und eingezäunt. Kaum steht das Lager, treffen die Gefangenen ein. Unterstände oder gar Barracken gibt es nicht, die Gefangenen müssen unter freiem Himmel Tage und Nächte verbringen. Mit bloßen Händen, wer Glück hat mit Konservenbüchsen, graben sie sich Erdlöcher, um ein wenig Schutz zu finden. Doch diese Löcher werden zu tödlichen Fallen, als ein schweres Unwetter niedergeht. Ein ehemaliger Gefangener beschreibt das so: "Wie ein Gießbach stürzen die angestauten Regenfluten in das Loch, und dann bricht die ganze Erdkruste nach. Gellende Schreie von Erstickenden durchdringen plötzlich die Lagernacht. Man ruft nach Hacke und Spaten, aber die Hände und die Konservendosen können den Tod nicht einholen." Heinz Pankuweit, damals 19, erinnert sich so an diese Zeit: "Besonders schrecklich erlebten wir die vielen kalten und feuchten Nächte, die kaum ein Ende nehmen wollten. Wo und wie sollte man schlafen? Ich selbst musste - wie viele meiner Kameraden - insgesamt etwa 90 Nächte, davon in Wickrathberg etwa 20 Nächte auf nacktem Erdboden ohne Zelt, ohne Mantel oder eine wärmende Decke verbringen. Dass man so etwas durchstehen konnte, grenzt an ein Wunder" (nachzulesen auf der Internetseite der-chronist.de). Als die Engländer das Lager von den Amerikanern übernehmen, bessern sich die Zustände.

In den ersten Wochen und Monaten war die Verpflegung der Gefangenen katastrophal. Der evangelische Pfarrer Ludwig Ditthard schreibt in seinem Tagebuch: "Tag und Nacht schreien die Gefangenen nach Brot. Das Schreien wurde im Dorf gehört und machte zur Hilfe willig." Später erlaubte man der örtlichen Bevölkerung dann auch, den Gefangenen zu helfen. Die Pfarrer Lindt aus Wickrath und Lüderitz aus Wickrathberg organisierten die Hilfe. Nun gelangen regelmäßig Kartoffeln ins Lager. Ein Gefangener: "So erhält hin und wieder jede Zehnerschaft einige Dutzend von den wichtigen Knollen und man rüstet sich am Feuer eine bescheidene Mahlzeit, die uns wie ein Menü à la carte im feinsten Hotel schmeckt." Zum Dank spenden die Gefangenen ihre Barschaft, immerhin mehr als 300 000 Reichsmark, von denen auf Wunsch der Spender 100 000 Mark für den Wiederaufbau der katholischen Kirche in Wickrath und 13 000 Mark für die Reparatur der evangelischen Kirche in Wickrathberg dienen sollen.

Im Gefangenenlager Wickrathberg waren durchschnittlich 30 000 bis 50 000 Gefangene untergebracht, zeitweise wohl aber auch bis zu 150 000 Männer. Die Anzahl der Gefangenen, die das Lager nicht überlebten, ist unklar. Offiziell ist von 222 Toten die Rede, diese Zahl wird aber von ehemaligen Lagerinsassen angezweifelt. So beschreibt Heinz Pankuweit einen Arbeitseinsatz, bei dem er folgendes Erlebnis hatte: "Da entdeckte ich in einiger Entfernung einen Stapel. Zunächst dachte ich an Eisenbahnschwellen. Die Sache erweckte meine Neugier. Meiner Bitte, den Stapel einmal näher betrachten zu dürfen, entsprach der freundliche Schotte. Bald aber erkannte ich, dass es sich um tote Gefangene handelte. Sie waren offenbar in der Nacht bzw. am Vortag gestorben. Alle waren bekleidet, Schuhe und Strümpfe aber fehlten. Ein Anblick, den ich nie vergessen werde. Vor mir lagen sage und schreibe 20 bis 24 tote Kriegsgefangene - Opfer einer einzigen Nacht bzw. eines Tages. Und das in einem Sommermonat - ohne Verwesungsgeruch. Weitere Gedanken machte ich mir nicht. Man war abgestumpft, typisch für unsere damalige Situation. Jeder hatte mit sich selbst genug zu tun." Er rechnet mit einer um ein Vielfaches höheren Zahl von Toten. Heute steht auf dem Gelände des Gefangenenlagers ein Gedenkstein. Das Lager wurde am 8. Oktober 1945 aufgelöst.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Serie 70 Jahre Weltkriegsende (4): Vom Leben und Sterben in Erdhöhlen


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.