| 00.00 Uhr

Redaktionsgespräch mit Nicole Finger (FDP)
Von sauberen Toiletten kriegt niemand einen Schulabschluss

Redaktionsgespräch mit Nicole Finger (FDP): Von sauberen Toiletten kriegt niemand einen Schulabschluss
Nicole Finger FOTO: Detlef Ilgner
Mönchengladbach. Die Fraktionsvorsitzende der Liberalen spricht über das Konzept mg + und fehlende Spielflächen, das ihrer Meinung nach vorübergehende Phänomen AfD und Bibliotheken für Grundschulen.

Im Moment wird über das Konzept zur Stadtentwicklung mg + diskutiert. Die Grünen haben es als neoliberal bezeichnet. Es müsste Ihnen doch dann eigentlich gefallen.

Nicole Finger Mit dem Begriff kann ich hier nicht viel anfangen. Ich meine, dass mit dem Konzept mg + etwas gelingen kann, von dem die Grünen behaupten, es ginge nicht, nämlich die Veränderung der Sozialstruktur der Stadt. Das Papier zeigt dazu den Weg auf. Was den städtebaulichen Anteil angeht, bin ich zuversichtlich, dass der Baudezernent die Umsetzung vorantreiben wird. Was mir noch Sorgen bereitet, sind die weicheren Standortfaktoren. Hier klaffen Anspruch und Wirklichkeit bislang auseinander. Im Konzept sind etwa mehr Spielflächen für Kinder vorgesehen, für die Roermonder Höfe jedoch musste ein Spielplatz ersatzlos weichen. Die GroKo muss den Worten des Konzepts nun Taten folgen lassen.

Mit dem Masterplan und MG+ gibt es zukunftsweisende Konzepte für die Gesamtstadt. Gleichzeitig wird über die Wiederbelebung des RY-Kennzeichens diskutiert. Wie sehen Sie das?

Finger Der Vorschlag kommt zur falschen Zeit. Wir haben starke Konzepte für ganz Mönchengladbach und diskutieren über ein Rheydter Kennzeichen - das passt nicht. Die SPD verweist auf ihren Parteitagsbeschluss, aber der wurde vor MG 3.0 und mg + gefasst. Parteitagsbeschlüsse sind nicht in Stein gemeißelt - man hätte hier genauso erneut diskutieren können wie im Rat. Da wird die Abstimmung jetzt spannend.

Wie positioniert sich die FDP in Zukunft?

Finger Wir wollen unsere Politik weniger an Steinen und Beton ausrichten, sondern die Familienpolitik in den Mittelpunkt rücken.

Die Idee der wachsenden Stadt hat viel mit Familienpolitik zu tun. Wo sehen Sie bei diesem Thema Defizite?

Finger Vor allem im Bereich der Grundschulen. Wenn ein Kind aus dem Kindergarten in die Grundschule wechselt, tut sich ein großes Loch auf, was die Betreuungsmöglichkeiten angeht. Dieser Bereich muss weiter ausgebaut werden. Deshalb haben wir jüngst den Antrag gestellt, die Möglichkeiten der Betreuung bei drei konkreten Grundschulen zu planen. Die GroKo hat das entgegen aller Lippenbekenntnisse zum Betreuungsausbau abgelehnt. Die Bescheide über die Betreuungsplätze müssen außerdem früher raus - im Juni Bescheid für August ist zu spät. Es kostet auch nichts, sich hier anders aufzustellen, aber auch hier sieht die GroKo keinen Handlungsbedarf.

Wie sieht es im Schulbereich aus? Die GroKo will endlich saubere Toiletten an den Schulen.

Finger Saubere Toiletten sind wichtig, aber davon bekommt niemand einen Schulabschluss. Das ist kein bildungspolitischer Schritt. Wir müssen auf die Förderung der Grundschulkinder setzen, denn hier hat die Kommune Einfluss. Wenn wir hier Defizite auffangen, haben die Kinder später in den weiterführenden Schulen bessere Chancen.

Die Sanierung der naturwissenschaftlichen Räume macht große Fortschritte.

Finger Es hat aber gedauert. Zwischen der Bereitstellung des Geldes und der Fertigstellung der Räume liegen bis zu drei Jahre, das ist einfach zu lang. Naturwissenschaftliche Bildung ist ein wichtiges Handlungsfeld, auch im Zusammenhang mit dem Konzept mg +.

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist ein Thema beim Konzept Wachsende Stadt. Wie machen Sie das persönlich? Bei Ihnen kommt ja noch die Politik dazu.

Finger Man muss gut organisieren, um alles unter einen Hut zu bekommen. Aber in der Firma habe ich eine klare Absprache mit der Familie: Ich gehe meistens um halb drei, der Nachmittag gehört den Kindern.

Und der Abend der Politik?

Finger Ja, aber in der Opposition ist der Zeitbedarf geringer, da die Abstimmungsgespräche mit Kooperationspartnern entfallen. Vom Zeitaufwand her ist Opposition gar kein Mist.

Immer weniger Bürger engagieren sich in der Politik. Liegt das gar nicht am Zeitaufwand?

Finger Zumindest nicht nur. Viele kommen gar nicht so weit, darüber nachzudenken, wie groß der Zeitaufwand ist. Da fehlt schon der Zugang zu Politik als solcher. Deshalb müssen wir Ratsmitglieder Kommunalpolitik immer wieder greifbar machen und um Engagement der Bürger werben. Hans Peter Schlegelmilch, Felix Heinrichs und ich haben das zum Beispiel in dieser Woche bei den Wirtschaftsjunioren noch getan.

Dafür gibt es mehr bürgerschaftliches Engagement.

Finger Ja, aber da gibt es zur Zeit einen klaren Schwerpunkt im Gladbacher Norden. In den anderen drei Bezirken ist noch Luft nach oben. Hier sollten wir Mandatsträger versuchen, Impulse zu setzen.

Sie engagieren sich im Förderverein Netzwerk Bunter Garten und neuerdings auch in der Leseförderung.

Finger Ja, mit dem Förderverein der Stadtbibliothek "Lust am Lesen" nehmen wir uns des Themas Grundschulbibliotheken an. Wir haben den Bedarf der Grundschulen abgefragt und jetzt schon für vier Schulen Spenden akquirieren können. Die Grundschule Regentenstraße ist ein sehr schönes Beispiel, wo über die Geldspenden hinaus tatkräftig zugepackt wird. Hier macht der Lions Club Mönchengladbach mit, die Initiative Gründerzeitviertel und auch die Eltern engagieren sich. Ein Maler berät bei den zugehörigen Renovierungsarbeiten und Ende des Jahres wird die Schule mit der Bücherei ein echtes Highlight haben.

Wie beurteilen Sie die Arbeit der Verwaltung?

Finger Wir sind nicht gut aufgestellt. Im Sozialdezernat werden etliche Themen nicht aufgearbeitet, die Träger sozialer Einrichtungen murren schon. Schuldezernent Fischer hingegen ist immer noch für die Flüchtlingsunterbringung zuständig, das braucht viel Energie und macht sich langsam in seinen eigentlichen Bereichen bemerkbar.

Sind wir aus dem Gröbsten raus, was den Zustrom der Flüchtlinge angeht?

Finger Wenn die Lage so bleibt, ja. Aber wenn der Deal mit der Türkei platzt, geht alles wieder von vorne los. Die Krise ist immer noch aktuell und humanitär nach wie vor eine Katastrophe.

Sie haben im jüngsten Hauptausschuss die Verwaltung nach dem Seasons-Projekt gefragt. Sehen Sie jetzt klarer?

Finger Nach wie vor erscheint mir das Engagement für Seasons im Verwaltungsvorstand unterschiedlich stark ausgeprägt. Es gibt aber mittlerweile keine Exklusivitätsvereinbarung mit den Seasons-Investoren mehr, wir können parallel also auch andere Optionen prüfen und müssen keine Tür zuschlagen.

Brauchen wir denn überhaupt ein Großprojekt im JHQ?

Finger Nicht unbedingt. Aber es ist auch nicht so, dass wir einfach sagen könnten, wir geben das Gelände der Natur zurück. Wer sollte den Rückbau bezahlen? Die Bima in absehbarer Zeit bestimmt nicht. Diese Option ist also sehr theoretisch.

Beunruhigt Sie der Erfolg der AfD? Gibt es eine Abwanderung aus der FDP in diese Richtung?

Finger Ich halte die AfD für ein vorübergehendes Phänomen, aber leider wird es nicht so schnell vorübergehen, dass die Bundestagswahl nicht betroffen wäre. Das ist beunruhigend. Abwanderungen aus der FDP können wir vor Ort nicht erkennen.

Wie ist die FDP für die Landtagswahl aufgestellt?

Finger Unser Abgeordneter Andreas Terhaag wird in Nord wieder antreten und hat gute Chancen auf einen aussichtsreichen Listenplatz. Im südlichen Wahlkreis wird wahrscheinlich Oliver Faller kandidieren.

RALF JÜNGERMANN UND ANGELA RIETDORF FÜHRTEN DAS GESPRÄCH MIT NICOLE FINGER.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Redaktionsgespräch mit Nicole Finger (FDP): Von sauberen Toiletten kriegt niemand einen Schulabschluss


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.