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Mönchengladbach
Vor 160 Jahren wurde Odenkirchen zur Stadt

Mönchengladbach: Vor 160 Jahren wurde Odenkirchen zur Stadt
Der Odenkirchener Bahnhof war früher ein moderner Bau. Inzwischen ist das Gebäude einem Parkplatz gewichen. Das Bild zeigt den Bahnhof im Jahr 1900. FOTO: Stadtarchiv Mönchengladbach
Mönchengladbach. Früher regierten hier die Burggrafen. Die Textilindustrie machte Odenkirchen zur Stadt. Jetzt wird ein runder Geburtstag gefeiert. Von Christian Lingen

Der Name Franz Rixen ist vielen Odenkirchenern ein Begriff. Rixen war Pfarrer im Zweiten Weltkrieg und lange darüber hinaus. Doch der Geistliche war viel mehr. Er war Geschichtsschreiber und viele seiner Ausführungen gelten bis heute als verlässliche Quellen. Falsch ist jedoch seine Darstellung, dass die Ersterwähnung Odenkirchens aus dem Jahr 1028 stammt. Er schreibt von Christian de Hudenkirchen, der in einem Beleg erwähnt werde. Dabei saß er jedoch den Brauweiler Fälschungen auf, die im zwölften Jahrhundert in der dortigen Abtei entstanden. Tatsächlich wurde Odenkirchen erstmals in einer Urkunde des Kölner Erzbischofs Friedrich II. vom 9. Januar 1107 erwähnt. Die Stadtrechte erhielt Odenkirchen erst vor 160 Jahren.

Die Urkunde des Erzbischofs legte rechtliche Dinge fest, die das Stift Gerresheim betrafen. Als Zeugen für die Festlegungen des Erzbischofs werden in der Urkunde mehrere Personen genannt. Zwei von ihnen kamen aus Odenkirchen. Namentlich werden in der Urkunde Graf Hermann von Odenkirchen und sein Bruder Arnold erwähnt. Die Urkunde, die im Hauptstaatsarchiv Düsseldorf lagert, ist in lateinischer Sprache verfasst und in gotischer Urkundeschrift geschrieben. Damit steht fest, dass es Odenkirchen zu diesem Zeitpunkt bereits gegeben hat. Über das wirkliche Alter des heutigen Stadtteils sagt die Urkunde jedoch nichts aus.

Die KG Ruet-Wiss Okerke erinnert an die Burggrafen der Vergangenheit und proklamiert in jeder Session einen Burggrafen der Neuzeit. Dietmar Wirt (rechts) ist der amtierende Burggraf der Gesellschaft. FOTO: Raupold

Franz Rixen nimmt in seinen Forschungen an, dass die Burg Odenkirchen aus einem fränkischen Saalhof entstand. Der Mühlgau als politischer Raum, in dem Odenkirchen liegt, wird indes erstmals 837 erwähnt. Wie alt die Burg wirklich ist, lässt sich nicht festlegen. Die Wissenschaft geht davon aus, dass sie im zwölften Jahrhundert als Holzburg auf einem Erdhügel entstand. Später wurde sie zu einer massiven Burg aus Stein. Die erste urkundliche Erwähnung der Burg Odenkirchen datiert auf den 14. Juni 1153. Verfasst wurde sie von Kaiser Friedrich Barbarossa. In der Urkunde bestätigt der Kaiser dem Kölner Erzstift die Eigentumsrechte am "Castellum Udenkirchen" samt Personal. Damit war Odenkirchen eine selbstständige Unterherrschaft des Erzstifts und durfte den Titel "Herrlichkeit" tragen.

Dass es überhaupt dazu kam, geht vermutlich auf Gräfin Utilhildis de Udinkichin zurück. Sie machte dem Kölner Erzbischof Burg und Herrlichkeit zum Geschenk. Der Kölner Fürstbischof war damit Lehnsherr der Odenkirchener Burggrafen. In der Urkunde von 1153 wird ein Rabodo de Otenkirchen erwähnt. Seine Sippe begründete ein Ministerialengeschlecht, das bis 1391 die Burggrafen stellte. Der letzte Burggraf, Gerhard V., starb ohne männliche Nachkommen. Seine Tochter Agnes ehelichte Arnold von Hoemen. Seine Familie stellte von 1392 bis 1502 die Burggrafen. In der Mitte des 16. Jahrhunderts wechselten die Besitzverhältnisse mehrfach, bis im Dreißigjährigen Krieg der Lehnsherr nicht länger anerkannt wurde. 1643 wurde der berühmte Kölner Reitergeneral Jan von Werth Herr von Odenkirchen. Nach ihm übernahm sein Schwiegersohn die Herrlichkeit. In seine Regierungszeit fällt die Zerstörung der Burg im Jahr 1689. Damals tobte der französisch-niederländische Krieg. Als die Familie derer zu Westerloo die Herrschaft übernahmen, kam es zur zweiten großen Zerstörung. 1701 legte ein Brand die Burg und den gesamten Ort in Schutt und Asche. 1734 wurden der Torbogen und die Gebäude wieder aufgebaut. 1745 ging die Burg in Privatbesitz des Kurfürsten Clemens August über. Die Zeit der Burggrafen war vorbei.

Das ehemalige Bad-Hotel und das ehemalige Amtsgericht Odenkirchen, hier im Jahr 1930, gehörten einst zu den Prachtbauten. FOTO: Stadtarchiv Mönchengladbach

Die Burg wurde 1811 an den Kaufmann Jean Lüttringhausen aus Elberfeld verkauft. Nachdem sie Ende des 19. Jahrhunderts im Besitz des Burgvereins war, ging sie 1920 in Besitz der katholischen Pfarrgemeinde St. Laurentius über. Den Westflügel riss man ab. Der Rest der Burg wurde im Zweiten Weltkrieg vollständig zerstört. Heute steht nur noch der Burgturm. 1989 ging der Turm an den Heimatverein Odenkirchen über und wurde ein Jahr später zum Baudenkmal. Seit sechs Jahren ist er außerdem ein Bodendenkmal. Vor der Burg gab es nachweislich bereits 1158 ein Dorf, das 1398 erstmals als "Freiheit" bezeichnet wurde. Schon damals begann der Prozess der Stadtwerdung. Napoleon besetzte das komplette Rheinland und so fiel auch Odenkirchen an Frankreich. Unter der Leitung des Unterpräfekten Johannes Jakobus Bouget wurde Odenkirchen Kantonalort, zu dem Rheydt, Giesenkirchen, Schelsen, Horst und Rheindahlen gehörten.

Nach der Zeit der französischen Besatzung entstand 1820 die "Gemeinde Charte des Parcellar Katasters der Samtgemeinde Odenkirchen". Rund 4100 Einwohner lebten damals in Odenkirchen. In den Jahren danach entwickelte sich in Odenkirchen eine bedeutende Textilindustrie, die mit Einführung der Rheinischen Städteordnung am 24. September 1856 dazu führte, dass Odenkirchen die Stadtrechte verliehen bekam. 1929 wurde Odenkirchen Teil der neuen Stadt Gladbach-Rheydt und blieb nach der Trennung 1933 bei Rheydt. Am 31. August wurden bei einem Bombenangriff 70 Prozent des Stadtteils zerstört, über einhundert Menschen starben. 98 Prozent der Wohnhäuser erlitten Schäden. Seit 1975 gehört Odenkirchen zu Mönchengladbach.

Weil Odenkirchen früher eine eigenständige Stadt war, gibt es bis heute ein Rathaus. 1910 sah es allerdings noch anders aus als heute. FOTO: Stadtarchiv MG

Die Textilindustrie hat Odenkirchen geprägt. Bereits 1698 gab es eine Bleicherei. Die erste Samt- und Seidenfabrik entstand 1776. Neben Leinen-, Baumwoll- und Seidenfabriken gab es Färbereien und Gerbereien. Zahlreiche Mühlen entlang der Niers prägten das Stadtbild und trugen zum Fortschritt bei. 1925 gab es in Odenkirchen 84 Textilbetriebe.

Religiös war Odenkirchen ursprünglich katholisch geprägt. Im 16. Jahrhundert kamen die Calvinisten in die Herrlichkeit, und es entbrannte ein Streit zwischen den Konfessionen, der erst 1755 endete. Heute ist mehr als die Hälfte der Odenkirchener katholisch. Nicht einmal ein Viertel ist evangelisch. Seit 1346 gibt es in Odenkirchen Juden als weitere religiöse Gruppe. An viele ermordete Juden im Zweiten Weltkrieg erinnern Stolpersteine.

Quelle: RP
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