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Serie Denkanstoss
Wankelmut - kein guter Ratgeber

Mönchengladbach. Angesichts der Karwoche fragt sich Pfarrer Stephan Dedring, was aus der Willkommenskultur wird. Von Stephan Dedring

"Karwoche" sagen die einen, "Heilige Woche" die anderen: Mit dem kommenden Palmsonntag geht es in die Schlussphase der Passionszeit. Der palmsonntägliche Auftakt bringt uns die Erinnerung an den Einzug Jesu in Jerusalem. Er wird von einer großen Volksmenge mit Palmzweigen und Kleidern auf dem Weg begeistert begrüßt. "Hosianna!" - Willkommenskultur. Eine Stimmung vielleicht wie in Düsseldorf beim in der Passionszeit nachgeholten Rosenmontagszug.

Nun gehört es zu den merkwürdigen Dingen in den Passionserzählungen, dass kurze Zeit später wieder eine große Volksmenge beisammen ist, die aber diesmal nur "Weg, weg mit dem!" brüllt. Waren das andere Leute, die sich vielleicht zunächst bei der stürmischen Begrüßung zurückgehalten haben und jetzt erst ihre ablehnende Stimme erheben? Oder waren es sogar dieselben Leute wie bei der Begrüßung?

Vielleicht waren sie enttäuscht, dass der so herzlich willkommene Jesus nicht wie erwartet mit den Römern abzurechnen begann, sondern sie selbst durch Kritik an ihrer religiösen kommerziellen Praxis im Tempel provozierte. Oder waren sie doch den einfachen Parolen der hohepriesterlichen Agenten auf den Leim gegangen, die ihnen die Freigabe des Barrabas in den Mund legen, obwohl der Gewalt und Mord nicht scheut? So vermuten es die Evangelisten Markus und Matthäus. Die Stimmung ist jedenfalls gekippt - Verunsicherung allenthalben. Und Pilatus weiß auch nicht so recht: Religiöse Fragen interessieren ihn nicht, die Warnungen seiner Frau beachtet er nicht, er meint, seine Hände in Unschuld waschen zu können, und gibt doch grünes Licht für den Justizmord.

Wankelmütigkeit und Stimmungswechsel sind keine guten Ratgeber. Das gilt bis heute. Es ist beinahe schon Standard, in abstiegsgefährdeten Fußballvereinen den Trainer zu wechseln. Als Retter begrüßt, fliegt dieser bei Misserfolg sofort wieder raus. Auch wenn viele es anders fühlen: Sportwissenschaftlich gibt es kein Indiz dafür, dass Trainerwechsel in Abstiegsgefahr besonders hilfreich sind. Aber die Vorstände meinen, der Stimmung auf den Stadionrängen irgendwann nachgeben zu müssen.

In Deutschland und Europa gibt es zur Zeit auch eine Stimmungslage der Verunsicherung angesichts der Flüchtlingsfrage, der politischen Differenzen und der Wahlergebnisse. Was wird aus der Willkommenskultur? Wie umgehen mit den allzu schlichten ausgrenzenden Parolen, denen auf einmal viele nachlaufen? Auch für die Politik taugen Wankelmütigkeit und das Schielen auf Stimmungen nicht. Da braucht es schon die weite Sicht und die ruhige Überlegung - damit nicht am Ende wieder Menschen, diesmal in Idomeni, auf der Strecke bleiben. Ich wünsche den heute fortzuführenden Beratungen der EU zur zukünftigen Flüchtlingspolitik den dringend nötigen Erfolg und bete um Gottes Segen dafür.

Quelle: RP
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