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Mönchengladbach
Warum die Wasseruhr abläuft

Mönchengladbach: Warum die Wasseruhr abläuft
Christoph Keese (4.v.l.), Journalist und Manager bei Axel Springer, mit (v.l.): Jürgen Steinmetz (IHK-Hauptgeschäftsführer), Denisa Richters (Rheinische Post), Ulrich Schückhaus (WFMG-Geschäftsführer), Andree Haack (IHK), OB Hans Wilhelm Reiners, Elmar te Neues (IHK-Präsident), Hartmut Wnuck (Vorstand Stadtsparkasse) und David Bongartz (WFMG-Prokurist) FOTO: Ilgner (2), Gruhn (6)
Mönchengladbach. Wer nicht Opfer der Digitalisierung sein will, muss sie mitmachen: Diesen Rat gab Buchautor und Springer-Manager Christoph Keese den rund 500 Gästen der 25. Mönchengladbacher Wirtschaftsgespräche im Hugo-Junkers-Hangar. Von Andreas Gruhn

Der Wasserzähler war eine grandiose Erfindung. Im Jahr 1851. Wenn Christoph Keese heute in seinen Keller steigt, um den Jahreswasserverbrauch umständlich abzulesen und seinem Berliner Versorger mitzuteilen, dann schätzt das Unternehmen aufgrund seiner Angaben den Verbrauch. "Im 21. Jahrhundert wird geschätzt, obwohl man es genauso gut messen, die Ergebnisse via Internet automatisch übertragen könnte und so den genauen Verbrauch statt Abschläge bezahlen kann", sagte der Journalist, Buchautor und Springer-Manager am Abend bei den 25. Mönchengladbacher Wirtschaftsgesprächen der Industrie- und Handelskammer (IHK) Mittlerer Niederrhein, der Rheinischen Post, der Wirtschaftsförderung WFMG und der Stadtsparkasse im Hugo-Junkers-Hangar. Keese ist bei Axel Springer einer der Chef-Digitalisierer, der 2013 sechs Monate als Besucher im Silicon Valley, dem Urquell des Datenflusses, lernen durfte. Seitdem gibt er seine Erkenntnisse weiter in Buchform oder bei Vorträgen - wie auch gestern Abend vor rund 500 Gästen in Mönchengladbach.

Keeses Schlagwort lautet "Disruption", was im Grunde die Kannibalisierung eines alten Geschäftsmodells durch ein neues meint. Nichts anderes bringt die Digitalisierung in nie dagewesenem Ausmaß mit sich. Er veranschaulichte das etwa mit dem Beispiel der Musikindustrie: Der Sprung von der Schallplatte zur CD war innovativ, weil es weiter Presswerke, Plattenfirmen und Händler gab, die gut am Verkauf verdienten. Der jüngste Schritt zu Streamingdiensten wie Spotify aber ist disruptiv - es gibt keine physischen Verkäufe mehr, Firmen und Künstler verdienen viel weniger Geld. Das Geschäftsmodell solcher Unternehmen, die Keese Disruptoren nennt, ist ganz anders: Sie erwirtschaften mit wenig Kapital eine hohe Marge. "Uber hat kein einziges Auto. Booking.com ist doppelt so viel Wert wie der größte Tourismus-Konzern mit seien vielen Schiffen - und vermittelt nur dessen Reisen." Solche Plattformen wie auch Google, Facebook, Amazon beherrschten die Welt als Monopolisten auf den Digitalisierungsmärkten. "Und deshalb haben alte Wasseruhren auch keine Berechtigung mehr."

Im Interview mit Handelsblatt-Geschäftsführer Gabor Steingart sagte Keese, die "Plattformen wollen nicht unseren Tod, sondern unser Geld". Grundsätzlich mache ihm Mut, was in Deutschland passiere, und er hatte fünf Ratschläge für Mönchengladbach: Breitbandausbau mit privatem Kapital, jungen Firmen die Möglichkeit geben, anders zu arbeiten, Zugang zu Wagniskapital ermöglichen, Programmieren in Schulen unterrichten und Gründer zum Star machen.

So in etwa stellt sich das auch die Wirtschaft vor, wie IHK-Präsident Elmar te Neues im Gespräch mit RP-Redaktionsleiterin Denisa Richters und Oberbürgermeister Hand Wilhelm Reiners sagte: "Ich wünsche mir, Anträge an eine Behörde digital stellen zu können und dass sie genauso bearbeitet werden." Reiners gab zu, dass Behörden in Deutschland die Geschwindigkeit der Digitalisierung an vielen Stellen noch nicht erkannt hätten. Andere Länder hätten mehr Mut, zu entscheiden, dass sich Bürger auch via Internet beim Einwohnermeldeamt ummelden könnten. "Wir haben in Mönchengladbach viel Potenzial, besser zu werden", sagte Reiners. "Aber beim Breitbandausbau und kostenlosen W-Lan in den Innenstädten ab Anfang 2018 holen wir mächtig auf."

Quelle: RP
 
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