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Peter Schallenberg Und Arnd Küppers
Was Europa weiter zusammenhält

Peter Schallenberg Und Arnd Küppers: Was Europa weiter zusammenhält
Die Interviewpartner (von links): Dr. Arnd Küppers und Professor Dr. Peter Schallenberg sind Gastgeber der Sozialethischen Gespräche am 14. und 15. Juni im Rathaus Abtei. FOTO: Isabella Raupold
Mönchengladbach. 100 Sozialethiker kommen Freitag auf Einladung der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle zu einer hochkarätig besetzten Tagung nach Gladbach. Sie diskutieren über die Verantwortungsgemeinschaft Europa.

Monsignore Professor Schallenberg, im Vorjahr befasste sich die Tagung mit der europäischen Wirtschafts- und Staatsschuldenkrise. Da wurden auch Befürchtungen laut, ob Europa aus der verfahrenen Situation wieder herausgelangen werde. Ist die Entwicklung inzwischen wieder auf einem so guten Kurs, dass Sie diesmal eine eher philosophische Fragestellung als Motto gewählt haben: "Was hält Europa zusammen?"

Prof. Dr. Peter schallenberg Wir richten die Sozialethischen Gespräche gemeinsam mit COMECE, der Kommission der Bischofskonferenzen der EU in Brüssel, aus. Nach Absprache entschlossen wir uns gemeinsam dazu, im Anschluss an eine Reihe Fachtagungen zu Einzelfragen nun wieder das große Ganze in den Mittelpunkt zu stellen. Zumal die Entwicklung darauf hinausläuft, dass die EU sich weiter in Richtung Osteuropa erweitern wird. Kroatien tritt jetzt am 1. Juli schon bei. Welche Differenzen und Gemeinsamkeiten gibt es in dieser größer werdenden Gemeinschaft?, so fragen wir.

Geben Sie bitte ein Beispiel . . .

schallenberg Wir haben zum Beispiel bei den letzten Tagungen gemerkt, dass bei den Begriffen Sozialstaat oder Soziale Marktwirtschaft sich in Osteuropa schon sehr schnell die Assoziation von Sozialismus einstellt. Mir hat auch ein Bischof aus der Ukraine, die im Programm der Tagung vertreten ist, gesagt: ,Jahrzehntelang haben wir Befehle aus Moskau empfangen, jetzt wollen wir keine Befehle aus Brüssel.' Das sind Empfindlichkeiten, die diskutiert werden sollten. Zumal der in solchen Äußerungen unterstellte Zentralismusgedanke für die EU auf einem Missverständnis fußt.

Was hält also Europa im Innersten zusammen?

Dr. arnd Küppers Diese Frage beziehungsweise unsere Debatte darüber ist sinnvoll zur Selbstvergewisserung, wo wir stehen und wie wir dorthin gekommen sind. Ohne das Tagungsergebnis vorwegnehmen zu wollen: Die EU ist mehr als eine Freihandelszone. Ein im letzten Jahr erschienenes Dokument der COMECE trägt den Titel "Eine europäische Solidaritäts- und Verantwortungsgemeinschaft". An beidem, Solidarität und Verantwortung, mangelt es derzeit leider.

Die Referatsliste beginnt mit einem Vortrag des Päpstlichen Nuntius Jean-Claude Périsset. Er widmet sich dem Thema "Ecclesia in Europa". Ist damit, also mit dem Thema Kirche und Christentum, die Antwort auf die gestellte Frage im Grunde schon gegeben?

Schallenberg Damit ist sicherlich der Anspruch verbunden, dass Europa christliche Wurzeln hat. Aber Europa hat natürlich auch andere Wurzeln, vor allem in der griechischen und römischen Antike. Wie wir Europa verstehen, wäre der Kontinent ohne dieses gemeinsame jüdisch-christliche, griechische und römische Erbe nicht denkbar. In der Neuzeit kommen weitere Traditionsstränge dazu, vor allem die Philosophie der Aufklärung. Alles das gehört zu unserem gemeinsamen kulturellen Erbe.

Küppers Der Titel des Referates, "Ecclesia in Europa", zitiert den Titel eines Apostolischen Schreibens von Papst Johannes Paul II. aus dem Jahr 2003. Es wurde in Bezug auf den EU-Beitritt osteuropäischer Länder verfasst. Das Papier betont, dass Europa, trotz einer eingetretenen Erosion des christlichen Glaubens, weiterhin auch eine kulturelle und spirituelle Gemeinschaft darstellt. Es ist gut, sich darauf zu besinnen. Denn in der derzeitigen Krise gibt es in Europa dramatische Fliehkräfte. Das europäische Projekt war seit seinem Beginn nach dem Zweiten Weltkrieg nie so stark gefährdet wie augenblicklich.

Ist die Gewissheit noch vorhanden, dass Europa zuvorderst christlich geprägt ist?

schallenberg Das ist nicht Thema unserer Tagung. Wir sind ein sozialwissenschaftliches Institut, nicht die Zukunft der Religion steht zur Debatte. Aber wir fragen: Aus welchen Wurzeln haben wir Wertüberzeugungen in Europa? Wenn die Antwort den Glauben einbezieht, ist das in unserem Sinne. Wie zum Beispiel das Modell des Sozialstaates, das viel mit Menschenwürde zu tun hat. Und wir fragen: Was tragen wir als Christen zum Bau des geeinten Europa bei?

Ist damit auch die Soziale Marktwirtschaft im Fokus?

SChallenberg Ja, sicher. Der christliche Glaube muss praktisch werden. Man kann nicht Christ sein, ohne Solidarität und Gerechtigkeit im Blick zu haben.

War es schwierig, so namhafte Referenten wie den Nuntius Périsset und den an der Pariser Sorbonne lehrenden Philosophen Rémi Brague für die Tagung zu gewinnen?

schallenberg Es war in der Tat nicht einfach. Auf die Akquise hat Arnd Küppers sehr viel Mühe verwandt.

küppers Wir sind schon ein wenig stolz, dass wir so hochkarätige Referenten gewinnen konnten. Rémi Brague beispielsweise ist einer der bedeutendsten lebenden Religionsphilosophen und ein weltweit gefragter Wissenschaftler. Aber klar ist auch: Wenn man solche Leute aus dem Ausland nach Mönchengladbach einlädt, muss man längere Vorlaufzeiten beachten und einen langen Atem haben.

Auch der "Senior Project Manager" der Bertelsmann-Stiftung, Henning vom Stein, wird einen Vortrag über die europäische Einigung halten.

küppers Die Bertelsmann-Stiftung ist hinsichtlich unseres Fokus auf Europa ein wichtiger Think Tank und ein politisch einflussreicher Player, der sich immer wieder auch grundsätzlichen Themen widmet. Die Stiftung hat beispielsweise gerade eine spannende Studie zum Euro und den Vorteilen der Währungsunion aufgelegt.

Fast noch größeren Raum als die Referate nehmen zwei Podiumsrunden an den beiden Tagen im Rathaus Abtei ein. Ist dies Ausdruck eines Konzepts der Sozialethischen Gespräche, die ihrem neuen Namen gemäß tatsächlich den Gesprächsmodus stärken sollen?

Schallenberg Das war in den vergangenen beiden Jahren auch schon so. Wir haben versucht, dadurch die vorher etwas starre Struktur der Folge Vortrag / Nachfrage aufzulockern. Zugleich bringen wir damit den Anspruch zum Ausdruck, dass dies keine reine Fachtagung sein soll, sondern sich durchaus auch an ein breiteres Publikum richtet.

küppers Wir verfolgen insgesamt einen diskursiven Ansatz. Die Referenten sitzen jeweils mit auf dem Podium und sollen sich der Diskussion stellen.

Wie viele Teilnehmer haben sich angemeldet?

küppers Gegenwärtig sind bei uns 85 Anmeldungen eingegangen, aber wir können noch einige Besucher mehr unterbringen. Ich stelle mir gut 100 Gäste vor.

Sie richten die Tagung zusammen mit COMECE, dem Brüsseler Büro der europäischen Bischofskonferenzen, aus. Stehen deshalb immer europäische Fragen im Zentrum?

schallenberg Das ist unsere Absicht. Als ich die Leitung der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle in Mönchengladbach vor drei Jahren übernahm, war klar, dass die Zusammenarbeit mit der COMECE in Brüssel gestärkt wird.

DIRK RICHERDT FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

(RP/anch)
 
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