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Exkursion in die Niederlande
Was Gladbach von den Niederlanden lernen kann

Exkursion in die Niederlande: Was Gladbach von den Niederlanden lernen kann
Das neue Venloer Öko-Rathaus lieferte den Ausschuss- und Verwaltungsmitgliedern viele Anregungen für einen Rathaus-Neubau. FOTO: Stadt MG (2), Angela Rietdorf (3)
Mönchengladbach. Die Grenzstadt Venlo hat das modernste und nachhaltigste Gebäude in ganz Westeuropa gebaut – ihr neues Rathaus. Ein Ortstermin. Von Angela Rietdorf

"Schade", sagt Venlos Bürgermeister Antoin Scholten, "dass Sie ausgerechnet am heißesten 14. September seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in ein Gebäude ohne Klimaanlage kommen."

Er erntet Gelächter, denn das neue Rathaus der Stadt Venlo hat ein ausgesprochen angenehmes Innenklima vorzuweisen. Die Gäste aus der deutschen Nachbarstadt Mönchengladbach sind aus der Hitze, die draußen herrscht, in ein zum hitzestressfreien Arbeiten extrem geeignetes Gebäude gekommen. Ein Gebäude ohne konventionelle Klimaanlage, aber vollgepackt mit innovativen Energie-, Klima- und Arbeitsplatzkonzepten. Ein nigelnagelneues Rathaus, das nach dem "Cradle-to-Cradle"-Prinzip gebaut wurde und mit einem fertigen Plan für den späteren Abriss übergeben wurde.

Hier also wollen sich die Mitglieder des Bau- und Planungsausschusses, die Spitzen der Verwaltung und Mitarbeiter der Bauverwaltung Anregungen für einen Rathaus-Neubau in Gladbach beziehungsweise in Rheydt holen. Die niederländischen Nachbarn sind gerne bereit, ihre Erfahrungen zu teilen - sogar beim Anzapfen europäischer Fördertöpfe wollen sie sich in die Karten blicken lassen.

Das neue Rathaus steht am Rand der Venloer Innenstadt und ist schon von außen ein Blickfang - es hat Mauern aus Pflanzen. So sieht es jedenfalls aus, denn ein Großteil der Außenwandflächen ist begrünt. Diese vertikalen Gärten wirken nicht nur optisch schön, sie reinigen auch die Luft, sorgen für Kühlung und sind ein Teil der Dämmschicht. Im Inneren finden sich die grünen Wände vor allem im oberen Teil des Gebäudes wieder, im Gewächshaus. "Die Luft zieht durch das Gewächshaus, reichert sich mit Sauerstoff und Feuchtigkeit an, wird durch den Keller geleitet und dort entweder auf 22 Grad gekühlt oder erwärmt und strömt anschließend durch das Gebäude", erläutert Projektmanager Michael Weijers. Der Effekt: ein gesundes, angenehmes Raumklima.

Die Verantwortlichen erhoffen sich dadurch auch Einsparungen. "Eine gute Luftqualität führt zu einem geringeren Krankenstand und damit zu mehr Produktivität", sagt Weijers. Er schätzt, dass damit eine halbe Million Euro im Jahr gespart wird. Das ist überhaupt das Faszinierende an der Cradle-to-Cradle-Philosophie: Die einen nutzen sie aus ökologischen Gründen, die anderen aus ökonomischen. Es funktioniert immer, und deshalb gibt es im Venloer Stadtrat eine breite Mehrheit dafür. "Cradle-to-Cradle" bedeutet eigentlich, dass Materialien vollständig wiederverwertet werden können, dass Energie- oder Wasserkreisläufe geschlossen sind und dass großer Wert auf Biodiversität gelegt wird. Deshalb wurden beim Bau des Hauses Hölzer nicht gestrichen, sondern geölt, der Beton nicht behandelt und ein Abrissplan, der aufzeigt, wo was verbaut wurde, gleich mitgeliefert. Und weil das Gebäude durch die hochwertigen Materialien nach 40 Jahren noch einen Restwert haben wird, müssen die Venloer auch nur 90 Prozent ihres Kredits an die Bank zurückzahlen. Der Restwert wird nämlich schon jetzt einkalkuliert.

Bei der Arbeitsplatzgestaltung sind die Planer dem Trend gefolgt; haben darauf verzichtet, für jeden Mitarbeiter einen eigenen Arbeitsplatz vorzuhalten und setzen auf Flexibilität, Kommunikation und Teilen. "Wir brauchen deshalb ein Drittel weniger Fläche", so Weijers. Viele weitere Ideen von der Pflanzenkläranlage bis zum Sonnenschornstein haben in dem Öko-Bau, der sich vor interessierten Besuchern kaum retten kann, Platz gefunden. "Wir wollten es nicht weniger schlecht, wir wollten es gut machen", sagt der Projektmanager.

Die Gäste aus Gladbach nehmen viele Ideen mit nach Hause. "Das kann man nicht eins zu eins übertragen", sagt Baudezernent Gregor Bonin. "In Gladbach könnte ich mir etwa zusätzlich eine Kita für die Mitarbeiter vorstellen." Auch bei dem Rathaus-Projekt setzt sich der Baudezernent ehrgeizige Ziele. Er kann sich für 2019 einen Baubeginn für das neue Rathaus vorstellen und eine Bauzeit von sieben Jahren. "Die Verwaltung soll schließlich Bewegung in die Stadt bringen", meint er.

Quelle: RP
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