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Serie Denkanstoss
Was vom Reformationsjubiläum bleibt

Mönchengladbach. Das Reformationsjubiläum ist am 31.10.2017, also am Reformationstag, offiziell zu Ende gegangen. Die Gottesdienste waren an diesem Tag gut gefüllt. Menschen berichten begeistert. Die Frage ist: Was bleibt? Die Zeit wird uns die Antwort geben. Von Martin Gohlke

Ich persönlich ziehe eine sowohl negative als auch positive Bilanz. Fangen wir mit dem Negativen an. Der ganze Rummel um die Person Martin Luther mit unzähligen Produkten wie Lutherschnaps, Luthertee, Luther-T-Shirts oder Lutherkeksen kam mir suspekt vor. Ich hatte den Eindruck, dass Luther tüchtig vermarktet und viel Geld mit seiner Person verdient werden sollte. Das hätte er, wenn man ihn gefragt hätte, nie zugelassen.

Gehen wir vom Negativen zum Positiven über. Allerdings hat auch das Positive Schattenseiten. Zunächst einmal bot die Beschäftigung mit Luther und der Reformation viel Bereicherndes. Unzählige Bücher und Zeitungsartikel sind erschienen, die neue Seiten aufzeigten. In unserer Gemeinde haben wir uns in einer Predigtreihe mit diversen Gestalten der Reformation beschäftigt. Das fand ich hochinteressant. Luther, der Hochgeschätzte, war ein Mann mit Stärken und Schwächen. Diese Schwächen sind durch neue Literatur deutlich aufgezeigt geworden. Denken wir etwa an seine Haltung gegenüber den Bauern oder den Juden. In seiner Schrift "Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern" aus dem Jahre 1525 forderte er die Fürsten auf: "...man soll sie zerschmeißen, würgen, stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund erschlagen muss." Was diese denn auch mit den Bauern taten. Hier hat Luther viel Schuld auf sich geladen.

Über die Juden schreibt er 1543: "Die Juden sind ein solch verzweifeltes, durchböstes, durchgiftetes Ding, dass sie 1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen und noch sind. Summa, wir haben rechte Teufel an ihnen." Es wundert nicht, dass sich die Nationalsozialisten auf Luther als Kronzeugen ihrer Ideologie berufen konnten. Noch ein dunkles Kapitel im Leben Luthers ist sein Votum für die Doppelehe des Landgrafen Philipp von Hessen im Jahre 1539. Philipp fragte bei Luther an, ob es möglich sei, eine Doppelehe zu führen. Schließlich hätten die Patriarchen des Alten Testaments auch mehrere Frauen gehabt. Luther sagte nach Zögern zu, allerdings sollte es geheim bleiben. Wie naiv! Die ganze Sache flog auf, Philipp musste klein beigeben. Auf Bigamie stand damals die Todesstrafe. Philipp blieb zwar am Leben, musste aber dem Kaiser große Zugeständnisse machen, was den Protestantismus fortan sehr schwächte. Luther und Philipp hatten durch diese Affäre deutlich an Glaubwürdigkeit verloren. Diese Begebenheit wird gerne verschwiegen, sollte aber im Rahmen des Reformationsjubiläums erwähnt werden.

Kommen wir aber nun zum absolut Positiven: Was ich als sehr wohltuend empfand, war, dass dieses Jubiläum sich nicht gegen etwas wandte und sich nicht von etwas abgrenzen wollte. Im Gegenteil habe ich festgestellt, dass wir in diesem Jahr mit der katholischen Kirche weiter zusammengerückt sind. Der Grund dürfte darin liegen, dass dieses Jubiläum als Christusfest deklariert wurde. So wurde das Verbindende in den Mittelpunkt gestellt, denn wir haben als Christen nur einen Gott und denselben Christus.

Wir haben in diesem Jahr viel gemeinsam gemacht. Am Palmsonntag fand ein ökumenischer Kreuzweg von Odenkirchen nach Wickrathberg statt, der von Hunderten Menschen besucht wurde. Krönender Abschluss war der ökumenische Gottesdienst am Reformationstag. Dabei wurde eine ökumenische Gemeindepartnerschaft mit der katholischen Pfarrgemeinde in Wickrath feierlich unterzeichnet. Die Einheit der Christenheit ist Ziel dieser Schrift. 500 Jahre nach dem Thesenanschlag muss die Trennung der Christenheit ein Ende finden. Denn Luther wollte überhaupt keine neue Kirche schaffen, sein Ziel war, auf Missstände in der damaligen Kirche hinzuweisen. Dass es zur Trennung kam, ist sehr bedauerlich, das Reformationsjubiläum hat mir Mut gemacht, dass diese Trennung nicht für immer sein wird.

DER AUTOR IST PFARRER DER EVANGELISCHEN KIRCHENGEMEINDE WICKRATHBERG.

Quelle: RP
 
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