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Serie Denkanstoss
Was wir von Luther lernen können

"Luther" - Der große Reformator als Kinoheld
"Luther" - Der große Reformator als Kinoheld FOTO: Ottfilm
Mönchengladbach. Im Konfirmationsunterricht bringt Pfarrer Martin Gohlke seinen Konfirmanden die Geschichte Luthers näher. Von dessen Erfahrungen können Menschen auch heute noch profitieren, sagt der 50-Jährige. Von Martin Gohlke

Zur Vorbereitung auf den Reformationstag zeige ich derzeit meinen Konfirmanden im Unterricht den hervorragenden Lutherfilm aus dem Jahre 2003. Eine Schlüsselszene im Film bildet für mich die erste Messe des jungen Luther. Weil er total aufgeregt ist, verschüttet er in der Heiligen Messe den Abendmahlswein. Alle Anwesenden, unter anderem sein Vater, sind entsetzt. So etwas darf einfach nicht passieren, auch wenn man noch so nervös ist!

Luther ist ganz fertig. Gott ist für ihn wie ein grausamer Despot. Vor ihm muss man sich andauernd fürchten. Fehler darf man sich bei ihm nicht erlauben. Die werden unbarmherzig von Gott geahndet. Luther ist Seelsorger und ist dadurch ganz nah bei den Menschen. So bekommt er mit, wie sich ein Junge aufhängt und ein Mädchen außerhalb von Wittenberg leben muss, weil es verkrüppelt ist. Luther fragt sich unablässig: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?

Im Verlaufe seiner Tätigkeit als Professor in Wittenberg ringt er sich zu der Erkenntnis durch: Gott ist doch gnädig und barmherzig. Die Menschen und insbesondere die Kirchenoberen des Mittelalters haben nur ein falsches Bild von Gott gezeichnet. Die Bibel zeigt ihm auf, dass wir Menschen nicht vor Gott gerecht sein müssen, um vor ihm zu bestehen, sondern dass Gott uns seine Gerechtigkeit zuspricht. Endlich kann Luther wieder aufatmen. Diese Erkenntnis ist ein Befreiungsschlag für den verzweifelten Mönch. Für ihn bricht ein neues Leben an. Wir Menschen müssen uns nicht vor Gott beweisen und uns das Heil erwerben. Dies geschieht allein durch Christus. Nicht nur für Luther ist dies ein Neuanfang, sondern für viele Menschen seiner Zeit auch.

Für uns heute ist die Frage nach dem gnädigen Gott vielleicht eine Frage, die uns nicht mehr so beschäftigt. Aber Leistungsdruck und das Bestreben, bei meinen Mitmenschen gut anzukommen, ist auch heute ein wichtiges Thema. In unserer Zeit fühlen sich viele gezwungen, sich und ihre Arbeit ständig zu rechtfertigen. Der Druck von außen wird immer größer. Anerkennung und Wertschätzung der Person bleiben vielerorts auf der Strecke. Was bin ich und meine Arbeit noch wert? Bin ich nur noch eine Nummer in einem großen Ganzen, welche man beliebig austauschen kann? Es wundert mich nicht, dass Mobbing immer mehr um sich greift in einer Leistungsgesellschaft, in der ein Mensch einzig danach beurteilt wird, was er tut und was er kann. Jemanden zu mobben gibt der Gruppe das Gefühl von Überlegenheit und es sichert ein Stück die eigene Position in der Gemeinschaft. Die Überschrift in der Tageszeitung "Depressionen verursachen neuen Fehlzeiten-Rekord" wundert mich auch nicht. Dem Druck in der Gesellschaft sind viele nicht mehr gewachsen. Depressionen sind eine Folge davon.

Die Lebensfrage von heute ist: Wie bekomme ich einen gnädigen Menschen? Wie schaffe ich es, bei anderen gut anzukommen? Wie finde ich Achtung in den Augen anderer? Wer nimmt mich an, so wie ich bin?

In dieser Situation ist die Botschaft des Reformationstages hochaktuell: Ich muss mir nicht erst Anerkennung verschaffen, um gut zu sein. Nicht mein Aussehen, mein Wissen, mein Können oder mein Geldbeutel sind entscheidend dafür, was ich bin. Nein, ich bin gut, weil Gott mich gut findet. Vor ihm muss ich mich nicht dauernd rechtfertigen und Leistung bringen. Ich bin sein geliebtes Kind.

Bei Gott gelten andere Spielregeln als in unserer Leistungsgesellschaft. Das finde ich ungeheuer befreiend. Da mögen die Menschen etwas anderes behaupten. Bei Gott bin ich gerechtfertigt. Ihm kann ich vertrauen. Zwei Jahre vor dem großen Reformationsjubiläum lohnt es sich also, sich mit dieser wunderbaren Erkenntnis Martin Luthers neu zu beschäftigen.

Quelle: RP
 
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