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Mönchengladbach
Weihnachten auf Wanderschaft

Mönchengladbach. Afra ist Schreinergesellin auf Wanderschaft. Drei Jahre und einen Tag darf sie sich ihrem Heimatort nicht auf 50 Kilometer nähern, dafür sammelt sie eine Menge Erfahrungen. Von Michaela Feit

Mit Stock und Hut stapft sie draußen durch den Schnee. Afra, die 26-jährige Schreinergesellin auf Wanderschaft ist bereits seit zwei Jahren unterwegs, und die meiste Zeit machen ihr die 50 Kilometer Bannmeile um ihren Heimatort nicht besonders viel aus. Doch nun steht Weihnachten vor der Tür und da wird auch die starke Afra ein bisschen sentimental: "Die Zeit auf Wanderschaft ist spannend und abwechslungsreich, ständig lernt man neue Menschen kennen, aber gerade zu dieser Jahreszeit sehnt man sich doch nach der Familie und den Freunden – nach einer Konstanten. Da fällt es schon schwer, dass wir kein Handy haben dürfen. Und so bleibt mir nur das Briefe schreiben oder ein gelegentlicher Anruf von den Leuten, die mich für ein paar Wochen aufnehmen".

Für drei Jahre und einen Tag ist sie fremdgeschrieben. Das bedeutet, dass sie ihren Nachnamen abgelegt hat, nachdem sie in die Gesellenvereinigung Freier Begegnungsschacht (FBS) eingetreten ist. Afra, fremde Schreinerin im FBS, lautet nun ihr Name.

Durch ihren Beitritt gehört sie zu knapp 600 bis 800 Wandergesellen, die entweder freireisend oder in so genannten Schächten organisiert und fremdgeschrieben sind. Als Frau ist sie eher eine Seltenheit in dieser Zunft, denn nur zehn Prozent der Wandergesellen sind weiblich. "Ich glaube, dass die meisten die Ungewissheit scheuen, denn man darf für seine Reise und Unterkunft kein Geld ausgeben. Losgeschickt wird man mit symbolischen fünf Euro, mit denen man auch wieder nach Hause zurückkehrt", sagt Afra. Dies bedeutet dass sie meist zu Fuß oder per Anhalter unterwegs ist. In den Schreinereibetrieben, in denen sie anheuert darf sie maximal drei Monate am Stück arbeiten. Während dieser Zeit erhält sie den üblichen Tariflohn und kann meist bei einem Mitarbeiter übernachten. "Das schönste an der Wanderschaft sind die Erlebnisse und Erfahrungen – Zeit und Geld spielen dabei eigentlich keine Rolle", sagt sie weiter.

Gestartet ist sie in ihrem Heimatort Cölbe in Hessen. "Am Abend meines Abschieds habe ich mich zusammen mit meiner Familie, Freunden und anderen Wandergesellen am Ortseingangsschild getroffen. Dort haben wir eine Flasche gefüllt und sie mit geschriebenen Hoffnungen und Wünschen vergraben, die ich bei meiner Rückkehr herausholen und sehen kann, was sich davon bewahrheitet hat", berichtet die 26-Jährige. Somit hat sie sozusagen ihre eigene kleine Zeitkapsel.

Doch Afra musste nicht ganz alleine die ersten Schritte ihrer Wanderschaft gehen, ein weiterer Wandergeselle begleitete sie knapp einen Monat lang. In dieser Zeit lernte sie alles von ihm, was sie für die Wanderschaft, die sogenannte Walz wissen musste. "Durch unsere Kluft stehen wir für unsere Gesellenvereinigung. Ein Wandergeselle steht repräsentativ für alle. Da ist es somit wichtig, dass man einen guten Eindruck bei den Menschen hinterlässt, mit denen man in Berührung kommt."

Bevor sie durch Mönchengladbach wanderte war ihr letzter Halt in Oberndorf am Neckar. "Ich bin eine Zeit lang mit einer anderen Wandergesellin gereist, sie ist dann Richtung Berlin und ich ins Rheinland. Es ist also nicht so, dass man die ganze Zeit ganz alleine reisen muss", erzählt sie.

Auch Weihnachten hat sich Afra vorgenommen. nicht alleine zu sein. Sie und andere Wandergesellen stellen sie ihre Fähigkeiten zur Verfügung und mieten sich davon einen Raum zum Feiern.

Quelle: RP
 
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