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Mönchengladbach
Wenn 100 Gramm über alles entscheiden

Mönchengladbach. Da war das gesamte Know-how des "Eli" für Früh- und Risikogeburten gefragt: 1720, 1485 und nur 950 Gramm wogen die Drillinge Anastazija, Lucija und Marija, als sie in der 32. Woche zur Welt kamen. Seitdem entwickeln sie sich prächtig. Von Jan Schnettler

"Weiter so" steht auf dem rosa Luftballon geschrieben, der über Marijas Bettchen schwebt. Und: "1040 Gramm". Der gute Wunsch bezieht sich auf die Gewichtszunahme. Denn für Marija war das Erreichen der Ein-Kilo-Marke ein lebenswichtiger Meilenstein; gut eine Woche nach ihrer Geburt am 23. Oktober hatte sie ihn erreicht. Auf die Welt gekommen war sie mit lediglich 950 Gramm - deutlich weniger als ihre Schwestern Lucija (1485 Gramm) und Anastazija (1720). Sie hatte im Mutterleib einfach irgendwann aufgehört zu wachsen. In der 32. Woche kamen die Drillinge deswegen per Kaiserschnitt im Elisabeth-Krankenhaus zur Welt. "Marija war kritisch", sagt Dr. Harald Lehnen, Chefarzt der Mutter-Kind-Klinik.

1500 Gramm seien die "kritische Größe" für ein Frühchen, sagt Prof. Dr. Wolfgang Kölfen, Chefarzt des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin am "Eli". Dort bilden Frauen- und Kinderklinik den "neonatologischen Schwerpunkt Level 1"; hinter dem sperrigen Begriff verbirgt sich eine Geburtshilfe, die 2014 NRW-weit die meisten Kinder zur Welt brachte (2340). Die Spitzenposition und das damit verbundene geballte medizinische und pflegerische Know-how bringen folglich auch eine Vielzahl an Früh- und Risikogeburten mit sich. Rund 600 sind das pro Jahr, von denen wiederum zwischen 60 und 70 unter 1500 Gramm liegen. Und gerade bei deren Versorgung hat sich zuletzt unglaublich viel getan.

"Noch vor zehn Jahren sind von den Kindern unter 1000 Gramm die meisten gestorben", sagt Kölfen. "Heute liegt die Todesrate bei Kindern zwischen 750 und 1000 Gramm nur noch bei zehn bis 15 Prozent. Es ist sensationell, was die Medizin in der Geburtshilfe und der Neonatologie dazugelernt hat." Die Risikofaktoren für die Frühchen sind mannigfaltig - Gehirnblutungen, Infektionen, Lungeneinrisse infolge der künstlichen Beatmung oder Entzündungen im Bauch- und Darmbereich können auftreten. Bei Lucija, geboren um 10.52 Uhr, Anastazija, geboren um 10.54 Uhr, und Marija, geboren um 10.56 Uhr, ist bis jetzt jedoch alles gut gegangen.

Das freut die Ärzte, am meisten aber natürlich die Eltern, Michael und Natalija Dobersek aus Mönchengladbach. "Unser erster Gedanke, als wir von Drillingen hörten, war ,Oh mein Gott'", sagt der Vater. Denn ursprünglich waren sie von Zwillingen ausgegangen. Dann, im dritten Monat, sollten es zwei Jungen und ein Mädchen sein. Schließlich drei Mädchen. Und dann der Schock, dass Marija nicht mehr weiterwuchs. Das lange Bangen. "Jetzt hoffe ich, dass sie wenigstens alle Papakinder werden", sagt Michael Dobersek und lacht. "Wir freuen uns auf zuhause", fügt seine Frau hinzu. In zehn bis 14 Tagen soll es endlich so weit sein.

Stolz präsentieren die beiden ihre Drillinge - in kleinen roten Kleidchen und Nikolausmützen. Die noch immer kleinste, Marija, hat am Montag bereits die Zwei-Kilo-Marke geknackt und gewichtsmäßig zu ihren Schwestern merklich aufgeholt. Die beiden Ärzte betonen, wie wichtig es gewesen ist, die Geburt der Mädchen zumindest bis in die 32. Woche aufzuschieben - und bezeichnen es als "echten Beitrag zur Lebensqualität". Denn, so Lehnen, es gelte die Faustregel: Pro 100 Gramm zusätzlichem Geburtsgewicht kann von einem Zuwachs an zehn IQ-Punkten im unteren Bereich ausgegangen werden.

90 Prozent der Früh- und Risikogeburten am Eli entwickeln sich gut, der Schnitt in Nordrhein-Westfalen liegt bei 80 Prozent. "Die Initiative des Gesetzgebers, solche Spezialkliniken zu bilden, ist gut und richtig", sagen Lehnen und Kölfen denn auch. Zu deren Konzept gehört, natürlich auch am Eli, ein Nachsorgeprogramm für die Zeit nach der Entlassung aus der Klinik. Doch bis die Drillinge - übrigens kommen unter 7225 Geburten statistisch gesehen nur einmal Drillinge zur Welt - darin aufgenommen werden, werden sie hoffentlich noch mächtig an Gewicht gewonnen haben.

Quelle: RP
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