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Serie Denkanstoss
Wenn das Geld wichtiger als der Mensch ist

Mönchengladbach. Da nimmt jemand extra einen Tag Urlaub, um einen Arzttermin in einer weiter gelegenen Klinik wahrzunehmen. Als der Arzt dort den Umschlag mit den Unterlagen des behandelnden Arztes öffnet, stellt er fest, dass man ihm eine alte CD mitgegeben hat. Der ganze Aufwand war also umsonst. Von Martin Gohlke

Einem weiteren Patienten wird mitgeteilt, dass er eine unheilbare Stoffwechselkrankheit hat. Der Patient, misstrauisch geworden, sucht einen anderen Arzt auf, der die Diagnose nicht bestätigen kann.

Eine ältere Frau wird wegen eines Sturzes ins Krankenhaus eingeliefert. Dort erkrankt sie an einer Lungenentzündung und stirbt innerhalb weniger Wochen. Vorher erfreute sie sich bester Gesundheit.

Jemand will einen Termin bei einem Arzt vereinbaren. In meinem Beisein ruft die Person diesen an, weil ich ihn empfohlen hatte. Die Auskunft ergab, dass erst in fünf Monaten ein Termin frei wäre. Und immer häufiger höre ich von älteren Menschen, dass sie von Ärzten gesagt bekommen: "Schauen Sie auf ihr Geburtsdatum." Oder: "Für eine solche Behandlung sind Sie zu alt. Das lohnt sich nicht mehr."

Mich macht dies teils sprachlos, teils wütend. Es ist doch erwiesen, dass Deutschland immer älter wird. Darum sollte allen daran gelegen sein, die Lebensqualität bis ins hohe Alter zu erhalten. Die Aussage, man sei für etwas zu alt, kann ich so nicht stehen lassen. Hellhörig werde ich, wenn gesagt wird: "Das lohnt sich nicht mehr." Stehen hier ökonomische Interessen im Vordergrund?

Dies darf nicht der Fall sein. Auch eine ältere Person hat ein Anrecht, auf eine gerechte und angemessene Behandlung. Als ich Kind bzw. Jugendlicher war - also in den 70er bzw. 80er Jahren - hörte ich immer wieder staunend, welche Behandlungen und Kuren bewilligt wurden und was alles kostenfrei verschrieben wurde. Aus heutiger Sicht waren das paradiesische Zeiten. Doch meine Eltern meinten schon damals, dass dies so nicht weitergehen könne. Recht haben sie behalten!

Bei meinen Hausbesuchen wird mir immer wieder mitgeteilt, dass heute vielerorts nicht mehr der Mensch im Mittelpunkt stehe, sondern der Verdienst. Fernsehbeiträge, die über unnötige Bandscheiben-Operationen berichten, die aber viel Geld einbringen, scheinen das zu bestätigen. "Früher nahm man sich mehr Zeit für die Untersuchung", wird mir oft gesagt.

Für Jesus stand eindeutig das Wohl des Menschen im Mittelpunkt. Er hat sich auf jeden Menschen individuell eingestellt - manchmal sogar gegen den Willen seiner eigenen Jünger. Jesu berühmte goldene Regel hat noch heute Gültigkeit, ja gewinnt da sogar noch weiter an Aktualität: "Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen!" (Matthäus 7,12): So wie ich behandelt werden will, so soll ich auch andere behandeln.

Dieser Spruch lässt sich wunderbar auf unser heutiges Leben übertragen. Er stellt infrage, und genauso schafft er Klarheit. Der Mitmensch wird als Mensch erkannt, als Gegenüber, als Gottes Geschöpf, der von Gott geliebt ist und deshalb fair behandelt werden will.

DER AUTOR DES HEUTIGEN DENKANSTOSSES, MARTIN GOHLKE (50 JAHRE, VERHEIRATETET, FÜNF KINDER), IST PFARRER DER EVANGELISCHEN KIRCHENGEMEINDE WICKRATHBERG

Quelle: RP
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