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Mönchengladbach
Wenn das Leben zu früh beginnt

Mönchengladbach: Wenn das Leben zu früh beginnt
Mila und Mira Mroos liegen eng aneinander gekuschelt in ihrem Inkubator auf der Kinderintensivstation des Elisabeth-Krankenhauses. Die Zwillingsmädchen kamen am 28. Oktober knapp zwei Monate zu früh auf die Welt, seitdem werden sie im Krankenhaus versorgt. FOTO: Isabella Raupold
Mönchengladbach. Auf der Kinderintensivstation des Elisabeth-Krankenhauses Rheydt liegen Kinder, die zu früh auf die Welt gekommen sind. Einige wiegen nicht einmal 500 Gramm. Um sie und ihre Eltern kümmert sich ein Team aus Ärzten, Krankenschwestern und Sozialpädagogen. Von Marlen Kess

Die Finger der beiden Mädchen sind winzig, ihre Haut fast durchscheinend zart. Nebeneinander liegen die Zwillinge im Inkubator und schlafen. Mila und Mira Mroos sind Frühchen, drei Wochen nach der Geburt wiegen sie gerade einmal knapp 2000 Gramm. Sie werden über eine Magensonde mit Muttermilch versorgt, ein Wärmekissen hilft ihnen, die Körpertemperatur zu halten. Die beiden bleiben voraussichtlich noch bis Ende November hier. Das ist nicht einfach für die Eltern. "Wir wissen aber, dass die Mädels hier sehr gut aufgehoben sind", sagt Mutter Michaela Mroos.

Hier, das ist die Kinderintensivstation am Elisabeth-Krankenhaus in Rheydt. Das Perinatalzentrum, das sich um die Versorgung von Frühgeborenen kümmert, gehört zu den fortschrittlichsten in NRW. An den Wänden des Zimmers, in dem die Mädchen liegen, kleben bunte Zwergenbilder. Die Atmosphäre ist gelöst. Das ist nicht in allen Räumen so. Vier verschiedene Zimmer hat die Station insgesamt. Diese werden nach Pflegeintensität belegt. In einem abgedunkelten Zimmer leuchten nur Inkubatoren, Beatmungsgeräte und Monitore, auf denen etwa die Herzfrequenz der Frühchen aufgezeichnet wird. Hier liegen die kleinsten Patienten der Klinik, ein Baby ist kürzlich mit nicht einmal 500 Gramm zur Welt gekommen.

"Wenn die Kinder so früh geboren werden, haben sie eine Überlebenschance von 50 Prozent", sagt Chefarzt Prof. Wolfgang Kölfen. Die medizinischen Möglichkeiten hätten sich in den vergangenen 30 Jahren aber drastisch verbessert. "Heute sagt man, ein Kind ist ab der 24. Woche und mit etwa 450 Gramm Geburtsgewicht lebensfähig - früher lag die Grenze bei 1000 Gramm." In Deutschland kommen pro Jahr knapp sieben Prozent der Kinder, etwa 80.000, zu früh auf die Welt. Zu früh, das bedeutet vor der 37. Schwangerschaftswoche. Die Gründe sind vielfältig: Zum Beispiel kann eine Infektion wie Röteln oder Masern dazu beitragen, eine Fehlbildung des Kindes oder eine Mehrlingsgeburt. Etwa 8000 Frühchen gelten als besonders gefährdet, da sie bei der Geburt weniger als 1500 Gramm wiegen.

Christian und Michaela Mroos mit Petra Kurt, Prof. Wolfgang Kölfen, Bärbel Backhaus und Jutta Speier (v. l.) FOTO: Raupold Isabella

Mila und Mira gehörten nicht dazu: Sie kamen am 28. Oktober fast zwei Monate zu früh mit 1570 bzw. 1540 Gramm zur Welt. Was nach wenig klingt, kann für Frühchen entscheidend sein. "Studien zeigen, dass Frühgeborene mit mehr als 1000 Gramm Geburtsgewicht zu 60 Prozent nach fünf Jahren normal entwickelt sind, also etwa einen normalen Intelligenzquotienten haben", sagt Wolfgang Kölfen. "Schon 100 Gramm Geburtsgewicht mehr können beim IQ für zwei Punkte mehr sorgen." Etwa 20 Prozent der Kinder hätten nach fünf Jahren ein leichtes Handicap, weitere 20 Prozent seien schwerbehindert.

Die Unsicherheit über die weitere Entwicklung des Kindes ist für Eltern eine große Belastung - ebenso wie die Tatsache, dass sie ihr Baby oft wochen- oder sogar monatelang nicht mit nach Hause nehmen können. Familie Mroos, die in Hochneukirch wohnt, kommt jeden Tag in die Klinik, "meist zwischen drei und fünf Stunden", sagt Christian Mroos. Momentan hat der Lüftungsmonteur Urlaub, da ist das kein Problem. Doch zu Hause wartet der neunjährige Sohn der beiden, "der darf natürlich auch nicht zu kurz kommen", sagt Michaela Mroos. Auch der Umgang mit den Frühchen fällt vielen Eltern am Anfang schwer. "Wir haben uns erst nicht getraut, die Mädchen anzufassen", sagt Michaela Mroos, "sie waren so zerbrechlich." Doch diese Sorge konnte schnell genommen werden. Bei jeder Geburt ist ein speziell ausgebildeter Arzt dabei, dazu zwei Kinderintensivschwestern.

Ein Frühchen auf der Kinderintensivstation des Elisabeth-Krankenhauses FOTO: Städtische Kliniken

Um alle Fragen, die Eltern haben, kümmern sich auf der Station die beiden Krankenschwestern Petra Kurt und Jutta Speier sowie die Sozialpädagogin Bärbel Backhaus. Backhaus berät etwa im Umgang mit der Krankenkasse und vermittelt Hilfsangebote für überforderte Eltern. Dazu hilft sie als ausgebildete Trauerbegleiterin Eltern, deren Kind die frühe Geburt nicht überlebt. Jutta Speier beginnt mit ihrer Arbeit schon in der Frauenklinik. Hier berät sie Frauen, denen eine Frühgeburt bevorsteht. "Wir zeigen ihnen die Station und Fotos von Frühchen", sagt Speier, "damit wollen wir ihnen Ängste nehmen." Petra Kurt kümmert sich um Eltern, deren Kinder bereits auf der Station sind. "Ich erkläre ihnen genau, was mit ihrem Kind passiert, und leite sie an, mitzuhelfen." Das könne etwa beim Baden oder Wickeln geschehen, "manche Eltern helfen auch beim Füttern durch die Magensonde." Dazu bietet die Klinik ein Mal im Monat einen Treff für Eltern frühgeborener Kinder an.

"Wir wollen hier nicht nur die Frühchen bestmöglich versorgen, sondern die ganze Familie", fasst Chefarzt Wolfgang Kölfen zusammen. Das Wohlbefinden und die Entwicklung der Babys hingen immer auch mit der Zufriedenheit der Eltern zusammen. Bei Mila und Mira Mroos sieht es gut aus: Sie haben sich ohne Komplikationen entwickelt und nehmen fleißig an Gewicht zu. In zwei Wochen soll es endlich so weit sein: Dann können Michaela und Christian Mroos ihre Mädchen mit nach Hause nehmen.

Quelle: RP
 
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