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Schuldner haben immer höhere Belastungen
Wenn der Gerichtsvollzieher klingelt

Schuldner haben immer höhere Belastungen: Wenn der Gerichtsvollzieher klingelt
Wer mehr kauft, als er bezahlen kann, endet in der Schuldenfalle - das bekommt die Mönchengladbacher Schuldnerberatung zu spüren. FOTO: Erwin Wodicka
Mönchengladbach. Betroffene haben statistisch immer höhere Schulden bei mehr Gläubigern. Bei den meisten Klienten der Schuldnerberatung hilft nur noch eine Insolvenz.  Von Angela Rietdorf

Im Zehn-Jahres-Vergleich zeigt sich ein klarer Trend: Es kommen mehr Klienten zur Schuldnerberatung Mönchengladbach, sie haben deutlich höhere Schulden und sehr viel mehr Gläubiger. "Wir haben heute auch viel mehr langfristige Betreuungen als vor zehn Jahren", stellt Karin Fuhrmann-Dally, Leiterin der Beratungsstelle, fest.

In Zahlen liest sich das so: Die Fallzahlen bei der Schuldnerberatung stiegen in zehn Jahren von 2278 auf 2979, die Zahl der langfristigen Betreuungen von 920 auf 1426. Durchschnittlich haben die Klienten heute 52.634 Euro Schulden, wenn sie in die Beratungsstelle kommen. Vor zehn Jahren waren es noch 29.784 Euro. Die Gründe für die Überschuldung sind vielfältig: Arbeitslosigkeit, Trennung, Scheidung oder Tod des Partners, eine gescheiterte Immobilienfinanzierung, aber auch schlicht und einfach ein falsches Konsumverhalten. Wer mehr kauft, als er bezahlen kann, endet in der Schuldenfalle.

Bei jüngeren Leuten gebe es ein Problem mit der Moral, beobachtet die Beraterin. "Sie zahlen mit Karte und machen sich gar nicht klar, dass das Konto nicht gedeckt ist, und dass das, was sie tun, letztendlich Scheckkartenbetrug ist", sagt Fuhrmann-Dally. Die bargeldlose Zahlungsweise und die Bestellungen im Internet leisteten der Überschuldung Vorschub und führten auch zu der hohen Anzahl an Einzelforderungen und Gläubigern.

Erst wenn von allen Seiten Forderungen auf sie einprasseln, Kreditraten abgebucht und kein Geld mehr für den Lebensunterhalt auf dem hoffnungslos überzogenen Konto ist, suchen viele Schuldner die Beratungsstelle an der Odenkirchener Straße auf. Hier werden sie erst im Rahmen einer Gruppeninfo mit allgemeinen Ratschlägen und dann im Einzelgespräch mit individuellen Tipps zur Vorgehensweise versorgt. "Unser erstes Ziel ist es immer, das Existenzminimum zu sichern", erklärt die Beraterin. Weil aber bei praktisch jedem, der in die Beratungsstelle kommt, das Girokonto überzogen ist und deshalb nicht als Pfändungsschutzkonto dienen kann, ist der erste Schritt meist die Einrichtung eines neuen Kontos, das sich im Plus befindet und daher zum P-Konto gemacht werden kann. Damit kann gesichert werden, dass dem Schuldner zumindest das Geld für Miete, Strom und Lebensunterhalt bleibt. Mehr als 80 Prozent der Ratsuchenden bleibt dauerhaft nichts anderes übrig, als Privatinsolvenz anzumelden. Das heißt, dass sie sich auf ein Leben an der Pfändungsfreigrenze einzustellen haben - und das sechs Jahre lang. Danach sind sie aber entschuldet und können neu beginnen. Vorausgesetzt, sie haben sich an die Regeln gehalten und etwa verstärkt um Arbeit bemüht.

Der Besuch bei der Schuldnerberatung und die damit verbundene Lösung der verworrenen finanziellen Probleme werden von den Betroffenen oft als sehr entlastend empfunden. "Es gibt Gläubiger, die üben starken Druck auf die Schuldner aus", weiß Fuhrmann-Dally. Es werde von regelrechtem Telefonterror berichtet, mit Anrufen morgens, mittags, abends und in der Nacht. Oder von Angestellten von Inkassobüros, die Zutritt zur Wohnung verlangen. "Die muss man nicht reinlassen, nur den Gerichtsvollzieher", erklärt die Schuldnerberaterin.

Die Schuldnerberatung wird von den freien Wohlfahrtsverbänden getragen und von der Stadt Mönchengladbach finanziert. Die Beratung ist kostenlos, im Gegensatz zu kommerziellen Dienstleistern, die auch Schuldnerberatung anbieten - aber eben gegen Bezahlung.

Quelle: RP
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