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Serie Gladbacher Lesebuch (17)
Wenn die Niers ihr Bett verlässt

Serie Gladbacher Lesebuch (17): Wenn die Niers ihr Bett verlässt
An derselben Stelle wie 1963 kam es bereits 1947 zu schweren Überschwemmungen. Auch andere Teile Odenkirchens wurden damals überflutet. Der Schaden war groß. FOTO: Heimatverein Odenkirchen
Mönchengladbach. Heinz Willi Kleinen erinnert sich daran, wie große Teile Odenkirchens nach Tauwetter schon einmal unter Wasser standen. Von Heinz Willi Kleinen

Odenkirchen Zurzeit hört man wieder einmal, dass an vielen Flüssen das Wasser über die Ufer tritt. Sieht man die so harmlos dahin fließende Niers, können die Wenigsten sich vorstellen, welch Unheil sie schon angerichtet hat. Fast in jedem Jahrzehnt kommt es im Rheydter und Odenkirchener Raum zu Überschwemmungen.

So war es auch im Winter 1946/47. Ich war im ersten Schuljahr der Volksschule Bell und kann mich noch gut daran erinnern. Es hatte von Dezember bis Anfang März ununterbrochen starken Schneefall und strengen Frost gegeben. Am 10. März setzte gegen Abend starkes Tauwetter mit heftigem Regen ein. Was auch nicht alle wissen, die tiefste Stelle in Odenkirchen ist nicht die Niers, sondern die Achse Straßburger Allee-Duvenstraße-Steinsstraße. Da viele Kinder westlich der Niers wohnten, wurden am nächsten Morgen gegen 10 Uhr alle Schulen geschlossen und das noch gerade rechtzeitig, denn mittags standen schon alle tiefer gelegene Straßen Odenkirchens unter Wasser. Der Kreuzweiherplatz war ein See, und das Wasser floss mit starker Strömung Richtung Rheydt. Ich wohnte an der Bellerstraße und konnte von meinem Fenster aus das ganze Gebiet zwischen Einruhrstraße und Kochschulstraße überblicken. So sah ich auch, dass die Bewohner der Duvenstraße von amerikanischen Soldaten, welche hochgebaute Lkw hatten, aus ihrer Not befreit wurden. Zwei Tage später erreichte das Wasser seinen Höchststand, und eine Woche später hatte sich die Niers wieder beruhigt. Es entstanden sehr hohe Kosten für die Sanierung verschlammter Häuser, beschädigter Straßen und hochempfindlicher Textilmaschinen. Für die Bevölkerung waren die entstandenen Aufwendungen wirtschaftlich nur schwer tragbar.

Damit so etwas nicht noch einmal passiert, wurde im Wetscheweller-Bruch ein Rückhaltebecken geschaffen. Es reicht von den Wickrather Schlossniederungen an Wetschewell vorbei bis an den Bahndamm Odenkirchen-Hochneukirchen und kann 475.000 Kubikmeter Wasser fassen. Dort, wo die Niers den Bahndamm unterquert, wurde ein Schleusentor errichtet. Hinter dem Tor entstand ein kleiner Weiher. Um die starke Strömung bei Hochwasser nach Öffnen des Schiebers abzufangen, kann sich das Wasser hier "austoben" und Richtung Odenkirchen weiterfließen.

26 Jahre war es ruhig. Dann kam der März 1963. Wieder so ein Winter wie 1947, Schnee und Frost von Dezember bis März und plötzliches Tauwetter. Schon bald war das Niersgebiet überschwemmt, das Rückhaltebecken im Wetscheweller Bruch war schnell bis zum Rand voll, und immer noch floss Wasser nach. Da die Gefahr bestand, das Becken könnte überlaufen und weite Gebiete Wickraths und Odenkirchens überfluten, wurde die Bevölkerung in der Nacht mit Lautsprecher aus dem Schlaf gerissen. In Erinnerung an 1947 wurde dringend gebeten, die niedrig gelegenen Räume zu sichern. Schon mittags musste das Schleusentor geöffnet werden. Die Folge: Odenkirchens tiefste Straßen standen unter Wasser.

Nun kündigte sich eine neue Gefahr an. Der Damm zeigte Risse und drohte zu brechen. Sollte das passieren, würde eine 2,50 Meter hohe Flutwelle durch die Bahnunterführung schießen und große Teile Odenkirchens und Mülforts überfluten, und das wäre noch verheerender als im Jahre 1947 geworden. Da das THW es nicht alleine schaffte, wurde militärische Hilfe angefordert. Einhundert Mann des "Schweren Pionierbataillons" aus Köln-Longerich schafften es, die bedrohte Stelle auf einer Länge von 50 Metern und zwei Metern Breite mit Pfählen und Sandsäcken zu verstärken. Zum Glück war ein angekündigter Regen ausgeblieben, und so verliefen die Fluten schneller als 1947, und die Niers floss wieder friedlich dahin.

Quelle: RP
 
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