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Serie Denkanstoss
Wenn die Steine erzählen könnten

Serie Denkanstoss: Wenn die Steine erzählen könnten
Malerisch: die Kirche von Pasym. Der Baubeginn jährt sich zum 625. Mal. Protestanten aus Rheydt besuchen sie regelmäßig. FOTO: Olaf Nöller
Mönchengladbach. Versöhnung ist möglich: Diese Erfahrung hat Pfarrer Olaf Nöller gemacht. Er besuchte mit einer Gruppe der evangelischen Kirchengemeinde Rheydt Masuren in Nordostpolen und da die Partnergemeinde Pasym. Von Olaf Nöller

Auch fast eine Woche nach der Rückkehr stehe ich immer noch unter dem Eindruck der wundervollen Landschaft Masurens in Nordostpolen. Sie ist als südliches Ostpreußen ein Teil der deutschen Geschichte. Es war mittlerweile schon die 16. Studienreise, die eine 22-köpfige Gruppe in unsere Partnergemeinde, die heute noch knapp 200 Seelen zählende Ev.-augsburgische Gemeinde Pasym geführt hat. Diesmal gab's einen besonderen Grund: Der Baubeginn der dortigen Kirche jährte sich zum 625. Mal!

1391, das war zur Zeit des Deutschen Ritterordens, der das heidnische Land der "Pruzzen" erobert, christianisiert und neu besiedelt hatte, wurde auf einer Halbinsel im Kalbensee mit der Errichtung des schönen Gotteshauses im Stil der Backsteingotik begonnen. Im frühen 16. Jahrhundert erhielt das Kirchenschiff noch einen mächtigen Turm, der mit seiner geschwungenen Barockhaube aus dem 18. Jahrhundert bis heute weithin sichtbar über dem kleinen Landstädtchen aufragt, das bis 1945 Passenheim hieß.

1525 wurde es - wie das ganze Herzogtum Preußen - durch Einführung der lutherischen Reformation protestantisch. Erst später wanderten Katholiken zu. Nach dem 2. Weltkrieg kehrte sich die Situation um. Durch seine neuen heimatvertriebenen polnischen Bewohner wurde Pasym wieder katholisch, doch die mächtige Kirche blieb evangelisch. Der Grund ist, dass auch nach 1945 noch etliche - vielfach "masurisch" (= altpolnisch) sprechende - evangelische Masuren zurückgeblieben waren. So wie sie sich sprachlich allen deutschen "Germanisierungsversuchen" widersetzt hatten, so ließen sie sich jetzt auch ideologisch nicht "polonisieren". Sie kamen als "Spätaussiedler" zu uns.

Von all dem erzählt das Gotteshaus. Zu gerne betrachte ich seine vernarbten Ziegelmauern, die inzwischen aufgrund des Einsatzes meines Kollegen und auch dank vieler Spenden und deutsch-polnischer Fördermittel vorbildlich restauriert wurden. Was könnten die Steine nicht alles erzählen. Was mögen sie gehört und gesehen haben? Beispielsweise am 21. Januar 1945, als Pfarrer Ernst Burdach, selber gebürtiger Passenheimer, zwölf Gemeindeglieder zum letzten Gottesdienst in seiner Kirche versammelte. Die Geschütze brüllten seit Tagen unheilvoll; jetzt war die "Rote Armee" nur noch wenige Kilometer entfernt. Danach flüchtete auch er - wie Hunderttausende seiner Landsleute - und durfte überleben.

Aber auch das Gotteshaus mit seiner reichen Barockausstattung überstand das blinde Wüten der russischen Eroberer, die selber von den Nazis grausam erniedrigt und zur Vernichtung bestimmt gewesen waren. Hier wurde - wie durch ein Wunder! - nichts zerstört. Gott wollte es offenbar so! So erfüllte sich der Bibeltext der letzten deutschen Predigt: "Der Herr sprach zu Gideon: Friede sei mit dir! Fürchte sich nicht, du wirst nicht sterben. Da baute Gideon daselbst dem Herrn einen Altar und hieß ihn: Der Herr ist Friede." (Richter 6,23f).

71 Jahre später trafen sich Polen und Deutsche zum Danken und Feiern. Sogar Passenheimer und deren Nachkommen waren zum Kirchenjubiläum gekommen. Die Festpredigt hielt ein lutherischer Bischof aus Namibia, und die Orgel spielte ein evangelischer Kirchenmusiker aus Düsseldorf, der auch seine ostpreußische Heimat verlor und heute mit einer katholischen Polin verheiratet ist.

Was für ein Zeichen: Versöhnung ist möglich! Eine Gewissheit, die wir brauchen in diesen gefährlichen Zeiten, wo in vielen Ländern sinnlose Konflikte toben und auch bei uns Hass geschürt wird.

OLAF NÖLLER IST EVANGELISCHER PFARRER IN RHEYDT

Quelle: RP
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