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Mensch Gladbach
Wenn nicht jetzt, wann dann ?

Mönchengladbach. Wenn schon in einer offiziellen Vorlage für den Rat Schlagertitel bemüht werden, können wir diesen Fehdehandschuh natürlich nicht zu lange rumliegen lassen. Hinterher stolpert irgendeine Königin drüber. Seite heute Morgen wird zurückgesungen. Haken Sie sich lieber unter, zusammen stehen wir das wahrscheinlich besser durch.

Einer fliegt gerade ziemlich hoch über den Abteiberg und pfeift dabei noch ein fröhliches Liedchen. Seinen in jedweder Hinsicht bemerkenswerten Zehn-Punkte-Plan für das Wachstum der Stadt hat Planungsdezernent Gregor Bonin unter anderem so erklärt: Wenn nicht jetzt, wann dann. Das ist von der Kölner Schlager-Kapelle "Höhner" geklaut, was Bonin wahrscheinlich nicht einmal weiß. Weswegen Bernd Gothe jetzt ganz nervös wird, aber der ist gleich erst dran. Dass Bonin sein Handwerk in der noch größeren Welt gelernt hat, sieht man jedenfalls an der Auswahl dieses Titels.

Denn der Schlager ist ja ein wunderbares Reservoir, auch um die Wirrungen der örtlichen Politik zu erklären. "Es fährt ein Zug nach Nirgendwo" gilt ja beispielsweise nicht nur für die hiesige Verkehrspolitik, sondern letztlich für die Zielorientierung dieser Stadt in den letzten beiden Jahrzehnten insgesamt. "Er gehört zu mir" bringt mit schlichten Worten auf den Punkt, warum es zwischen CDU und SPD keine wahrnehmbaren Unterschiede gibt. "Verlieben, verloren, vergessen, verzeih'n" ist die denkbar beste Zusammenfassung der Ampel-Jahre. Und "Griechischer Wein" erklärt ja manchen "Wahnsinn" immer noch am schlüssigsten. Aber nein. Bonin hat "Wenn nicht jetzt, wann dann" als Motto erkoren. Stilsicher!

Denn das gilt ja nicht nur dafür, dass es tatsächlich an der Zeit ist, dass die Stadt ihr Schicksal endlich in die Hand nimmt. Mit Ziel und Verstand. Sondern zum Beispiel auch für die Karnevalisten. Die klagen sich seit Jahren in den Schlaf darüber, dass es schwieriger geworden ist, Menschen in die Karnevalssäle zu bekommen, und haben alle Schuldigen durch - die Konkurrenz, das Rauchverbot, die Sponsoren -sind aber immer noch an keinem Spiegel vorbeigekommen, um den wahren Grund des Dilemmas sehen zu können.

Wer glaubt, ein und dasselbe Format funktioniere über Jahrzehnte in unveränderter Form, hat nicht verstanden, wie Gesellschaft sich entwickelt. "Wetten, dass..." ist nicht ohne Grund ausgestorben. Wer meint, Veranstaltungen, die nie unter fünf Stunden dauern und von zum Teil fragwürdigem Niveau sind, würden heutzutage Massen begeistern, glaubt auch, dass der Klapperstorch die Kinder bringt. Sitzungskarneval wirkt aus der Zeit gefallen, wenn er nicht diese Regeln beherzigt: Macht weniger Sitzungen. Deutlich weniger. Macht sie kürzer. Lasst in den kleinen Gesellschaften lieber Laien als gekaufte Künstler auf die Bühne. Legt Sitzungen zusammen und bietet dort dann nur das Feinste. Sprecht Euch ab. Dreimal Stelter innerhalb weniger Wochen braucht niemand. Erfindet neue Formate. Nehmt dem Karneval das Öffiziös-Staatstragende. Macht ihn bunter. Lustiger. Anarchischer. Nicht dann. Jetzt.

Wie man Wechsel hinbekommt, hat ja ausgerechnet Kicker Granit Xhaka bewiesen. Verlässt Borussia, was heikel ist in diesem verlogenen Geschäft, in dem alle in Laienschauspiel-Qualität den Schein zu erwecken versuchen, es gehe um Ehre, Treue und Liebe. Und kommt da strahlend raus. Modell klare Kante. Ehrliche Haut. Stark! "Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben." 43 Millionen! Wie lange dafür ein Rocker-Clan Schutzgeld erpressen muss. "Ein bisschen Spaß muss sein."

Quelle: RP
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