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Mensch Gladbach
Wenn Politiker die Verantwortung wiederentdecken

Mönchengladbach. Mit "Hätte, hätte, Fahrradkette" verlor Peer Steinbrück eine Wahl. Mit "Schnelle, schnelle, Bushaltestelle" erobern sich die hiesigen Politiker moralische Beinfreiheit zurück. Reden wir also über Verantwortung.

Ja, die Entscheidung, für ein Jahr lang die Hälfte der Busse aus der Hindenburgstraße zu schicken, ist in der Sache verwegen und ein Lehrstück für missglückte Kommunikation obendrein. Und doch ist sie fast so gut wie ein 5:0-Heimsieg der Borussia. Weil sie ein überfälliges Ausrufezeichen gegen fade political correctness und bangebuchsige Gutachteritis setzt!

Es ist ein ehrenwertes Unterfangen, bei wichtigen Entscheidungen der öffentlichen Hand alle Betroffenen rechtzeitig einzubeziehen. Im Falle der Busse in der Fußgängerzone also zum Beispiel Händler, den Busbetreiber, Verkehrspolitiker und allerlei Verbände. Es ist auch immer schön, schlaue Menschen, also zum Beispiel Gutachter, zu fragen. Denn die können - daher der Name - gut darauf achten, die vorher schon feststehende Meinung des Auftraggebers mit ein paar Argumenten zu unterfüttern.

Genau wie die ganzen Interessensverbände erfahrungsgemäß nicht in erster Linie Garanten dafür sind, innovative Ideen zu gebären, sondern den Status Quo zu zementieren. Wer wirklich bahnbrechende Ideen will, gründet keinen Arbeitskreis - sondern lässt lieber demjenigen freie Bahn, der so etwas kann. Der Rest darf dann später gerne beim Feintunen helfen.

Wie überhaupt das ganze Einbestellen von Gutachtern und Einbeziehen von Bürgern nicht etwa Zeichen gelebter Demokratie ist, sondern in Wahrheit bequemes Abschieben von Verantwortung. Ich bin es nicht Schuld, der Gutachter hat es ja so gesagt. Und die Bürger haben es gewusst. So mutlos erklärt sich Politik seit langem selbst den Bankrott, weswegen folgerichtig immer weniger wählen gehen.

Und nun dies: Eine Entscheidung! Eine überraschende zudem! Eine, für die die Faktenbasis wackelig ist! Die nicht der Mehrheitsmeinung des Arbeitskreises entspricht! Aber einer Grundidee und dem Gefühl, dass es so einfach nicht weitergehen darf! Gegen die der Gutachter ist! Für die die Politiker nun selbst die Verantwortung übernehmen! Hurra!!! Mehr davon!

Die Allergie von Politikern gegenüber Verantwortung haben sie ja längst auch auf die Bürger übertragen. Das Verhältnis des Staates zu seinen Bürgern ist das einer Helikopter-Mutter, die ihrem 32-jährigen Sohn das Frühstück ans Bett bringt und ihm die Sachen zum Anziehen rauslegt. Um sich ab und an zu wundern, dass der Kleine irgendwie nicht flügge werden will. Würde man den Menschen zutrauen, ihres eigenen Glückes Schmied zu sein, was würden viele da Prächtiges schmieden.

Dürfen sie aber nicht. Auch die Verkäufer nicht. Sie sollen sonntags vor Arbeit geschützt werden und der Bürger vorm Shoppen. Warum eigentlich? Diejenigen, die außer an Weihnachten nie eine Kirche von innen sehen, müssen jetzt gar nicht inbrünstig ihr Christsein entdecken - die verkaufsoffenen Sonntage beginnen bei uns erst um 13 Uhr. Da bleibt vorher Zeit für zwei Messen. Was für eine absurde Anmaßung, in Zeiten einer globalen Welt zu glauben, der Lauf der Zeit lasse sich an Grenzen aufhalten. In Roermond käme man aus dem Lachen gar nicht mehr heraus, wenn in Gladbach tatsächlich alle Läden sonntags immer verrammelt blieben.

Und jetzt Wochenende. Ob es schön wird, liegt allein in Ihrer Verantwortung. Sie schaffen das!

Quelle: RP
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