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Mönchengladbach
Wenn Trennungen eskalieren

Mönchengladbach: Wenn Trennungen eskalieren
Die Trennung will gefeiert sein - diese Scheidungstorte war im vergangenen Jahr Ausstellungsstück bei der Scheidungsmesse in Dortmund. Scheidungen werden zwar seltener, aber dafür umso heftiger. FOTO: Reichartz, Traumtorte.de
Mönchengladbach. Die Zahl der Scheidungen ist 2014 in Mönchengladbach zwar auf ein Rekordtief gefallen. Beratungsstellen haben aber trotzdem nicht weniger zu tun. Wenn Eltern sich trennen, eskalieren Konflikte immer häufiger - zulasten der Kinder. Von Andreas Gruhn

Über viele Jahre waren zwei Dinge in Mönchengladbach gewiss: Die Familiengerichte haben mit Scheidungen sehr viel zu tun. Und das Standesamt hat im Landesvergleich die wenigste Arbeit mit Eheschließungen. Insofern überrascht eine Entwicklung selbst die Experten in der Stadt: Im Jahr 2014 erreichte die Zahl der Scheidungen einen historischen Tiefstwert von 649 Fällen. Nie in den vergangenen drei Jahrzehnten gab es weniger Scheidungen in der Stadt. Der Rückgang gegenüber 2013 betrug 10,9 Prozent, der landesweite Trend war somit in Gladbach besonders stark ausgeprägt. Im Jahr 2008 noch gab es 926 Scheidungen in der Stadt. Zahlen für 2015 veröffentlicht das Statistische Landesamt erst im Frühjahr.

Ob das damit zu tun hat, dass Borussia seit einigen Jahren erfolgreicher spielt oder dass mehr Menschen einen Arbeitsplatz haben und es damit tendenziell weniger Frust in Gladbachs Haushalten gibt, lässt sich kaum feststellen. In den Beratungsstellen führen die meisten Experten den Rückgang an Scheidungen ohnehin darauf zurück, dass eben auch die Zahl der Eheschließungen seit Jahren gesunken, mittlerweile aber konstant ist bei 972 Hochzeiten im Jahr 2014. "Wer nicht verheiratet ist, der muss sich auch nicht scheiden lassen", sagt Edeltraud Tönnis, Leiterin der Familienberatungsstelle der Diakonie in Rheydt. "In unserer Beratung spüren wir keinesfalls einen Rückgang."

Ähnliches gilt für das katholische Beratungszentrum für Ehe- und Familienfragen in Mönchengladbach. Dort wurden 690 Familien im vergangenen Jahr beraten (abgeschlossene Fälle). Josef Lüke, Leiter des Beratungszentrums, und seine Kollegen machen in den Beratungen immer häufiger die Erfahrung: Wenn es kracht in der Familie, dann aber richtig. "Immer mehr Eltern mit eskalierenden Elternkonflikten suchen unser Beratungszentrum auf", heißt es im gerade vorgelegten Tätigkeitsbericht des Beratungszentrums. Eskalierend bedeutet, dass sich Eltern in Trennung so sehr zerstritten haben, dass sie um jeden Preis einander bekämpfen und deshalb nicht einmal mehr dazu in der Lage sind, den Umgang mit den Kindern selbst zu regeln. "Das Wohl des Kindes gerät häufig aus dem Blick und in extremen Fällen wird das Kind zur Erreichung der eigenen Ziele instrumentalisiert", sagt Lüke. Eine vom Gericht oder Jugendamt angeordnete Beratung ist dann der letzte Weg, noch eine einvernehmliche Lösung zu finden. Aber das ist schwierig. "Die Gespräche sind hoch kompliziert. Oft ist allein die Terminabsprache mit den ehemaligen Partnern sehr schwierig", berichtet Lüke. Sind die Eltern dann einmal zu gemeinsamen Gesprächen bereit, geht es oftmals über Monate erstmal um Verletzungen, Schuldfragen - und gar nicht um den Umgang mit dem Kind. Nicht immer gelingt es den Beratern, den Konflikt so weit zu entschärfen, dass die Eltern sich auf einen vernünftigen und geregelten Umgang mit dem Kind einlassen - obwohl die Beratung mitunter über ein Jahr gehen kann.

Weil Elternkonflikte immer öfter eskalieren, schlägt das katholische Beratungszentrum vor, gemeinsam mit anderen Beratungsstellen und dem Jugendamt ein einheitliches Konzept im Umgang mit eskalierenden Elternkonflikten zu entwickeln.

Quelle: RP
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