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Mönchengladbach
Wie ich Kasparow beinahe entkam

Mönchengladbach: Wie ich Kasparow beinahe entkam
Händeschütteln vor Beginn einer aufregenden Partie: Gert Fischer und Schach-Größe Garry Kasparow. FOTO: Fischer
Mönchengladbach. Kulturdezernent Gert Fischer erzählt, wie er gegen den früheren Schach-Weltmeister antrat - und ihn kurz aus der Fassung brachte. Von Gert Fischer

Mönchengladbach, 2. Juni 2016, 13.50 Uhr. Ich bin auf dem Weg zur Kaiser Friedrich-Halle. In einer halben Stunde soll ich zusammen mit 15 anderen gegen Garry Kasparow simultan spielen. Ursprünglich wollte ich nicht, aber die letzten Tage habe ich mich dann aber doch gefreut, denn er ist ja nicht nur ein heißer Kandidat auf den Titel "bester Schachspieler aller Zeiten", sondern er steht für mich auch für jene Zeit in den achtziger Jahren, als ich noch regelmäßig und mit Ehrgeiz Schach gespielt habe. Ich gebe aber zu, dass mir Karpow immer lieber war; weil ich seine Partien immer besser verstehen konnte als die von Kasparow. Dessen Spiel war mir immer zu hoch.

Das Management von Kasparow hat sichergestellt, dass ihm niemand gegenübersitzt, der mehr als 2000 ELO-Punkte auf die Waage bringt. Dass er stärkere Gegner fürchten muss, glaube ich nicht. Eher ist da schon sein Terminkalender ein Problem. Ergo sollten die Gegner nicht zu zäh sein und auch nicht zu viele. Verstehe ich gut.

14:00 Uhr: Uijuijui! Alle 100 Zuschauerplätze sind besetzt. Und da sitzt auch so mancher, der das, was nachher bei mir aufs Brett kommen wird, besser beurteilen kann als ich selbst. Die 16 Partien werden live auf eine Leinwand übertragen. So viel Ehre war nie! Und so viel Gelegenheit zur Blamage auch nicht. Der Schirmherr erklärt die Regeln. Unsere Wasserflaschen müssen unter dem Tisch stehen, nicht dass Garry sie noch mit einer Schachfigur verwechselt.

Er legt los. Ich schaue auf die Leinwand. Von wegen e4, d4, c4 und vielleicht noch Sf3 in schönem Wechsel. Überwiegend e4 mit etwas d4 dazwischen. Das braucht's aber bei mir bitte nicht, denn auf Sf6 spielt er 2.Lg5. Das hatte ich in den letzten Jahren nur einmal auf dem Brett, einen Mist habe ich da gespielt. Kein Gespür für den Stellungstyp. Da ist er: Shake Hands und 1.e4. Geht doch!

Kasparov, Garry (2812) - Fischer ,Gert [C43]

1.e4 e5

2.Sf3 Sf6

3.d4

Wenn die großen Jungs unter sich sind, spielen sie heutzutage meistens 3.Sxe5 d6 4.Sf3 Sxe4 5.Sc3. Da hat Schwarz Nichts und Weiß kann ihn mit Wenig stundenlang quälen. Die alte "Hauptvariante" mit 5.d4 d5 scheint so ausanalysiert, dass sie "ganz oben" nur noch selten aufs Brett kommt. Im Match Karpow-Kasparov spielten diese Stellungen eine wichtige Rolle.

3...Sxe4

4. Sxe5

Das nervt. Ich muss was entscheiden. Mit 4....d6 5.Sf3 d5 kann man in der "Hauptvariante" landen. Lieber nicht.

4...d5

5.Sd2

Upps! Für mich neu. Bei 5.Ld3 kenne ich noch etwas Theorie. Was will er? Lang rochieren wahrscheinlich. Egal. Ich bin froh, wenn der Springer vom Brett ist.

5...Sxd2

6.Lxd2 Ld6

7.Df3 Le6

8.0-0-0 Sd7

Hier wäre vielleicht 0-0 gegangen, wie auch schon im 6. Zug. [Im Nachhinein: Computer says "Yes"], aber den Gefallen tue ich ihm nicht. Königsangriff auf verschiedenen Flügeln, das täte ihm so passen! Ich sehe lieber zu, dass der zweite Springer verschwindet und versuche, mir die Option 0-0-0 offenzuhalten.

9.Te1 Sxe5

10.dxe5 Le7

11.Dg3

Jetzt ist g6 natürlich unvermeidlich und ich denke etwas über schwache Felder nach. Dabei hilft, dass die Springer weg sind. Wo auch immer sein schwarzer Läufer hingeht, da muss auch meiner hingehen. Die Biester müssen vom Brett. Dann bleibe ich zwar auf dem "schlechten", weißen Läufer hängen, aber der hält die Stellung zusammen und schaut nach a2.

11...g6

12.Db3 (Diagramm 1):

So, jetzt wird es aufregend. Ich sehe, dass man vielleicht den Bauern auf b7 geben kann: 12...0-0, 13.Dxb7 Tb8. Aber natürlich wird er dann nicht auf a7 nehmen, um sich nach Ta8 auf der a-Linie hinrichten zu lassen, sondern die Dame nach a6 oder c6 ziehen. Ich weiß nicht, ob ich dann Kompensation habe - jedenfalls nicht genug um 900 Wertungspunkte auszugleichen. Also kommt die Dame nach c8. Hier hilft sie, den Königsflügel zu bewachen, und ich "drohe" jetzt vielleicht doch 0-0 nebst c5.

12...Dc8

13.Lh6

Er scheint das genau so zu sehen und verhindert mir die Rochade. Dann backen wir jetzt eben kleine Brötchen, spielen c6, tun die Dame nach c7 und rochieren lang. Wenn er die ganze Zeit mit seiner Dame durch die Gegend zieht, werde ich mir das auch leisten können.

13...c6

14.Ld3 Dc7

Krise! "The Beast from Baku" baut sich vor mir auf, finstert mich an und erklärt:"You are the best player here!" (Oh, vielen Dank für die Blumen! Es war mir gar nicht klar, dass ich bisher so toll gespielt habe. Und im übrigen stimmt das nicht. Hier sind vier oder fünf, die auf einem ähnlichen Niveau sind.) Ich schaue ihn fragend an. "Why didn't you tell me?" Er zeigt auf mein Namensschild. Dort stehen mein Name und in der Rubrik ELO-Zahl drei Pünktchen. Er richte sein Spiel an seinen Kenntnissen über die Spielstärke der Gegner aus. Ich habe ihn in die Irre geführt. Ich versichere ihm wahrheitsgemäß, dass ich nie in meinem Leben eine ELO-Zahl besessen habe und dass meine deutsche Wertungszahl, die ich dem Veranstalter mitgeteilt hätte, unter 2.000 liegt. Vielleicht gebe es ein Missverständnis, vielleicht sogar bei seinem Management. Er knurrt "unfair" und knallt seinen Zug aufs Brett. [Im Nachhinein: Der Veranstalter hatte das Management in der Tat nach dem Umgang mit deutschen Wertungszahlen gefragt und von dort die Ansage erhalten, sie wegzulassen. In einem kurz darauf von ihm geführten Telefonat hat der Zürnende seine Leute angebellt. Es schmeichelt meiner Eitelkeit, mir vorzustellen, es könne dabei um den von meinem Spiel verursachten diplomatischen Zwischenfall gegangen sein.]

Jedenfalls bin ich erst mal ein paar Minuten irritiert. Etwas weh tut mir das Wort "unfair" aber schon. Gut, dass es im Moment nicht lohnt, über die Partie nachzudenken. Ich habe ja einen Plan.

15.Da4 Db6

16.Le3 Db4 [16...Lc5]

17.Dxb4 Lxb4

18.c3 Le7

Was halte ich jetzt von der Stellung? Mit f6 kann ich den e5 entfernen. Danach wird sich Stellung öffnen, aber eben nur ein wenig. Genug, um die Läufer zu tauschen, aber nicht so sehr, dass ohne Bauernopfer mehr als eine offene Linie entsteht. Wenn ich hier verhindern kann, dass seine Türme einbrechen, sieht es gar nicht so schlecht aus. Dann wird es unterschiedliche Bauernmehrheiten auf den Flügeln geben, aber frag' mich nicht, was das irgendwann einmal bedeuten wird.

19.f4= [19.h4=] Kd7

20.Td1 f6

21.Ld4 Thf8

22.g3 fxe5

23.Lxe5 Ld6= [23...Tae8=]

24.Tde1 Lf5

Das habe ich jetzt nicht so schlecht vorhergesehen. Und natürlich wird er nicht auf f5 nehmen, sondern den König näher bringen.

25.Kd2 [25.Lxf5+ Txf5 26.Lxd6 (26.g4? Tf7) 26...Kxd6 27.Te3 Tg8 28.The1 Tg7=] Lxd3

26.Kxd3 Tae8

27.Lxd6 Kxd6

28.Thf1 Te6

29.Txe6+ Kxe6

30.Te1+ Kd6

31.Te5

Das ist alles etwas passiv, aber so war es ja angelegt, und die Einbruchsfelder habe ich unter Kontrolle. Der König passt auf e6 und e7 auf, und der Turm bewacht die 8. Reihe. Dann wiederum muss ich vorsichtig sein, dass ich nicht irgendwann in Zugzwang gerate, weil ich auf zu viel auf einmal achten muss. Sehen wir erstmal zu, dass keine Bauern mehr auf der 7. Reihe stehen. Und dann werde ich Gegenspiel am Damenflügel suchen müssen.

31...h6

32.h4 b6

33.Ke3 a5

34.g4 b5

35.a3

Ein entscheidender Moment: Der Druck ist gewachsen. Er taucht immer schneller wieder auf. Nicht mehr viele sind übrig. Lauter technische Gewinnsstellungen; davon nur eine etwas komplizierter.

Mist! Da ist er schon wieder und fixiert mich streng. Ich entscheide mich für b4. Das damit verbundene Bauernopfer dürfte nicht wirklich eins sein. Ich kriege den b-Bauern zurück und habe dann aktives Spiel am Damenflügel bzw. offene Linien, über die mein Turm Weiß dann von der Seite oder von hinten ärgern kann. In Worten ist das leicht gesagt, rechnen kann ich es aber nicht mehr, denn er guckt immer noch streng. [Im Nachhinein: Der elektrische Klugscheißer gibt a4 anstelle von b4. Aber auch in dieser Variante folgen das vorübergehende Bauernopfer auf b4 und der Einbruch des schwarzen Turms am Damenflügel. Der Vorteil gegenüber dem sofortigen b4 liegt darin, dass der schwarze Freibauer, der Weiß nicht wirklich bedroht, ihn aber zwingt seinen Turm von der e-Linie abzuziehen, weiter entfernt entsteht, als in der von mir gewählten Variante. Aber diese Feinheiten habe ich zu dem Zeitpunkt nicht mehr gesehen. Jedenfalls will ich rückblickend mit dem Zug b4 sehr zufrieden sein.]

(Diagramm 2):

35...b4 [35...a4 36.Kf3 c5 37.Te2 b4 38.axb4 cxb4 39.cxb4 Tb8 40.f5 gxf5 41.gxf5 d4 42.Te4 Txb4=]

36.axb4 axb4

37.cxb4 Tb8

38.h5 g5

39.Tf5 gxf4+

40.Txf4= Ke5

41.Kf3 d4 [41...Tb7=]

42.Tf5+ Ke6

43.b5

(Diagramm3):

Uff! Der erste Zug seit langem, den ich nicht auf dem Schirm hatte. Ich habe kaum Zeit, in ein paar Zügen werde ich allein sein. Dann muss ich das Turmendspiel zu Ende blitzen, auch die Angst vor der Niederlage verliert ihren Schrecken. Ich werde erzählen können, dass ich länger als alle anderen ausgehalten habe und dass ich bis ins Turmendspiel eine ausgeglichene Stellung hatte. Da ist er schon wieder. Ich schlage mit dem Bauern. [Im Nachhinein: Ein Nehmen mit dem Turm sollte ohne Probleme ins Remis führen - sogar gegen einen deutlich überlegenen Spieler. Die Finger, über die ich verfüge, reichen aus um abzuzählen, dass die Bauern nach erfolgtem Turmtausch zeitgleich einziehen werden. Tauscht er nicht, kann er vielleicht sogar Probleme kriegen. Trotzdem ist die Stellung immer noch fast ausgeglichen.]

43...cxb5 [43...Txb5 44.Txb5 cxb5 45.Ke4 Kf6 46.Kxd4 Kg5 47.Kc5 Kxg4 48.b4 Kxh5 49.Kxb5 Kg4 50.Ka4 h5 51.b5 h4 52.b6 h3 53.b7 h2 54.b8D h1D]

44.Ke4 Tg8?! [44...Td8= 45.Kd3 b4 46.Tb5 Tg8 47.Tb6+ Kd5 48.Txh6 Txg4 49.Tg6 Th4 50. Tg5+ Kc6 51.Kc4 d3+ 52.Kxd3 Th2 53.b3 Th3+ 54.Kc2 Th2+ 55.Kb1=]

Tg8 ist der erste richtige Fehler in meinem Spiel. Ab jetzt wandelt Schwarz im Tal des Todes. Vielleicht kann man die Partie bei bestem Spiel noch retten, aber angesichts des Stärkeunterschieds ist das unwahrscheinlich. Es dauert bis zum 50. Zug, ehe ich merke, dass ich hinüber bin. Ist man ins Rutschen geraten, zerlegt man sich schneller, als man müsste.

45.Tf4 Td8 [45...Tc8 46.Kxd4 Tc2 47.b3 Tb2 48.Kc3 Tg2 49.Tb4 Kf6 50.Txb5 Tg3+ 51.Kb4 Txg4+]

46.Kd3 Td5

47.Txd4 Tg5

48.Ke3 Ke5?!

Auf der Leinwand ist nur noch "meine" Partie zu sehen. Bibber!

49.Tb4 Kd6?+- [49...Kf6±]

50.Kf4 Td5

51.Te4 Tg5 [51...Tc5]

52.Te8 Tg7

53.Th8 Tf7+

54.Ke4 Tf6

55.g5 hxg5

56.h6 Tf1? [56...Tf4+ 57.Ke3 Tf7 58.Tg8 Te7+ 59.Kd4 Th7+-]

57.h7 Issjagut!

1-0

Quelle: RP
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