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Mönchengladbach
Wilfried Jacobs: Gesundheits-Manager und Problemlöser

Wilfried Jacobs: Gesundheits-Manager und Problemlöser
Minister Hermann Gröhe zu Besuch im Institut für patientenorientierte Versorgungsablaufforschung bei Jacobs. FOTO: Berns, Lothar (lber)
Mönchengladbach. Wilfried Jacobs hat es als kleiner Hardter Volksschüler an die Spitze der AOK Rheinland/Hamburg geschafft. Angela Merkel suchte seinen Rat, Sigmar Gabriel nannte ihn "Anwalt der Interessen der kleinen Leute". Der heute 71-Jährige war auch Karnevalsprinz und Präsident Borussias. Von O. E. Schütz

Wenn Wilfried Jacobs bei einer Diskussionsrunde mit hochrangigen Experten auftritt, sind seine Partner meist samt und sonders mit akademischen Graden geschmückt. Bei ihm endet die Liste seiner Schulausbildung sehr schnell: acht Jahre katholische Volksschule Hardt, Lehre bei der Innungs-Krankenkasse Mönchengladbach. Ende. Und der 71-Jährige, der 18 Jahre Vorstands-Vorsitzender der AOK Rheinland-Hamburg war, schämt sich dessen keineswegs. Im Gegenteil: "Mein Vater war Schneidergeselle, meine Mutter Hausfrau, wie damals üblich. Sie hatten nicht das Geld, mich auf die Realschule oder gar das Gymnasium zu schicken."

So fuhr der junge Wilfried Jacobs nach dem achten Jahr auf der Volksschule täglich mit dem Rad von der Vorster Straße Hardt in die Innenstadt zur Innungs-Krankenkasse: "Mein Vater, der als Schneider bei der IKK versichert war, hatte mir zu dieser Lehre geraten. Und ich habe früh gespürt, wie wichtig es ist, dass auch ganz normale Menschen medizinisch gut versorgt sind."

Dies begleitet ihn bis heute. Wilfried Jacobs darf mit Fug und Recht darauf stolz sein, was er erreicht hat. Führende Politiker fast jeder Couleur, darunter Bundeskanzlerin Angela Merkel, suchten und suchen immer noch den Rat des mittlerweile 71-Jährigen. "Sie waren einer der ersten Modernisierer in der Gesetzlichen Krankenversicherung, die das Wort Kundenorientierung in praktisches Handeln umgesetzt haben", hat der SPD-Bundesvorsitzende Sigmar Gabriel 2012 zu Jacobs' Ausscheiden bei der AOK gelobt: "Sie ist heute eine der innovativsten Krankenkassen Deutschlands." Die ehemalige Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt dankte "für Dein Engagement, die medizinisch-pflegerische Versorgung krebskranker, demenziell erkrankter oder auch sterbender Menschen zu verbessern". Und NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft schrieb: "Ihre Verdienste um die größte gesetzliche Krankenkasse - pardon: Gesundheitskasse - in Deutschland bleiben. Darauf können Sie wirklich stolz sein."

Drei Millionen Versicherte, 8000 Mitarbeiter in 120 Geschäftsstellen, acht Milliarden Euro Jahresumsatz - und an der Spitze stand ein Mann, der "20 Jahre lang die Nacht zum Tag gemacht" hatte, um sich die fachlichen Kenntnisse für diesen Job anzueignen. Wilfried Jacobs hat sich als Autodidakt neben seinem Job und mit enormem Fleiß und Disziplin die Kompetenz erworben, das Gesundheitssystem zu analysieren ("Wir haben in Deutschland eines der besten in der Welt") - und Schwachpunkte zu benennen. "Alle Verantwortlichen haben dazu beigetragen, dass der Medizinbetrieb heute überideologisiert, überbürokratisiert und überökonomisiert ist. Manchmal habe ich den Eindruck, wir hätten im Medizinbetrieb auch Vollbeschäftigung ohne Patienten", sagt er. Der öffentlichkeitswirksame Auftritt ist seine Stärke. Er war zehn Jahre Marketingleiter der AOK, hatte beim WDR-Rundfunk drei Jahre seinen Live-Auftritt bei "Guten Morgen aus Düsseldorf" und mit Birgit Schrowange eine Gesundheitssendung moderiert.

Als Wilfried Jacobs 2102 nach 54 Jahren bei der AOK aufhörte, hat er gerade mal ein Wochenende "frei gemacht". Um dann gleich einen neuen Abschnitt seines Arbeitslebens zu beginnen: Gründer und Geschäftsführender Gesellschafter des Gemeinnützigen "Institut für patientenorientierte Versorgungsverlaufsforschung GmbH", kurz IPOV, mit Sitz in Neuss und einem Büro in Berlin - wegen der Nähe zur Politik.

"Viele Patienten sind mit den Abläufen im Medizinbetrieb unzufrieden", sagt Jacobs. Was vor allem an den überbordenden bürokratischen Anforderungen im Gesundheitssystem liege, die zulasten der Patienten gehen. Jacobs: "Es muss im Medizinbetrieb wieder mehr miteinander gesprochen und zugehört werden." Genau das hat seine Frau Karin erfahren, als sie mit 49 Jahren an Brustkrebs erkrankte. Auch dies hat den Anstoß zur Gründung des IPOV gegeben. Jacobs untersucht dort mit drei Mitarbeitern die Krankheitsverläufe von Krebs- und Demenzpatienten, um Erkenntnisse für die Praxis zu gewinnen und weiterzugeben: "Ärzte, Pflegende, Krankenhäuser und auch Angehörige sollen davon profitieren." Zu den finanziellen Förderern des IPOV gehört u. a. die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung in Essen.

Er sieht die Krankenkassen-Chefs als Gesundheitsmanager: "Die Kassen müssen Problemlöser bei der Gesundheitssicherung und der Krankheitsbewältigung ihrer Mitglieder sein. Gradmesser sind vorrangig gute Leistungen, zugeschnitten auf die individuellen Situationen der Betroffenen und perfekter Service. Ökonomie muss sein, die Patientenzuwendung ist aber noch wichtiger." Wilfried Jacobs hat neben dem IPOV noch etliche Ämter im deutschen Gesundheitswesen. Er ist Aufsichtsrats-Vorsitzender des Katholischen Karl-Leisner-Klinikums mit 1000 Betten in Kleve, Kevelaer, Goch und Kalkar, Vorsitzender des Verwaltungsrats des 2014 eröffneten Herzparks Hardterwald, Initiator und Stellvertretender Vorsitzender des Beirates der gemeinnützigen "Rudi-Assauer-Initiative Demenz und Gesellschaft" und mehr. So bleibe er "uns Politikern als Ratgeber und Anwalt der Interessen der kleinen Leute erhalten", hat Sigmar Gabriel sich 2012 bereits vorab bedankt. Und wie lange bleibt Jacobs noch in dieser Rolle? "So lange ich morgens aufstehe, es mir Freude macht und ich gesund bin."

Quelle: RP
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