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Redaktionsgespräch Nadège Ribitzki
Wir aktivieren die Freiräume in der Stadt

Redaktionsgespräch Nadège Ribitzki: Wir aktivieren die Freiräume in der Stadt
FOTO: Ilgner Detlef
Mönchengladbach. Der Vorstand des Vereins Waldhaus 12 spricht über den Verlust des Margarethengartens, das "öffentliche Wohnzimmer" Ladenlokal und die Grenzen des Ehrenamts. Und sie sagt, warum es bei zukünftigen Projekten Zäune wird geben müssen.

Nach vier Jahren ist der Margarethengarten nun offiziell Geschichte. Was überwiegt: der Stolz auf das Erreichte, die Trauer über das Verlorene oder die Hoffnung auf neue spannende Projekte in der Zukunft?

Nadège Ribitzki Es sind gemischte Gefühle. Ich blicke mit einem lachenden und einem weinenden Auge zurück. Es war ein sehr engagiertes und spannendes Projekt, in das wir viel Zeit investiert haben. Der Garten ist erblüht, das Netzwerk auch. Aber wir hatten Zeit, uns auf das Ende einzustellen. Es war uns wichtig, gebührend Abschied zu feiern und das ist mit Critical Rave sehr gut gelungen. Es hat gezeigt, wie stark und bunt das Netzwerk geworden ist.

Was geschieht jetzt mit dem Garten?

Ribitzki Die GEM hat inzwischen aufgeräumt. Wir wussten das und es hat uns auch eine Menge Arbeit erspart, aber der Anblick des leergeräumten Gartens hat uns dann doch etwas geschockt. Es sind aber noch Pflanzen da, eine wunderbare Rose, Apfelbäume, Bambus und Büsche. Wer möchte, kann sich die Pflanzen jetzt abholen. Vor allem natürlich diejenigen, die sie gespendet haben.

Was ist das Vermächtnis des Gartens? Was wurde mit ihm erreicht?

Ribitzki Es gab zwei Ziele: Die Beteiligten und Anwohner sollten aktiviert werden, und es sollte ein kreatives Netzwerk entstehen. Die Aktivierung der Anwohner ist weitgehend ausgeblieben, obwohl es natürlich auch solche Nachbarn wie Margarethe gab, die regelmäßig kamen. Aber das Netzwerk, das die Kreativen ebenso wie die Sozialszene, Vereine und Einzelpersonen umfasst, hat sich toll entwickelt. Damit befasst sich jetzt sogar ein Forschungsteam der Universität Aachen.

Das heißt, der Margarethengarten war über Gladbach hinaus ein Begriff?

Ribitzki Ja, wir waren Teil des überregionalen Netzwerks urbaner Gärten. Deshalb sind wir über die Region hinaus bekannt. Vor allem weil es einige konzeptionelle Alleinstellungsmerkmale gab: die Bahnhofsnähe, die Lage in einem sozialen Brennpunkt, die Tatsache, dass es keinen Zaun gab.

Wird es eine Neuauflage des Urban-Gardening-Projekts an anderer Stelle gebe? Oder ist es Zeit für etwas ganz Neues?

Ribitzki Das Gärtnern ist ein Medium, das wir weiter nutzen wollen, aber es gibt auch andere Medien wie Musik, Sprayen oder Theater. Es geht uns darum, die Freiräume in der Stadt zu beleben und zu aktivieren, Plätze umzudeuten und Partizipation zu ermöglichen. Wir planen ein neues Projekt, und darin wird das Medium Gärtnern integriert sein. Uns wurde bereits eine innerstädtische Brachfläche angeboten. Es wird wieder ein Garten für alle, aber es wird auch mit Sport zu tun haben. Diesmal wird es allerdings einen Zaun geben. Das haben wir aus dem Margarethengarten gelernt. Es muss Regeln geben, die auch durchgesetzt werden.

Der Margarethengarten ist zum Schluss zu einem Drogenumschlagplatz geworden. Fehlte es an Unterstützung von Politik oder Verwaltung?

Ribitzki Wir waren mit der Situation überfordert, aber nach unserem offenen Brief hat die Polizei dann ja schnell reagiert. Es ging uns aber auch noch um etwas anderes, und das ist in der öffentlichen Diskussion zu kurz gekommen. Wir wollten einen innerstädtischen Diskurs anregen. Es fehlt an Präventionsarbeit, in die Streetworker und Anlieger eingebunden werden.

Hat die Politik die Belange der jungen Mönchengladbacher mittlerweile generell besser auf dem Schirm als früher oder wird noch viel aneinander vorbei geredet?

Ribitzki Das Kulturbüro leistet eine ganz tolle Arbeit. Von da kommt sehr viel. Mit dem Margarethengarten und dem Ladenlokal haben wir uns als Verein etabliert und werden auch wahrgenommen. Wir sind mit der EWMG im Gespräch, und uns werden wahrscheinlich eine Brachfläche und ein ganzes Haus zur Verfügung gestellt. Für die Stadt macht das auch Sinn: Wir sind viele, wir sind bunt, wir öffnen den Raum. Das belebt die Stadt. Das Hotel Oberstadt ist übrigens auch ein tolles Beispiel dafür, wie kulturelle Projekte Orte beleben.

Im Hotel Oberstadt ist jetzt das Fashion-Hotel untergebracht.

Ribitzki Ja, aber die Gruppe, die dort aktiv war, gibt es noch. Waldhaus und Hotel Oberstadt werden in Zukunft zusammengehen. Wir werden uns auch einen neuen Namen geben.

Das Ladenlokal an der Eickener Straße ist Vereinsheim, öffentliches Wohnzimmer und gleichzeitig Arbeits- und Veranstaltungsraum. Wie intensiv werden die Räumlichkeiten genutzt?

Ribitzki Das Ladenlokal platzt aus allen Nähten. Wir haben dort etwa 80 Quadratmeter zur Verfügung, davon sind ungefähr 50 Quadratmeter Veranstaltungsfläche. Das Ladenlokal soll weiter öffentliches Wohnzimmer bleiben, aber die Workshops werden ausgelagert. Außerdem wollen wir in Zukunft unterschiedliche Räume bespielen, zum Beispiel im BIS oder im Step.

Mitte des Jahres hat sich ein neues Bündnis für Soziokultur namens Lokalkolorit gegründet. Zu hören war seitdem nichts mehr davon. Woran hapert es?

Ribitzki An nichts. Es lag an der Sommerpause. Wir treffen uns jetzt regelmäßig und tauschen uns aus. Es gibt einen sehr aktiven Kern, und es wird sicher Projekte geben. Der Kreis ist offen für Interessierte.

Wie viel ist denn ehrenamtlich überhaupt noch zu leisten?

Ribitzki Es gibt natürlich Grenzen für das, was ehrenamtlich noch zu leisten ist, zumal wir einen professionellen Anspruch haben. Wir hatten 2015 160 öffentliche Veranstaltungen, und 2016 werden es nicht weniger sein. Wir brauchen eigentlich strukturelle Unterstützung. Fördermittel haben wir bereits bekommen, und wir werden jetzt auch an Stiftungen herantreten. Die Kriterien erfüllen wir, und bei den Anträgen bekommen wir Unterstützung vom Kulturbüro - aber es ist schwierig, eine Stelle zu schaffen.

Wie viele Mitglieder hat der Verein Waldhaus 12?

Ribitzki Wir haben 50 Mitglieder, davon sind 20 aktiv. Das ist eine ganze Menge, aber wir sind auch immer offen für neue Mitglieder und weitere Unterstützung.

Mit dem Margarethengarten, dem Horst-Festival und zuletzt dem Potpourri-Festival sind etliche Projekte, die von jungen Leuten für junge Leute gestaltet wurden, wieder eingegangen. Liegt das in der Natur der Sache oder sollte es der Stadt ein Anliegen sein, solche Projekte dauerhaft zu sichern?

Ribitzki Einerseits wünschen wir uns natürlich schon, dass die soziokulturelle Arbeit längerfristig angelegt ist. Andererseits sind viele Projekte tatsächlich temporär angelegt, um urbanen Lebensraum umzudeuten. Es gibt tolle Möglichkeiten für Zwischennutzungen bei Leerständen. Durch so etwas wie den Margarethengarten oder das Ladenlokal wird Lebensqualität geschaffen. Und solche Projekte sind außerdem ein wichtiger Faktor, um kreative Köpfe nach Mönchengladbach zu holen und hier zu halten. Kreative ziehen immer andere Kreative an. Das hat Magnetwirkung.

INGE SCHNETTLER, JAN SCHNETTLER UND ANGELA RIETDORF FÜHRTEN DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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