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Redaktionsgespräch Ulrich Elsen
"Wir brauchen mehr Gesamtschulplätze"

Mönchengladbach. Der SPD-Bürgermeister erklärt, wie Jugendliche zu mehr Identifikation mit der Stadt gebracht werden können, betont, wie wichtig eine höhere Ausbildungsquote ist, warum er Inklusion kritisch sieht und warum das Theater bleiben muss.

Herr Elsen, wir haben gehört, dass Sie früher als Lehrer auch den Borussia-Torhüter Marc-André ter Stegen unterrichtet haben? Stimmt das?

Ulrich Elsen Marc-André hatte ich in der Mittelstufe in Deutsch. Das Fach war nicht so ganz sein Ding. Als ich von ihm erfuhr, dass er Profifußballer werden will, empfahl ich ihm, das Fach Deutsch dennoch ernst zu nehmen - er könnte Deutschkenntnisse später gut gebrauchen, wenn es um Details in Spielverträgen ging. Ich fragte Marc-André auch, welche besonderen Fähigkeiten denn ein Torhüter braucht. Statt einer Antwort sprang er auf dem Gang neben mir plötzlich in die Höhe und berührte mit der Hand die Decke. Da hatte ich verstanden. Und nun spielt ter Stegen in der Champions League für Barca. Das Spiel haben die Borussen trotz Niederlage ja ehrenvoll bewältigt.

Weniger ehrenvoll sind die Zerstörungen, die in der Wagenhalle des MKV oder an den Eselsfiguren am Sonnenhausplatz passiert sind. Was sagen Sie dazu?

Elsen Es gab zu allen Zeiten jugendlichen Übermut, bei dem auch mal was kaputt ging. Aber bei den aktuellen Fällen habe ich stark den Eindruck, dass es gezielte, geplante Beschädigungen waren. Das ist eine andere Kategorie. Ich kann es nur so erklären, dass diese Taten von Menschen kommen, die sich nicht mehr mit der Stadt identifizieren, die sich hier nicht mehr wohl fühlen, die unbedingt ihre zerstörerischen "Duftmarken" hinterlassen müssen.

Was kann man dagegen tun?

Elsen Ich finde das Angebot gut, das die Museumsdirektorin Susanne Titz den unbekannen Tätern gemacht hat, nämlich ein Gespräch. Ganz allgemein müssen wir junge Leute, besonders Schüler, in die Stadt hinein holen, ihnen zeigen: "Hier, das ist deine Stadt. Auf diesem Stuhl hat schon deine Mutter gesessen, und deine Eltern haben mit ihren Steuern den Erhalt von öffentlichen Gebäuden gesichert." Klar, dass wir nicht jeden aus dem Bodensatz werden fischen können, da hoffe ich, dass die Polizei den einen oder anderen erwischt. Aber von Schnellschüssen wie aufgeregten Rufen nach mehr Überwachung halte ich nichts.

Wie gefällt Ihnen der neugestaltete Platz vor dem Minto?

Elsen Ganz toll! Mönchengladbach hat damit einen unglaublichen Schritt nach vorne getan. Dass der Platz durch die Eselswege aufgelockert und weg von normierten Standards gestaltet worden ist, finde ich großartig. Der Sonnenhausplatz erinnert mich an meinen Lieblingsplatz, der liegt in dem toskanischen Städtchen Massa Marittima. Seine schiefe Architektur hat etwas Faszinierendes. Übrigens finde ich gut, dass vor dem Minto Esel stehen und nicht Fohlen. Bei aller Liebe zum Verein - die Stadt ist mehr als Borussia.

Wie beurteilen Sie, wie die Stadt sich öffentlich neu darstellt?

Elsen Wir sind da auf dem richtigen Weg, übrigens hat der ehemalige Oberbürgermeister Norbert Bude vieles bereits eingestielt, das nun vollendet wird. Dank des Stärkungspaktes ist die Stadt wieder handlungsfähig geworden. Das zeigen gelungene Projekte wie die "Hilde" in Rheindahlen oder der neugestaltete Marktplatz in Rheydt. Ich fände es vorbildlich, wenn es gelingt, Teile der Verwaltung nach Rheydt zu bringen. Daher sind Pläne für ein neues Rathaus dort zukunftsweisend.

In Alt-Gladbach tut sich auch einiges. In der Oberstadt bietet sich die Chance, das Areal um das Krankenhaus Maria Hilf neu zu gestalten.

Elsen Dort kann ein neuer Stadtteil entstehen, der zu einer Belebung des Platzes führen wird. Mein ganz großer Traum aber ist, den Innenhof des Rathauses Abtei zu überdachen. Das wäre ein schöner Schritt vorwärts in der Stadtentwicklung. Zwischen den zwei Zentren liegt die Hochschule Niederrhein als Klammer. Die sollte irgendwann in den Bereich des Noch-Polizeipräsidiums hinein erweitert werden.

Das kann dauern, wie Sie angesichts der Rechtsstreitigkeiten um das künftige Polizeipräsidium wissen.

Elsen Das Vergaberecht ist der Tod jeder gut gemeinten Vision!

Klappt die Zusammenarbeit in der GroKo auch im beginnenden Wahlkampf weiter reibungslos?

Elsen Der überwiegende Teil der Verantwortlichen in CDU und SPD agiert frei von Beißreflexen, die Ratspolitiker haben einfach Spaß, etwas gemeinsam zu entwickeln. Dieser Zusammenhalt ist eine ganz wichtige Antwort auf das AfD- und Pegida-Gegrummel.

Beim Fest zur Eröffnung des Sonnenhausplatzes bekamen wir von Bürgern zu hören: Endlich ist mal was los in der Stadt. Diese wirklichkeitsfremde Haltung können wir angesichts der Fülle von Ereignissen nicht verstehen, können Sie's?

Elsen Manche haben da offenkundig eine selektive Wahrnehmung. Ich glaube, es gibt eine ganz eigenartige Haltung bei manchen Menschen, eine Art fordernder Konsumentenhaltung. In meiner Zeit als Lehrer passierte es, dass Eltern zu mir kamen, nachdem ihr Sohn eine "Fünf" geschrieben hatte, und mich fragten: "Herr Elsen, was haben Sie denn da gemacht?" Eine solche Einstellung finden Sie heute weit verbreitet. Vielen ist offenbar nicht klar, dass die Leistungen, die sie erhalten, von anderen erst hart erarbeitet und verdient werden mussten.

Viele Jugendliche verlassen die Schulen ohne Abschluss. Was kann man dagegen tun?

Elsen Das ist ein Riesenthema für Mönchengladbach. Mit 8,4 Prozent der Jugendlichen ohne Ausbildung hat Mönchengladbach im Landesvergleich die Rote Laterne. Das dürfen wir nicht laufen lassen. Ich glaube, wir müssen noch mehr Schüler in den Ganztagsbetrieb einbinden, damit sie besser gefördert werden können.

Was halten Sie vom Modell der Sekundarschule?

Elsen Es gibt gute Gründe, diese Schulform kritisch zu sehen. Ich würde lieber auf eine Erweiterung von Gesamtschulplätzen setzen.

Braucht die Stadt also noch eine weitere Gesamtschule?

Elsen Ob wirklich eine zusätzliche Gesamtschule vonnöten ist, weiß ich nicht, aber wir brauchen mehr Gesamtschulplätze, das belegen die jährlich auf hohem Niveau bleibenden Anmeldezahlen.

Gibt es auch zu wenig Ogata-Plätze?

Elsen Nach Angaben der Schulverwaltung kommen wir da gut klar.

Wie beurteilen Sie den Stand bei der Realisierung von Inklusion?

Elsen Ich fand das vorherige System auch nicht falsch. Da lernten Kinder in geschützten Räumen. Für eine erfolgreiche Inklusion braucht es einfach viel, viel mehr Geld, als zurzeit bereitgestellt werden kann.

Wie stehen Sie zu der laufenden Debatte um G8 und G9?

Elsen Ich habe von G8 nie viel gehalten. Das Jugendalter ist eine Zeit, in der es auch mal ein Moratorium in der Entwicklung geben muss, also Raum für Experimente, ja sogar für Blödsinn. Ich halte aber auch nichts davon, jetzt das G8 wieder abzuschaffen. Belassen wir es doch bei beiden parallel angebotenen Systemen. G8 wird am Gymnasium, G9 auf der Gesamtschule angeboten. Da ist eine pragmatische Haltung am sinnvollsten.

Zum Thema Kultur: Müssen wir bald mit der Fortentwicklung des Konzepts "Theater mit Zukunft III" beginnen?

Elsen Ja, das ist mein Reden in jeder Sitzung des Aufsichtsrates seit einem Jahr. Da ich mich in der Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern des Theaters sehe, halte ich es für unerlässlich, die Zukunft dieser enorm wichtigen Einrichtung zu sichern. Eins ist dabei klar: Jede Weiterentwicklung im Bereich Theater kostet Geld. Aber vergessen Sie nicht, dass wir hier das preiswerteste Theater der Bundesrepublik Deutschland haben. Ich kenne übrigens niemanden in der GroKo, der das Theater in Frage stellt.

In der Oberstadt entsteht ein Store für junge Designer. Ein Beitrag zur Verbesserung der Attraktivität der oberen Hindenburgstraße?

Elsen Er kann dazu beitragen, das Museum besser an die Stadtmitte anzubinden. Aber mich drängt es, auch die Stadtbibliothek wieder vernünftig auf die Beine zu stellen.

Was macht Ihnen besonders Spaß am Bürgermeister-Amt?

Elsen Dass man eine Stadt repräsentiert. Ich mag diese Stadt. Ich empfange zum Beispiel gern auswärtige Schulgruppen im Rathaus, ich gehe auch häufig zu Vereinen, dabei erlebe ich immer wieder hochinteressante Begegnungen.

RALF JÜNGERMANN, INGE SCHNETTLER UND DIRK RICHERDT FÜHRTEN DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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