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Serie Denkanstoss
Wir müssen aufeinander achten

Mönchengladbach. Und wieder hat es Unschuldige getroffen. Und wieder "sind unsere Gedanken bei den Opfern und ihren Familien". Und wieder füllt sich das Internet mit Gebeten für eine Stadt. Und wieder suchen wir nach Erklärungen. Und wieder ist es ein harmloser, junger Mensch. Und wieder kein Krimineller, sondern der "nette, unauffällige Junge von nebenan" Von Ulrich Clancett

Doch genauso, wie diese Sätze zum Ritual nach Vorkommnissen wie in Nizza, Würzburg, München und Ansbach zu gehören scheinen, genauso ist es bei mir zum Ritual geworden, die schier sichere Fortsetzung zu denken. Denn auf einmal wird aus "unauffällig" hier und da ein "in sich gekehrt" oder "schon ein bisschen merkwürdig". Und nach und nach tun sich die Tiefen des menschlichen Wesens auf, in denen man wahllos fischen kann und unglaubliche Tatsachen und Umstände zutage fördern wird.

Bleiben wir beim Beispiel München: Da wird die Wohnung des Attentäters durchsucht - und man findet zuhauf Material über Amokläufe. Ein Blick auf den Kalender offenbart: Auf den Tag genau fünf Jahre sind seit dem Amoklauf von Oslo und Utöja vergangen. Und plötzlich finden sich bewundernde Äußerungen des Münchner Amokläufers für den wahnsinnigen, rechtsradikalen Anders Breivik. Und bei der Untersuchung der Tatwaffe stellt sich heraus: offensichtlich illegal beschafft, Seriennummer herausgefeilt. "Wie kann das sein?", frage ich mich, dass ein junger Mensch, der bei seinen Eltern wohnt und ordnungsgemäß zur Schule geht, sich so verändern kann - ohne, dass irgendjemand etwas davon mitbekommt? Was läuft da schief in einer Gesellschaft, in der so etwas möglich ist?

Die alten Argumente "das passiert doch nur in der Anonymität der Großstadt" ziehen nicht mehr - denn allein das Internet mit seinen vielen dunklen Seiten macht es möglich, dass sich solche merkwürdigen Vorgänge überall, auch im Dorf, abspielen. Ich glaube, dass es durch eine Übervorsicht Menschen gegenüber möglich ist, dass sich solche katastrophalen Entgleisungen in immer größerer Zahl ereignen. Die weit verbreitete Ideologie "Du darfst einen Menschen nicht vorschnell be- oder verurteilen" hat letztlich dazu geführt, dass keiner mehr sich wirklich mehr mit dem Anderen beschäftigt, dass Urteile faktisch unmöglich werden. Das gilt für alle Lebensbereiche - auch und gerade für die Schule. Nur nicht festlegen, nur kein Urteil zulassen. Oder bei Gericht: Anstelle des gesunden Menschenverstandes und einem ebenso gesunden Urteilsvermögen werden Menschen dort bisweilen "tot-begutachtet". Das Ende: Ganz offensichtliche Gefahrenquellen gehen im Dschungel der Zuständigkeiten unter.

Mein Plädoyer schließt sich an die nachdenklichen Worte des Sprechers der Münchner Polizei an, der nach dem Amoklauf im Olympia-Einkaufszentrum bemerkte: "Es wird ganz schwierig sein, das Vertrauen in dieser Stadt, in diesem Land wiederherzustellen..." Und damit war das Vertrauen der Menschen in die Verantwortlichen einer Stadt/eines Landes genauso gemeint, wie das Vertrauen der Menschen zueinander. Den gesunden Menschenverstand wieder zulassen, sich und seinen Mitmenschen etwas mehr zutrauen, wenn es darum geht, gemeinsam Gefahren zu erkennen und zu benennen. Wir alle sind aufgerufen, wieder mehr aufeinander zu achten. Das würde automatisch die Angst voreinander etwas minimieren - und damit eine mögliche Quelle des Hasses versiegen lassen. Wer sich und seine Mitmenschen kennt, der wird sie nicht mehr wirklich hassen können.

Das alles erfordert ein gewisses Maß an Mut und Zuversicht. Diese persönliche Investition scheint mir sinnvoller, als der immer neue Ruf nach noch mehr Sicherheit, nach noch mehr Polizei, nach noch mehr abgegebener Verantwortung.

ULRICH CLANCETT IST REGIONALDEKAN UND PFARRER IN JÜCHEN

Quelle: RP
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