| 00.00 Uhr

Serie Denkanstoss
Wir sind verletzlich

Mönchengladbach. Unter dem Begriff Hamsterkauf versteht man Kaufvorgänge, die dem Zweck der Hortung, also dem Anlegen von Vorräten, dienen. Der Begriff selbst ist auf das Säugetier Hamster zurückzuführen, das Vorräte in den Backentaschen mit sich herumführt. Das kann natürlich nicht gemeint sein, wenn von Wasservorräten für zehn Tagen zuzüglich notwendiger Lebensmittel die Rede ist. Das neue Zivilschutzkonzept der Bundesregierung schlägt Wellen und sorgt für heftige Diskussionen. Von Martina Wasserloos-Strunk

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass mein Vater zu Zeiten des Nato-Nachrüstungsbeschlusses Wasser und Dauerwurst im untersten Keller eingelagert hat - für den Fall des Falles. Und natürlich war da auch ein Kasten Hannen Alt dabei. Man weiß ja nie...! Zur gleichen Zeit erhielten wir in der Schule Trainings, wie wir uns beim Atomangriff verhalten sollten: "Uhrzeit des Knalls notieren und Schutz unter der Tischplatte suchen." Und natürlich unvergessen der Film mit Bert the Turtle - "Duck and cover" -, in dem ein freundlicher Kommentator uns von "einem Blitz, heller als die Sonne, heller als alles, was ihr je gesehen habt" erzählte.

Regelmäßige Sirenenübungen am Samstagmittag verschreckten nur ein paar alte Menschen, die das noch in schlimmer Erinnerung hatten, ansonsten waren sie eher dazu angetan, den Samstagnachmittag und damit das Wochenende einzuheulen. So naiv diese Maßnahmen heute scheinen mögen: Sie waren gekennzeichnet von dem Bemühen, Menschen zu sensibilisieren, und sie waren auch irgendwie selbstverständlich.

Dass das nun veröffentlichte Konzept zu solchem Echo führt zeigt, dass viele Menschen in ihrer Sicherheit verunsichert sind: Wenn die Bundesregierung so etwas empfiehlt, ja dann wird möglicherweise auch die Notwendigkeit bestehen, denken sie. Ja aber selbstverständlich besteht die Notwendigkeit! Wir haben uns nämlich in einer mutmaßlich "schönen heilen Welt" eingerichtet, die es so eigentlich nie gegeben hat und wahrscheinlich auch gar nicht geben kann.

Dabei können wir doch froh sein, dass das alte Konzept neu überarbeitet und den Bedingungen unserer Zeit angepasst ist. Was wäre los - wenn der Katastrophenfall da ist, und es gäbe keine Konzepte damit umzugehen und die Folgen möglichst zu beherrschen. Die Katastrophen, von denen im Konzept die Rede ist, haben nichts mehr mit dem zu tun, was Zivilschutzkonzepte aus der Zeit des Kalten Krieges beschrieben haben.

Heute geht es um flächendeckende Stromausfälle, Hochwasserkatastrophen und sogenannte "hybride Konflikte", bei denen Computerviren oder Sabotage eingesetzt werden - in Kraftwerken, Krankenhäusern, Banken oder Firmencomputern. Unsere technische Entwicklung hat uns verletzlich gemacht, das ist deutlich. Umso wichtiger ist es, gewappnet zu sein. Das betrifft ja nicht nur den Wasservorrat für zehn Tage. Es geht auch um die Organisationen, die im Notfall helfen können, es geht um Notversorgung, um die Arbeitsfähigkeit medizinischer Einrichtungen und die Sicherstellung von Strom. Das hat man alles nicht mal eben per Anruf bei den Stadtwerken geregelt - es braucht ein Zivilschutzkonzept.

Die Empfehlung - einen "Aufruf" hat es ja gar nicht gegeben - der Bundesregierung ist so sorgfältig und vorausschauend, wie man es von einer guten Regierung erwarten darf. Und sie verdient Gelassenheit und keine Hysterie.

MARTINA WASSERLOOS-STRUNK IST LEITERIN DER PHILIPPUS-AKADEMIE DES EVANGELISCHEN KIRCHENKREISES

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Serie Denkanstoss: Wir sind verletzlich


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.