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Redaktionsgespräch Frank Kindervatter
Wir suchen das iPhone der Energiewende

Redaktionsgespräch Frank Kindervatter: Wir suchen das iPhone der Energiewende
Frank Kindervatter (Jahrgang 1966) ist Vorstand der NEW. FOTO: Detlef Ilgner für NEW AG
Mönchengladbach. Der NEW-Vorstand spricht über neue Geschäftsfelder, Elektro-Autos und die Möglichkeit, den Konzern deutschlandweit zur Marke zu machen.

Herr Kindervatter, der Markt hat sich durch die Energiewende komplett verändert. Bedeutet das für die NEW mehr Chancen - oder mehr Risiken?

Frank Kindervatter Die Energiewende hat ein gesellschaftliches Bewusstsein für effizienten Energieeinsatz und erneuerbare Energien geschaffen. Auf die geänderten Bedürfnisse unserer Kunden haben wir mit neuen Dienstleistungen reagiert, zum Beispiel dem NEW-Energiedach oder unserem Heizungs-Contracting. Insofern haben wir die Chancen bisher gut genutzt. Allerdings ist das Umfeld insgesamt für die klassischen Stadtwerke schwieriger geworden. Stadtwerke produzieren nicht mehr wie früher automatisch Gewinne. Das haben auch wir bei unserer Investition in fossile Kraftwerke erleben müssen. Wo durch Regulierung eingegriffen wurde, sind Probleme entstanden. Die Stadtwerke München machen Verluste, die Stadtwerke Gera gehen in die Insolvenz, die Stadtwerke Duisburg müssen vom kommunalen Anteilseigner durch Darlehen gestützt werden. Wir als NEW sind aber gut aufgestellt. Bei der Suche nach neuen Geschäftsfeldern liegen Chancen und Risiken sicherlich nahe beieinander. Gefragt sind jetzt wirklich zündende Ideen, die Branche sucht das iPhone der Energiewende. Da die Energiewirtschaft digitalisiert wird, kann diese Idee auch von einem kleinen Unternehmen mit wenig Kapital kommen.

Wie erfolgreich bewegt sich die NEW in den neuen Geschäftsfeldern und der digitalen Welt?

Kindervatter Laut dem Unternehmen Google, über das wir unsere Online-Werbung schalten, sind wir unter den Energieversorgern ein Shootingstar. Es zeigt sich, dass wir uns ausgesprochen professionell im Internet bewegen.

Haben Sie es geschafft, Kunden außerhalb des NEW-Kerngebiets anzusprechen?

Kindervatter Durchaus. Durch unsere Online-Aktivitäten haben wir 80.000 Kunden außerhalb unseres Stammgebiets hinzugewonnen. Zusammen mit den 340.000 Kunden im Kerngebiet haben wir die Effekte der Liberalisierung fast kompensiert. Auch in Zukunft wollen wir weiter wachsen. Wir wollen auch die neuen Kunden an die NEW binden. Das gelingt uns erfreulicherweise besser als geplant. Wir überlegen jetzt, ob wir mit unterstützender Werbung die NEW zur deutschlandweiten Marke ausbauen.

Was bedeutet es für die Arbeit der NEW, wenn die Kunden deutschlandweit beliefert werden?

Kindervatter Wir können in jedem Postleitzahlenbereich liefern. Das heißt, wir mussten mit den Netzbetreibern entsprechende Rahmenverträge abschließen. Damit einher geht eine hohe Automatisierung der Prozesse.

Heißt das, dass der Kernmarkt jetzt nicht mehr der Niederrhein, sondern ganz Deutschland ist?

Kindervatter Das ist eine spannende Frage. Das Unternehmen NEW hat seine Wurzeln in der Region und fühlt sich den Menschen verpflichtet, die hier leben. Wir sehen im Kerngebiet eine Verdichtung. Es gibt Kunden, die zu uns zurückkehren, weil sie gelernt haben, dass die anderen Versorger auch nichts zu verschenken haben und die Preise bei vielen Billiganbietern nach einiger Zeit in die Höhe gehen. Die NEW dagegen hat sich den Ruf erarbeitet, fair mit den Kunden umzugehen. Trotzdem sollte die Marke NEW in ganz Deutschland Akzeptanz finden, da der Energiemarkt nicht mehr die früheren Gebietsgrenzen hat.

Wie entwickelt sich die Marke Fohlenstrom?

Kindervatter Die Verbindung zwischen der Borussia und der NEW tut uns als Unternehmen gut, der Marketingwert ist hoch. Es haben sich aber noch nicht so viele Kunden für diesen Tarif entschieden, wie wir gehofft hatten. Strom verkauft sich scheinbar nicht über Emotionen.

Mehr als das Image interessiert den Verbraucher der Preis. Wie werden sich die Preise in Zukunft entwickeln?

Kindervatter Im Strommarkt erwarten wir für das kommende Jahr steigende Netznutzungsentgelte sowie Steuern und Abgaben. Auf diese Preisbestandteile haben wir keinen Einfluss. Die Verbraucher können daher nicht auf sinkende Preise hoffen. Beim Gas sieht das anders aus. Hier gehen wir von spürbaren Entlastungen für unsere Kunden aus.

Die Politik setzt auf regenerative Energie, aber die Umsetzung ist in Mönchengladbach manchmal schwierig. Gegen Windräder vor der Haustür gibt es Widerstand.

Kindervatter Wir wollen im Bereich der erneuerbaren Energien 100 Millionen Euro investieren, und das entwickelt sich gut: Mit den aktuellen Projekten werden wir dieses Ziel innerhalb der nächsten Jahre erreichen. Leider sind keine Projekte in Mönchengladbach dabei. Wir konzentrieren uns derzeit auf Projekte in Jüchen am Rande des Tagebaus und auf Viersen.

E-Mobilität ist ein großes Thema. Wie geht es voran?

Kindervatter E-Mobilität ist spannend für alle: In den Innenstädten würde aufgrund der geringeren Geräuschbelästigung die Aufenthaltsqualität steigen, die Umweltbelastungen würden sich reduzieren, und für die Versorger entsteht ein interessanter Markt, da sich der Stromverbrauch verdoppeln würde, wenn jeder Haushalt über ein Elektroauto verfügt. Außerdem bieten E-Autos ein wirklich schönes Fahrerlebnis. Ich selbst bin überzeugter E-Auto-Fahrer. In absehbarer Zeit wird die NEW nur noch E-Autos einsetzen, ab 1. Januar 2017 darf kein Auto mit reinem Verbrennungsmotor mehr bestellt werden. Nutzfahrzeuge müssen wir aufgrund des Fahrzeugangebotes noch von dieser Regelung ausnehmen. Wir haben jetzt ein Programm aufgelegt, um ein flächendeckendes Netz von Ladesäulen im Versorgungsgebiet aufzubauen. Für das Laden wird man fürs Erste nicht bezahlen müssen. Das alles kostet natürlich einiges, aber wer, wenn nicht wir, sollte das sonst tun? Wir arbeiten auch an Car-Sharing-Konzepten, so dass die Kunden die E-Autos stressfrei ausprobieren können. Unsere Mitarbeiter werden die E-Autos per App buchen können. Ziel ist es, diesen Service auch Kunden der NEW zur Verfügung zu stellen.

Wie läuft die Geschäftsidee Energiedach?

Kindervatter Das NEW-Energiedach, bei dem wir den Kunden zu einem monatlichen Festpreis eine Solaranlage zur Verfügung stellen, ist sehr interessant für die Nutzer, denn sie sparen Geld, ohne sich kümmern zu müssen. Als Unternehmen bieten wir immer stärker Service und Beratung zu allen Fragen rund um das Thema Energie an. Das ist ein anderes Geschäftsmodell als früher, aber es funktioniert.

Die NEW ist beim öffentlichen Nahverkehr und bei den Bädern Dienstleister für die Stadt. Wenn Sie dort Verluste erwirtschaften, kann Ihnen das ja eigentlich egal sein.

Kindervatter Wir schütten lieber an die Gesellschafter aus, als dass diese zuschießen müssen. In den vergangenen Jahren haben wir viele Maßnahmen ergriffen, die die Wirtschaftlichkeit der Bäderbetriebe und des Nahverkehrs verbessert haben. Bei Veränderungen des Dienstleistungsumfanges stehen wir den Städten beratend zur Seite. Wenn aber eine politische Entscheidung gefällt wird, wie zum Beispiel den Busverkehr auszubauen, dann setzen wir das selbstverständlich um. Übrigens genauso wie bei der Frage des Busverkehrs auf der Hindenburgstraße. Auf die notwendigen Anpassungen bei der Infrastruktur haben wir hingewiesen. Die Testphase, bei der Teile des Busverkehrs über die Steinmetzstraße geleitet werden, soll zeigen, ob dies ein tragfähiges Verkehrskonzept ist.

Der NEW-Vorstandsvorsitzende Friedhelm Kirchhartz geht in den Ruhestand. Sie übernehmen seine Funktion. Wie groß ist der Einschnitt?

Kindervatter Friedhelm Kirchhartz ist seit vielen Jahren das Gesicht der NEW, eine Galionsfigur mit hohen Sympathiewerten. Er hat die NEW zu dem gemacht, was sie heute ist. Darauf kann er stolz sein. Er hat mich beim Eintritt in das Vorstandskollegium begleitet und ich übernehme jetzt seine Rolle. Dass ich diese mit viel Öffentlichkeit verbundene Funktion in meiner Geburtsstadt Mönchengladbach ausüben werde, freut mich sehr. Meine Aufgabe wird es sein, gemeinsam mit meinem Vorstandskollegen Armin Marx das Unternehmen auf Basis des bisher Erreichten in die Zukunft zu führen.

Mit dem Blauhaus ist der NEW architektonisch ein großer Wurf geglückt. Wie läuft es inhaltlich?

Kindervatter Das Blauhaus ist eine tolle Sache und tut uns als Unternehmen gut. Es hat viel Aufmerksamkeit erregt. Neben der Kooperation mit der Hochschule geht es vor allem darum, die Produkte und Services der NEW in unserem hochmodernen Kundencenter anzubieten. In der Blauschmiede wollen wir junge Unternehmen mit innovativen Geschäftsideen ansiedeln. Hier hoffen wir noch auf weitere geeignete Bewerber.

Die Unternehmenszentrale an der Odenkirchener Straße ist in die Jahre gekommen. Gibt es Umbaupläne?

Kindervatter Die NEW hat viele Immobilien, die im gesamten Versorgungsgebiet verteilt sind. Aus wirtschaftlichen Gründen können wir den Gebäudebestand nicht durchgängig modernisieren. Sie haben recht, das Gebäude an der Odenkirchener Straße passt in seiner Optik nicht mehr zu dem Wandel der NEW zu einem modernen Versorger. Wir werden daher unser Erscheinungsbild schrittweise verändern. Generell soll der NEW-Auftritt frischer werden. Unsere Mitarbeiter bekommen neue Dienstkleidung, beerenfarbene Polos, Softshelljacken, hochwertig, angenehm zu tragen und mit viel Liebe zum Detail. Dabei ist der äußere Auftritt kein Selbstzweck: Unser Ziel ist es, dass sich die Mitarbeiter bei der NEW wohl fühlen und dies auch nach außen ausstrahlen. Auf dieser Basis wird es uns gelingen, unsere Kunden zufriedenzustellen und auch in Zukunft ein erfolgreicher Energiedienstleister zu sein.

RALF JÜNGERMANN UND ANGELA RIETDORF FÜHRTEN DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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