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Mönchengladbach
"Wir wollen keine Bittsteller sein"

Mönchengladbach: "Wir wollen keine Bittsteller sein"
Uwe Werner, Heinrich Müsch und Hans-Jürgen Oldenburg (von links) sprechen über Misshandlungen in Heimen der Nachkriegszeit, die es auch in Mönchengladbach gegeben hat. FOTO: Isabella Raupold
Mönchengladbach. Der Verein der ehemaligen Heimkinder will mehr Mitspracherecht beim zweiten Fonds, der in Heimen erlittenes Leid entschädigen soll. Der Vorsitzende Uwe Werner glaubt, dass es noch viele Betroffene in Gladbach gibt. Von Angela Rietdorf

"Wir möchten uns eigentlich mit der Zukunft beschäftigen, mit den Jahren, die uns noch bleiben", sagt Hans-Jürgen Oldenburg. Aber das ist schwierig für den 59-Jährigen und seine Mitstreiter in der 1. Community - Ehemalige Heimkinder NRW, denn man kann sich nicht der Zukunft zuwenden, wenn man mit der Vergangenheit nicht einigermaßen abgeschlossen hat. Und das können die ehemaligen Heimkinder nicht, solange die Frage der finanziellen Anerkennung für erlittenes Leid nicht geklärt ist.

Es hat lange gedauert, ehe über das, was in den Heimen in der Nachkriegszeit und den 1950er-Jahren geschah, überhaupt geredet wurde. "Es war eins der schlimmsten deutschen Nachkriegsverbrechen", sagt Uwe Werner. Eine schwere Anklage aus dem Mund eines Mannes, der sonst auf Kooperation und Verständigung setzt. Uwe Werner war selbst Heimkind, er weiß, wovon er spricht. "Es war ein System der perfidesten Art", erklärt Werner, Gründer und Vorsitzender der 1. Community. Ein System, das sexuellen Missbrauch, körperliche Züchtigungen und ständige Demütigungen der anvertrauten Kinder zuließ. "Wer das erlebt hat, bleibt immer irgendwie am Rande der Gesellschaft", sagt Werner. Er selbst hat es geschafft, eine Ausbildung zu absolvieren und ist heute ein durchaus eloquenter Kämpfer für die Rechte der ehemaligen Heimkinder. Das Trauma aber bleibt. "So etwas kriegt man auch mit einer Therapie nicht raus."

Der erste Fonds, der 2010 für die Heimkinder aufgelegt wurde, setzte eine Unterbringung in Einrichtungen der Jugendhilfe voraus. Die bürokratischen Hürden waren hoch: Gespräche, Nachweise, Zeitzeugen. "Den Heimkindern wurde zugemutet, alles noch einmal zu erzählen, obwohl es Unterlagen gab", kritisiert Werner. "Man kam als Bittsteller zum Fonds." Die Bearbeitung dauerte lange - und dauert noch an. "Ich kenne Fälle, da sind die Antragsteller gestorben, bevor die Bewilligung kam", so Werner. Beim jetzt aufgelegten zweiten Fonds hoffen die ehemaligen Heimkinder auf mehr Flexibilität und vor allem auf mehr Tempo. "Wir möchten auch Einfluss auf die Kriterien nehmen, wenn im Herbst die Stiftung gegründet wird", erklärt Werner. "Vor allem möchten wir auf Augenhöhe wahrgenommen werden und nicht als Bittsteller." Der zweite Heimfonds soll Zahlungen an die ehemaligen Heimzöglinge leisten, die in Einrichtungen der Behindertenhilfe oder der Psychiatrie untergebracht waren und beim ersten Fonds nicht berücksichtigt wurden. 45 Berechtigte sind in der Community organisiert, aber Uwe Werner ist sicher, dass es noch viel mehr Betroffene in Mönchengladbach und der Region gibt. Er hofft, dass sie sich rechtzeitig melden.

Der Vorstand der 1. Community hat bisher einiges an politischer Arbeit geleistet, hat mit der Landtagsabgeordneten wie Angela Tillmann (SPD) gesprochen und Kontakt zum Sozialministerium gehalten. In Mönchengladbach wird besonders die Zusammenarbeit mit der Evangelischen Stiftung Hephata und der Sozialdezernentin Dörte Schall gelobt. Eins aber wünschen sich die ehemaligen Heimkinder noch. "Die Stadt trägt eine moralische Mitverantwortung an dem, was damals geschah", sagt Uwe Werner. "Es wäre gut, wenn Mönchengladbach das akzeptieren würde."

Quelle: RP
 
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