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Mönchengladbach
Wirklich in Deutschland angekommen

Mönchengladbach: Wirklich in Deutschland angekommen
Frank Novender (2.v.l.), Geschäftsführer von Isoliertechnik Hartmann, wollte etwas für Flüchtlinge tun und stellte Youssef Luali (l.) und Sidiki Keita (2.v.r.) ein. Rechts im Bild: Raphael Leonhard von der Agentur für Arbeit. FOTO: Ilgner
Mönchengladbach. Einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz zu finden, ist für viele der Menschen, die aus der Heimat geflüchtet sind, das wichtigste Ziel. Doch der Weg dorthin ist nicht immer leicht. Wie es gehen kann, zeigen drei gelungene Beispiele. Von Angela Rietdorf

Hochmotiviert sind Sidiki Keita und Youssef Luali und sehr, sehr höflich. Der siebzehnjährige Sidiki stammt aus dem westafrikanischen Guinea, der sechzehnjährige Youssef kommt aus Marokko. Allein und zu Fuß haben sie sich vor Jahren auf den Weg ins gelobte Land gemacht, nach Deutschland. Jetzt sind sie bei Isoliertechnik Hartmann an der Süchtelner Straße in Mönchengladbach beschäftigt, werden dort bald ihre Ausbildung beginnen und machen ihren Hauptschulabschluss. Sie sind in Deutschland angekommen.

Dass es dazu gekommen ist, haben sie auch Frank Novenders Hartnäckigkeit zu verdanken. Der 51-Jährige ist Geschäftsführer und Gesellschafter des isoliertechnischen Betriebs und hat es sich zur Aufgabe gemacht, etwas für Flüchtlinge zu tun.

Ein erster Versuch mit einer sechsköpfigen Familie scheitert noch an der Ausländerbehörde und der drohenden Abschiebung. Aber Novender bleibt dran. Er sucht junge Flüchtlinge für eine Ausbildung. Über die Vermittlung des Bildungszentrums des Baugewerbes in Krefeld stößt er auf die beiden jungen Männer aus Guinea und Marokko. Die beiden minderjährigen und unbegleiteten Jugendlichen leben in betreuten Einrichtungen und sprechen inzwischen schon recht gut Deutsch. "Und ihre Mathekenntnisse sind gut", freut sich Novender. Ohne zu zögern bietet er den beiden einen Ausbildungsplatz an.

"Sympathisch und sehr engagiert." Das sagt Stefan Steinhäuser (l.),Inhaber der Firma "Visibelle" über seinen neuen Programmierer Louai Dakhel (Mitte). Rechts im Bild: Angela Schoofs, Leiterin der Agentur für Arbeit. FOTO: Detlef Ilgner

Zuerst einmal aber absolvieren sie eine sechsmonatige Einstiegsqualifikation, ein Praktikum mit schulischen Anteilen, das von der Agentur für Arbeit gefördert wird. Etwas mehr als zweihundert Euro bekommt der Betrieb pro Praktikant. Novender legt noch etwas drauf und zahlt seinen beiden Jungs sechshundert Euro. Außerdem schickt er sie zur Schule, damit sie ihren Hauptschulabschluss machen können. "Als Unternehmer muss man auch etwas investieren", sagt der Firmenchef.

Im Herbst sollen die beiden dann mit der Ausbildung zum Wärme-Kälte-Schall-Isolierer beginnen. Novender ist sehr optimistisch, dass das alles so klappt wie geplant. "Die beiden machen richtig Freude", sagt er. Sie sind dankbar für die Chance, die sie bekommen. Mit deutschen Bewerbern, wenn es sie überhaupt gibt, ist der Geschäftsführer oft nicht wirklich zufrieden. "Die Qualität der Auszubildenden war noch nie so schlecht wie jetzt", sagt er und schreibt das in erster Linie mangelnder Betreuung im Elternhaus zu.

"Wir kürzen Wege ab, damit das Ausländeramt schneller seine Zustimmung geben kann", sagt Wolfgang Draeger Arbeitsagentur. FOTO: AfA

Auch Bauhelfer, also ungelernte Kräfte, sucht Novender regelmäßig und ebenso regelmäßig wurde er bisher enttäuscht: Es gab nur sehr wenige und von denen kam oft keiner auch nur zum Vorstellungsgespräch. Das wird sich jetzt vermutlich ändern, denn nun drängen die ersten der Geflüchteten auf den Arbeitsmarkt. "Wir verfügen jetzt über einen Pool von über hundert Bauhelfern", sagt Raphael Leonhard von der Arbeitsagentur. Inzwischen schafft es die Agentur für Arbeit nämlich, die Qualifikationen der Flüchtlinge aufzunehmen, ihre Kenntnisse und Fähigkeiten abzufragen und mit den Gesuchen der Arbeitgeber abzugleichen. "Wir kürzen auch die Wege ab und klären den Markt, damit das Ausländeramt schneller die Zustimmung erteilen kann", erklärt Wolfgang Draeger, Geschäftsführer operativ der Arbeitsagentur.

Aber eins ist klar: Zuerst müssen die Flüchtlinge Deutsch lernen. Nicht nur, aber auch deshalb liegen zwischen der Ankunft in Deutschland und der Arbeitsaufnahme mindestens zwei Jahre. So wie bei Louai Dakhel. Der heute 46-jährige Syrer aus Aleppo ist vor Gewalt und Krieg geflohen und seit März 2014 in Deutschland. Seit Januar 2016 arbeitet der Informatiker als Programmierer bei Visibelle in Neuwerk, einem kleinen Unternehmen, das IT-Service und -Lösungen für Geschäftskunden anbietet. Letztes Jahr suchte Inhaber Stefan Steinhäuser einen Programmierer und wendete sich an den Arbeitgeberservice der Arbeitsagentur. Die schickte Louai Dakhel. Steinhäuser war schnell klar, dass hier alles passte. "Er ist sympathisch und sehr engagiert", sagt sein Chef über Dakhel. Dieser hatte im Vorfeld aber auch sein Engagement und seinen Integrationswillen bewiesen, alle Kurse absolviert und sogar den deutschen Führerschein gemacht, als ihm klar wurde, dass der für die meisten Stellen notwendig ist. Natürlich war er zwischendurch auch frustriert, zwei Jahre sind eine lange Zeit. "Die Menschen möchten alle früher arbeiten", sagt Angela Schoofs von der Arbeitsagentur, "aber zwei Jahre sind ein typischer Zeitablauf."

Louai Dakhel hat zudem das große Glück, über gesuchte Qualifikationen zu verfügen. Er ist übrigens nicht allein aus Aleppo gekommen, auch seine Frau und seine Tochter Sarah sind in Mönchengladbach. Sarah ist sechzehn und geht aufs Gymnasium. "Sie spricht akzentfrei und hat eine Eins in Deutsch", sagt ihr Vater stolz.

Quelle: RP
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