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Mönchengladbach
Wo der Gottesdienst drei Stunden dauert

Mönchengladbach: Wo der Gottesdienst drei Stunden dauert
Pfarrerin Helma Pontkees hat während ihrer Zeit in Namibia viele Dinge gelernt, etwa dass Ruhe, Gelassenheit und Toleranz in diesem Land unverzichtbare Eigenschaften sind. FOTO: Detlef Ilgner
Mönchengladbach. Pfarrerin Helma Pontkees hat sechs Jahre in Namibia gearbeitet. Seit Dezember hat sie eine Pfarrstelle in Rheydt. Von Angela Rietdorf

Drei Sprachen habe sie in Namibia gebraucht, sagt Helma Pontkees, jetzt evangelische Pfarrerin in Rheydt: Deutsch, Englisch und Afrikaans. Im Land werden noch sechzehn afrikanische Sprachen gesprochen, aber mit diesen drei kann man sich gut verständigen. Getauft wird meist in Deutsch und Englisch, bei Trauerfeiern sind Deutsch und Afrikaans, eine Tochtersprache des Niederländischen, verbreitet.

Die 57-jährige Theologin hat sechs Jahre in dem südwestafrikanischen Land verbracht. In Otjiwarongo, etwa 250 Kilometer nördlich der Hauptstadt Windhoek. "Ich hatte über den Kirchenkreis Wesel Kontakt zu unseren Partnerkirchen in Namibia", erzählt Helma Pontkees. "Als dort eine Stelle frei wurde und die namibischen Schwesterkirchen sie nicht besetzt haben, habe ich sie übernommen." Seit der Kolonialzeit gibt es in Namibia lutherische Kirchen und auch deutschsprachige Gemeinden. So auch in der Regionshauptstadt Otjiwarongo, wo Pfarrerin Pontkees tätig wurde.

Sprachlich kam die gebürtige Dinslakenerin dort gut zurecht, denn auch Afrikaans ist für jemanden, der das niederrheinische Platt kennt, nicht allzu schwierig. Gewöhnungsbedürftiger war schon eher die Länge der Gottesdienste. Drei Stunden dauern sie in der Regel und erst nach einer Stunde ist man so weit, dass tatsächlich die Eingangsliturgie beginnt. Bis dahin dient der Gottesdienst eher sozialen Zwecken: Geburtstagskinder werden nach vorn gerufen, ebenso wie Frischvermählte oder Gemeindemitglieder, die gerade befördert worden sind.

Auch den Gottesdienst selbst lernt die Pfarrerin in Namibia als lockerer und offener kennen als in Deutschland gewohnt. "Wenn die Predigt beendet ist, ist es nicht ungewöhnlich, wenn jemand aus der Gemeinde aufsteht und das Gesagte ergänzt", erzählt die Pfarrerin. Und dann hat noch jemand etwas dazu zu sagen. Und dann noch jemand. So dauert ein Gottesdienst eben etwas länger. Was sie in Namibia schätzen gelernt habe, sei die Geduld und die nötige Gelassenheit, sagt Helma Pontkees. Und eine Haltung, bei der nicht so schnell Schranken aufgebaut werden. "In Namibia stellt eine Bevölkerungsgruppe sechzig Prozent, alle anderen sind Minderheiten. Dadurch lernt man, sich in die anderen hineinzuversetzen und deren Meinung nachzuvollziehen, auch wenn man sie nicht zwangsläufig übernimmt", sagt sie.

Vermisst hat die begeisterte Radfahrerin im Südwesten Afrikas die Fortbewegung auf zwei Rädern. "Es gibt in Namibia sehr viele Pflanzen mit Dornen, man flickt eigentlich nur die Reifen", stellt sie fest. "Und durch die Hitze ist das Radfahren auch sehr anstrengend." An das Klima dagegen hat sie sich schnell gewöhnt. "Nach einem Jahr dort habe ich mir bei zwanzig Grad eine Strickjacke geholt." Es herrscht dort eine trockene Hitze mit 25 bis 35 Grad. Im Sommer allerdings können es auch über 40 Grad werden, dann drohen auch Gewitter. "Aber dort schlägt der Klimawandel zu, die Regenzeiten werden seltener, 2013 gab es eine große Dürre", sagt sie.

Wirtschaftlich entwickelt sich Namibia nur langsam, aber stetig. Es gibt einen schwarzen Mittelstand, aber auch die Weißen bleiben weitgehend im Land. Allerdings gibt es eine steigende Kriminalitätsrate. Es sei üblich, dass Fenster vergittert und Hofeinfahrten immer verschlossen seien. "Man gewöhnt sich daran, alles zuzumachen", sagt Helma Pontkees, "ich habe drei Einbruchsversuche erlebt, deshalb waren mir Gitter vor den Fenstern ganz lieb."

Seit Dezember 2015 ist Helma Pontkees nun Pfarrerin in Rheydt, im Bezirk Bonnenbroich-Geneicken, um genau zu sein. "Das ist eine sehr lebendige und vielfältige Gemeinde", erklärt sie. Allein im Franz-Balke-Haus, dem Gemeindehaus, finden jährlich insgesamt 800 Veranstaltungen statt. Langweilig wird es also auch einer Namibia-erfahrenen Theologin nicht werden. Obwohl - wer weiß - vielleicht fehlen ihr die Predigtergänzungen aus der Gemeinde.

Quelle: RP
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