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Mensch Gladbach
Wo man mit Gefühl alleine nicht weiterkommt

Mönchengladbach. Der gemeine Kölner behauptet gerne selbstbesoffen, seine Heimatstadt sei "e Jeföhl". Was ja in Wahrheit heißen soll: Das meiste, was in der Domstadt passiert, versucht man lieber gar nicht erst mit Sinn und Verstand zu erklären. Das ist in Gladbach erfrischend anders. Reden wir also über Sicherheit und Sauberkeit, die Sparkasse und Borussia.

Verglichen mit Rio nachts um halb eins lebt man in Gladbach sicher. Fast schon unheimlich sicher. Und verglichen mit mancher asiatischen Metropole ist Gladbach sauber. Fast schon klinisch sauber. Aber solche Vergleiche sind was für Leute, die glauben, die AfD sei daran interessiert, Probleme zu lösen. Wenn man mit einem Bein in kochendem und einem in Eiswasser steht, geht es einem im Mittel ja auch bestens.

Wenn wir auf einer zu breiten Einkaufsstraße unserer Wahl eine Umfrage machen, würden zwischen 98 und 102 Prozent diesen Thesen zustimmen: Gladbach muss sicherer werden. Und Gladbach muss sauberer werden. Lustigerweise schmeißen dann diejenigen, die es gerne sauberer hätten, fünf Minuten später ihren Müll in die Landschaft. Aber viele Leute schaffen es ja auch gleichzeitig, längliche Tiraden gegen den Fiskus prellende Unternehmer zu halten, um kurz darauf ihre Putzfrau und ihren Maler ganz selbstverständlich schwarz zu bezahlen. Flexibilität braucht der moderne Mensch offenbar auch in ethischen Fragen.

Darum ist es richtig und wichtig, es nicht bei Umfragen zu belassen. Sondern die Bürger regelmäßig an ihren Wunsch nach Sauberkeit und Sicherheit zu erinnern. Und ihnen zu zeigen, dass es Folgen hat, wenn man sich daneben nimmt. Die Müll-Detektive von Mags (formerly known as Stadtbetrieb) sind darum eine feine Sache. Dass die Damen und Herren so arbeitsreiche Tage haben wie heute wohl Patrick Siefes, der Torhüter der SV Drochtersen/Assel im Pokalspiel gegen Borussia, ist nicht weiter verwunderlich. Dass sie sogar mehrfach am Tag zur selben Stelle fahren müssen, war auch zu befürchten. Spürbar nachlassen wird das erst, wenn die Müllsünder die Rechnung präsentiert bekommen und sich das herumspricht.

Dafür braucht es Personal und Konsequenz. Beim Thema Sauberkeit gibt es beides. Beim Thema Sicherheit hatte der Kommunale Ordnungs- und Servicedienst von Geburt an das Zeug zum Rohrkrepierer. Zu wenig Leute, zu wenig Ausbildung, zu wenig Rückhalt, zu wenig Ziel. Hundehaltern aufzulauern ist ein launiges Geschäft - sicherer wird die Stadt deswegen aber nicht.

So, wie erstaunlicherweise kein Bäcker überleben kann, wenn wir nur 15 Cent für ein Brötchen zu zahlen bereit sind und für zehn Cent pro Ei Hühner nicht artgerecht gehalten werden können, wächst die Zahl der Bankfilialen auch nicht dadurch, dass keiner mehr hingeht. Was ja auch nicht schlimm ist. Denn Bankmitarbeiter, die Staub anzusetzen drohen, sind an anderer Stelle besser aufgehoben. Auch für den Kunden.

Wenn Staatsanwälte fast zwei Jahre brauchen, um die Unregelmäßigkeiten bei einer Stadt-Tochter sortiert zu bekommen, liegt da ganz offenbar zu viel und zu lange im Argen. Erstens gilt natürlich weiter die Unschuldsvermutung (auch für Aufsichtsräte, wobei man sich bei mancher Dimension schon nachdenklich am Hinterkopf kratzen könnte). Zweitens gilt, sollte sich die Unschuldsvermutung nicht bestätigen, später dann der Resozialisierungsgedanke. Und drittens kann man danach bekanntlich immer noch als Präsident bei Fußball-Bundesligisten gut unterkommen. Borussia hat allerdings auf dieser Position keinen Bedarf.

Quelle: RP
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