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Mönchengladbach
Woher kütt, wie mer kalle

Mönchengladbach. Das Gladbacher Platt gehört zu den wunderbaren Sprachen, in der selbst Beleidigungen wie Komplimente klingen. Es ist zwar selten geworden, aber bei einem willkürlichen Test kam heraus: Wer auf Platt einkauft, muss nicht verhungern. Von Andreas Gruhn

Nie war ich so nervös, ein Käsebrötchen zu bestellen. Eine Packung Kopfschmerztabletten zu besorgen. Wurst zu kaufen. Und ich sollte recht behalten.

Ein letztes Mal schaue ich auf meinen Spickzettel mit den seltsam anmutenden Vokabeln, gehe sie im Kopf noch einmal durch, bin mir dann sicher, dass sie mir unfallfrei aus dem Munde purzeln werden, und dann stolziere ich frohen Mutes durch die Tür in die Bäckerei meines Vertrauens, und spreche los - ach was, esch kalle, im festen Glauben, dass niemand mich versteht: "Sidter so joot unn dott mesch ä Bröttsche met Kies?"

Die Antwort der Verkäuferin lässt mich wie einen Klötschkopp aussehen: "Sischer. Ävver Klätschkies hann esch nit." Quark hat sie also nicht. Die Bäckereiverkäuferin mit Namen Tanja Clemens, kriegt sich vor Stolz kaum ein, verrät, dass ihre Großmutter ihr das Gladbacher Platt beigebracht hat, und ich kann nur noch sagen: "Esch bedank mesch." Und verschwinde.

Der erste Test war ein totaler Glücksfall, glaube ich zu dem Zeitpunkt noch. Wer spricht denn heute noch Gladbacher Platt, jene wunderbare Mundart, in der sogar Beleidigungen und Pöbeleien so luftig-leicht klingeln wie Schmeicheleien? Kurt P. Gietzen spricht perfektes Gladbacher Platt, das mal Jläbäcker Platt oder Jlabbacher Platt heißt. Er hat ein umfangreiches Sammelsurium im Computer, den wohl gesamten Wortschatz gespeichert, er ist der Chef (auch Baas genannt) des Freundeskreises "Jäbäcker Mundart-Autoren". Hüter einer Sprache, die in Vergessenheit zu geraten droht. "Und das finde ich sehr schade", sagt Gietzen. "Platt ist für mich Heimat." Als er, noch berufstätig, viel im Ausland war und abends allein im Hotel saß, da vermochte nur die Beschäftigung mit der Sprache von daheim abendliche Einsamkeit und Heimweh zu besänftigen. Jedes Platt hat seine Eigenarten, auch das Gladbacher. Südniederfränkisch ist es, sagt Gietzen. Und die Nordfriesen in den Niederlanden sprechen fast dasselbe Platt. Es ist geradeheraus, direkt, bildhaft, ausdrucksstark.

Nach meinem unerwarteten Erlebnis beim Bäcker betrete ich die Apotheke. Als ich an der Reihe bin, verkünde ich: "Esch hött jäer jät jään Kopping." Da ist es endlich: Dieser Blick. Die Frau starrt mich völlig entgeistert an. Dann blitzt es in ihren Augen, es entfährt ihr "aahhhh", und sie holt eine Kollegin, mich zu bedienen. Als ich meinen Spruch wiederhole, prustet sie kurz los. Dann schwaadet sie: "Do nemmse Paracetamol. Dree em Dach, unn wenn et nit better wöer moot se nam Doktor jonn." Das ist das einzige, was ich aus ihrem Schwall verstehe. Wenn es irgendwo auf der Welt eine Keimzelle des Gladbacher Platt gibt, hat diese Apothekerin eine davon mitbekommen. "Bis zum zehnten Lebensjahr konnte ich nur Hochdeutsch. Danach hat meine Oma in Rheydt dafür gesorgt, dass ich endlich gescheit Platt reden konnte", sagt die Apothekerin Anja Heller von der City-Apotheke. Ganz selten muss sie ihre Kenntnisse gebrauchen, um ein Medikament zu verkaufen. Und wenn, dann sind es ältere Menschen, und eher welche vom Land, sagt sie.

Vom Land - genau da hat sich das Gladbacher Platt entwickelt, weiß Gietzen, der unter anderem das Mönchengladbacher Mundartwörterbuch von Johannes Noever verfasst hat. Beim einfachen Volk, das lange nicht lesen konnte, bei Handwerkern und Bauern, deren Redensarten und Bauernregeln elementarer Bestandteil der überlieferten Sprache sind. Bis ins 19. Jahrhundert wurde auch in Volksschulen Platt gesprochen, erst 1825 verboten es die Preußen, weil diese Volkssprache konspirativ war. Auch in Kirchen, wo vorher die Pfarrer nur auf Platt predigten, musste nun Hochdeutsch gesprochen werden. Zunächst überlebte Platt als Umgangssprache bis zu denjenigen, die heute Senioren sind, bis zu unseren Großeltern. Und heute ist es eine Seltenheit, abgesehen von "euradialektischen Sprachfetzen", wie "dat" und "wat".

Zwei letzte Versuche. Beim Metzger im Minto frage ich: "Dott se mesch ä halve Punk Läeverwuersch." Und tatsächlich greift der Verkäufer zur Leberwurst, schneidet ein halbes Pfund, und gibt zu: "Ich kann kein Platt, aber ich muss ja auch Holländer verstehen." Und beim Bäcker: "Sidter so joot unn dott mesch ä Schwattbruet." Die Antwort: "Also Schwarzbrot? Gerne doch!", sagt Verkäuferin Judith Reichert. Und irgendwann wird mir klar: Wer auf Platt einkauft, wird komisch angeschaut. Aber er muss noch lange nicht verhungern.

Quelle: RP
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