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Redaktionsgespräch Hans-Jürgen Meisen
"Wohnungsbau muss bezahlbar bleiben"

Redaktionsgespräch Hans-Jürgen Meisen: "Wohnungsbau muss bezahlbar bleiben"
FOTO: Detlef Ilgner
Mönchengladbach. Der Chef der beiden städtischen Wohnungsbaugesellschaften Kreisbau AG und GWSG, über das Schließen von Baulücken, geförderten Wohnungsbau, den Bau eines Rathauses und eine Fusion von Kreisbau und GWSG.

Aus vielen Großstädten hört man von Engpässen auf dem Wohnungsmarkt. Wie sieht es in Mönchengladbach aus? Haben wir genügend Wohnungen?

Hans-Jürgen Meisen In Mönchengladbach haben wir einen ausgeglichenen Wohnungsmarkt. Wir haben noch kein Problem, aber der Wandel vom Mietermarkt zum Vermietermarkt ist vollzogen. Freiwerdende Wohnungen sind heute sehr leicht neu zu vermieten. Wie überall wurde auch in Mönchengladbach über Jahrzehnte zu wenig gebaut. Nach einer Schätzung brauchen wir in Nordrhein-Westfalen bis 2020 zusätzlich 400.000 neue Wohnungen, 80.000 davon in öffentlich gefördertem Wohnungsbau.

Können denn die kommunalen Wohnungsbaugesellschaften überhaupt schnell genug reagieren und bauen?

Meisen Wenn wir heute mit der Rahmenplanung beginnen, können wir in drei bis fünf Jahren bauen. Das dauert seine Zeit. Baureife Grundstücke lassen sich natürlich schneller bebauen.

Was halten Sie denn von dem Konzept "Wachsende Stadt"? Sollten Kreisbau und GWSG nicht mehr einbezogen werden?

Meisen Als kommunale Töchter sind wir nicht Meinungsbildende, sondern gehören zu den Akteuren. Das ist wie bei einem Chor oder Orchester. Es gibt viele Stimmen, aber einen Dirigenten. Ich meine allerdings, dass zur wachsenden Stadt nicht nur Wohnungsbau gehört, sondern auch qualitativ hochwertige Grünflächen und eine Infrastruktur mit Kitas, Schulen, Radwegen und vielem mehr. Was die Einbindung angeht, geht Mönchengladbach immer sehr behutsam mit den kommunalen Wohnungsbaugesellschaften um. Neuss, Düsseldorf oder Krefeld nutzen das Instrument der städtischen Gesellschaften offensiver. Das lässt sich auch an Zahlen erkennen. In Mönchengladbach sind fünf Prozent der Wohnungen in der Hand der städtischen Töchter, deutschlandweit sind es im Durchschnitt zehn Prozent und mehr.

Was halten Sie vom vieldiskutierten Masterplan?

Meisen Der Masterplan ist ein Segen für die Stadt, das ist keine Frage. Aber er ist auf eine Schiene begrenzt: Er betrachtet die Mönchengladbacher Innenstadt, das Campusgelände und die Rheydter City. Die Außenbezirke werden wenig beachtet. Unsere Kunden aber möchten auch im Grünen wohnen. Deshalb stellt sich die Frage, ob die Prämisse Innen vor Außen so absolut zu setzen ist. Ich denke, man muss beides tun. Innen die Baulücken schließen, aber auch die Außenbezirke nicht vergessen.

Ist es nicht frustrierend, immer nur zum Zug zu kommen, wenn Lücken geschlossen werden sollen? Das sieht so nach Flickschusterei aus.

Meisen Flickschusterei würde ich das wirklich nicht nennen. Wir entwickeln Projekte, die private Investoren eher nicht anpacken. Für ganz große Projekte fehlt es uns an Personal und Ressourcen. Dafür braucht man Kapital. Die Stadt möchte aber lieber ihre Dividende, das finde ich sehr verständlich.

Im Gladbacher und im Rheydter Zentrum gibt es zahlreiche Wohnungen, die im Besitz der Wohnungsgesellschaften sind. In welchem Zustand sind sie? Gibt es einen Sanierungsstau?

Meisen Es gibt keine im Markt befindlichen maroden Objekte, aber es sind alles ältere Gebäude. Sie werden instand gehalten und lassen sich auch vermieten, aber es gibt auch einige Objekte, bei denen dringend Modernisierungen erforderlich sind, insbesondere im energetischen Bereich.

Gibt es Wohnungsdefizite für bestimmte Gruppen wie Singles oder Alleinerziehende? Müssen sich die kommunalen Wohnungsbaugesellschaften um eine bestimmte Klientel kümmern?

Meisen Unsere Aufgabe ist die Schaffung von Wohnraum für breite Schichten der Bevölkerung, so steht es in der Satzung, und das gilt nach wie vor. Es wird auch hochwertiger Wohnraum gebraucht, aber seine Schaffung ist nicht die Aufgabe des kommunalen Wohnungsbaus. Wohnraum für Singles ist sicherlich ein Thema. 2030 werden in 50 Prozent aller Wohnungen Singles leben. Etliche werden in großen Wohnungen leben, aber viele brauchen dann schöne 2-Zimmer-Wohnungen, auch aus öffentlich gefördertem Wohnungsbau. Außerdem müssen wir in Zukunft das Thema Pflege immer mit denken. Wenn wir jetzt ein Objekt konzipieren, planen wir Wohnungen für Pflegekräfte gleich mit ein.

Beim Studentischen Wohnen an der Friedrich-Ebert-Straße zum Beispiel?

Meisen Das ist ein anderes Konzept. Da geht es um experimentelles Bauen zur studentischen Wohnnutzung und um die Stärkung der Rheydter Innenstadt. Das überwiegend zur studentischen Nutzung konzipierte Gebäude ist so geplant, dass man aus zwei Ein-Zimmer-Wohnungen später eine Zwei-Zimmer-Wohnung machen kann.

Gibt es zu wenig öffentlich geförderten Wohnungsbau? Zum Beispiel mit Blick auf die Flüchtlinge?

Meisen Es geht nicht nur um die Flüchtlinge, auch eine Frau mit einer Witwenrente von 900 bis 1200 Euro braucht eine Wohnung aus gefördertem Wohnungsbau. Geförderter Wohnungsbau bedeutet heute hohe Qualität, eine Aufwertung des Umfelds und Barrierefreiheit. Wenn das für private Investoren wegen der niedrigen Zinsen nicht mehr attraktiv ist, müssen das die kommunalen Gesellschaften übernehmen.

Werden sich die städtischen Gesellschaften in den angedachten neuen Wohnbaugebieten Maria Hilf, City Ost und Reme-Gelände engagieren?

Meisen Ideal wäre für uns, jeweils punktuell mit dabei zu sein. Die kommunalen Gesellschaften können die weniger attraktiven Grundstücke übernehmen.

Warum nicht die attraktiven Grundstücke und die Leuchtturmprojekte?

Meisen Dafür finden sich auch private Investoren.

Mit der Kreisbau und der GWSG gibt es in Mönchengladbach zwei kommunale Wohnungsbaugesellschaften. Es gibt schon länger den Ruf nach einer Fusion. Im Augenblick sind Sie in Personalunion Vorstand der Kreisbau und Geschäftsführer der GWSG. Ein idealer Zeitpunkt für den Zusammenschluss?

Meisen Es gibt zwei gewachsene Gesellschaften, eine in Gladbach und eine in Rheydt. Sie bedienen den gleichen Markt und haben das gleiche Ziel. Sie unter einem Dach zu vereinen, scheint mir sinnvoll. Allerdings sollte man bis 2019 warten, dann wird es aus steuerlichen Gründen einfacher. Bis dahin könnte ich mir einen gemeinsamen Standort vorstellen.

Warum braucht eine Stadt überhaupt ein Wohnungsbauunternehmen?

Meisen In den Neunzigerjahren standen viele Städte vor der Entscheidung, ihre Wohnungsbaugesellschaften zu verkaufen oder zu behalten. Wer verkauft hat, hat das inzwischen meist bitter bereut. Es werden jetzt wieder neue Gesellschaften gegründet. Kommunale Wohnungsbauunternehmen sind unverzichtbar. Sie werfen nicht nur Rendite in Euro und Cent ab, sie tragen auch Projekte der Quartiersentwicklung und werfen damit Sozialrendite ab.

Gibt es Projekte, die Sie persönlich gern einmal in Angriff nehmen würden? Den Bau eines Rathauses in der Rheydter Innenstadt beispielsweise?

Meisen Wir würden uns zutrauen, ein Rathaus zu bauen, wo auch immer. Aber es gibt einige Projekte, deren Umsetzung ich spannend fände. Nachverdichtung im Ahrener Feld beispielsweise. Die Gebäude sind jetzt fünfzig Jahre alt. Sie liegen weit auseinander. Hier Gebäude dazwischen zu setzen oder Geschosse aufzusetzen, wäre interessant. Auch die Bebauung der Flächen Ahrener Feld 3 oder Geistenbeck-Kohr wäre spannend.

Wo sehen Sie in Zukunft Probleme?

Meisen Wohnungsbau muss bezahlbar bleiben. Die ständig steigende Zahl von Regularien ist ein großes Problem. Alles macht den Wohnungsbau teurer: die energetischen Maßnahmen, die Brandschutzvorgaben, die Stellplatzverordnung, aber auch die hohe Grunderwerbssteuer. Die Rahmenbedingungen fürs Bauen sind schlecht. Daran muss sich etwas ändern.

DAS GESPRÄCH FÜHRTEN ANDREAS GRUHN, ANGELA RIETDORF UND DIETER WEBER.

Quelle: RP
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