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Mönchengladbach
Zucht für Zöglinge

Mönchengladbach: Zucht für Zöglinge
Eine Anstalt mit Zucht und Ordnung: In der Provinzial-Fürsorgeanstalt wurden zwischen 1909 und 1939 jugendliche Zöglinge gedrillt. Die Anlage stand mitten in der Holter Heide (oben), hatte Werkstätten wie eine Schreinerei (oben rechts), Wirtschaftsgebäude (unten links) und viel Landwirtschaft (unten rechts). FOTO: RPO
Mönchengladbach. Ein Heim mit militärischem Drill: Von 1909 bis 1939 wurden im heute denkmalgeschützten Bereich im Nordpark hunderte Jugendliche zurecht gestutzt. In der Provinzial-Fürsorgeanstalt ging es oft brutal zu. Ein sinnvolles pädagogisches Konzept scheiterte am Geld und an den Nazis. Von Andreas Gruhn

Holt/Rheindahlen Es muss ein stressiger Tag für den Regierungspräsidenten gewesen sein, als er sich am 24. Oktober 1909 auf nach Mönchengladbach machte. Ob er gewusst oder geahnt hat, dass es in der Anstalt, die er eröffnen sollte, schon bald darauf zu Züchtigungen und militärischem Drill von Jugendlichen kommen sollte?

Für den Wasserturm an der Viersener Straße galt das sicher nicht. Auch nicht für die Straßenbahn nach Rheindahlen, beides eröffnete der Regierungspräsident an jenem Herbsttag. Aber in der Provinzial-Fürsorge-Anstalt Rheindahlen sollte es bald darauf hoch hergehen. Heute ist das Ensemble im Nordpark als denkmalgeschützter Bereich eines der Vorzeigeobjekte, die Stadt offiziellem Besuch sehr gerne zeigt. Mit einem Top-Restaurant (dem Palace St. George) und jeder Menge Dienstleistungsunternehmen, die in die nach dem Krieg von den Briten genutzten Häuser zogen. Doch bis zum Kriegsbeginn war dort einiges los.

In die Fürsorgeanstalt wurden jugendliche Zöglinge eingewiesen, Schulabbrecher, die zum Teil auch am Beginn einer kriminellen Karriere gestanden haben mögen. Mönchengladbach war im Vergleich zu Rheydt besonders fleißig bei solchen Einweisungen. Zwischen 1901 und 1924 wurden je 10 000 Einwohner 45,7 Zöglinge eingewiesen. Verständlich, dass die Rheinprovinz zwei Millionen Mark investierte und die neue Anstalt auf den Sümpfen der Holter Heide baute. Insgesamt 22 Einzelgebäude entstanden mit allem, was eine Anstalt mit hunderten Bewohnern und Erziehern brauchte – Werkstätten, Gärtnerei, Liegehalle, Lungenheilstätte und sogar einen Friedhofs. Es herrschten harte Arbeit, unpersönliche Behandlung, Kasernenstil, starre Hausordnung – inklusive scharfer Strafmaßnahmen. Erst der neue Direktor namens Lenzen, ein katholischer Geistlicher, führte neue, progressive Erziehungsmethoden ein. Er hatte erkannt, dass die Anstalt tief im Sumpf gesteckt habe, das Verhalten der Erzieher unmenschlich gewesen sei und die Zöglinge tierisch behandelt worden seien, wie der Politikwissenschaftler Karl Boland herausgefunden hat. Doch Lenzens Konzept scheiterte: Der Staat stutzte die Zuwendungen, die Gruppen wurden immer größer, die Anstalt war bald überfüllt. Außerdem stellte Lenzen eine kommunistische Unterwanderung fest und verhinderte Aufstände wie in anderen Anstalten.

Doch die Nazis feuerten Lenzen 1933 und gaben den Namen "Fürsorgeanstalt", endgültig der Lächerlichkeit preis. Nun wurde nur noch gedrillt mit Betriebsappell, Hissen der Hakenkreuzfahne, Abmarsch zur Arbeit, wehrsportlichen Übungen, mit einem drakonischen Strafensystem und hartem Ton. Pädagogik mit Stock und Rute. Und es wurde selektiert nach Ansichten des Arztes Dr. Joseph Noll, nach "Erziehbaren" und "Minderwertigen" auf erbbiologischer Grundlage. Letztere hatten aus der Einrichtung zu verschwinden, mit der Begründung: "Es geht nicht an, dass kriminelle, unverbesserliche Elemente dauernd dem Staat und damit dem Volk unheimliche und niemals wieder produktiv werdende Kosten verursachen."

1939 hatte das ein Ende. Die Anstalt wurde aufgelöst und an die Reichsluftwaffe verkauft. Zum Ausmarsch kam kein Regierungspräsident.

Quelle: RP
 
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