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Mönchengladbach
Zwei Mütter - zwei Töchter - eine Familie

Mönchengladbach. Rika John und Nadine John-Reuen sind miteinander verheiratet. Das Gesetz nennt es verpartnert. Mit ihren Töchtern Hannah und Sarah leben sie als Familie zusammen. Alle vier fühlen sich heute von der Gesellschaft völlig akzeptiert. Aber das war nicht immer so. Von Inge Schnettler

Sarah (16) und Hannah (15) finden ihre beiden Mütter toll. Und Rika John (37) und Nadine John-Reuen (38), die seit zwei Jahren verheiratet (vom Gesetz her heißt es verpartnert) sind, finden ihre Töchter toll. Das war von Anfang an so. "Die beiden Mädchen waren bei unserem ersten Date dabei", sagt Rika John, die leibliche Mutter der beiden Teenager. Mit ihrem Mann hatte sie die Familie gegründet. "Aber ich wusste schon früh, dass irgendetwas bei mir anders ist", sagt sie. Die Ehe habe sie geschlossen, weil sie ihren Mann echt nett fand - "ein toller Freund" - und aus Konvention. "Ich komme aus einer ganz normalen und eher konservativen Familie."

Bei Nadine John-Reuen war es nicht viel anders. Auch sie empfand sich früh als "anders". Als sie ihre jetzige Frau zum ersten Mal sah, wusste sie: "Das ist sie!" Die beiden haben sich, wie sie sagen, "lange beschnuppert". Dann war es entschieden. Schon seit 2006 teilen sie die gemeinsame Wohnung - die beiden Mütter, die beiden Töchter und die beiden Jack-Russel-Hündinnen Karo und Fine. Gemütlich ist es, viel zu schauen gibt es. Im Flur steht eine Parkuhr. "Die haben wir gekauft, als die Stadt sie damals abgeschafft hat", sagt Nadine John-Reuen, die als Logopädin arbeitet. Im Wohnzimmer gesellt sich ein weiteres weibliches Wesen hinzu. "Das ist Chantal", sagt Rika John - und spricht es so aus: Schantalle. Die Schaufensterpuppe wird immer mal wieder umgekleidet, manchmal wechselt sie auch den Platz. "Sie gehört seit Jahren zu uns." Rika John ist Schreinerin und Restauratorin. Sie arbeitet in der Werkstatt für Menschen mit Behinderung in Hemmerden. Die beiden Töchter besuchen die Realschule Volksgarten. Sie finden ihre Lebenssituation total normal. Aber das war nicht immer so. "Anfangs war es ziemlich schwierig", sagt Hannah. Sarah sagt: "Dummheit nervt mich total." Einige Mitschüler wären sehr gemein gewesen. "Einer hat gesagt, dass Schwule schlecht sind und in die Hölle kommen." Sarah hat daraufhin die Bibel von vorne bis hinten gelesen. "Da steht nichts drin gegen das Schwulsein."

Die Mütter haben den Töchtern geraten, in größtmöglicher Offenheit und Ehrlichkeit zu leben. "Das leben wir den beiden ja auch vor", sagt Nadine John-Reuen. Versteckt haben sie sich und ihre Liebe nie. Im Gegenteil, sie nehmen lebhaft am gesellschaftlichen Leben teil. Sie engagieren sich im Karneval (Nadine John-Reuen ist Präsidentin der Karnevalsgesellschaft "Alles onger eene hoot"), sie sind musikalisch, Sarah ist eine begnadete Büttenrednerin. Talente satt, Freude am Leben ebenso.

Es gibt Fragen, die immer gestellt werden: Wer von euch beiden ist denn nun die echte Mutter? Das ist die eine. "Wir sagen dann immer - alle beide." Die andere häufig gestellte Frage ist: Wer ist bei euch der Mann, wer die Frau? "Wir nehmen keine Rollen ein. Aber es gibt einen Unterschied: Rika kann besser Kohlrouladen als ich", sagt Nadine John-Reuen lachend.

Die Familien und auch die Freunde finden die kleine Familie John-Reuen völlig normal - inzwischen. "Meine Eltern waren froh, dass ich mein Anderssein akzeptiert habe", sagt Rika John. Auch ihr Ehemann habe ihr Glück gewünscht. "Er wusste, dass mein Schritt richtig war." So akzeptiert sie sich fühlen - sie ärgern sich auch gewaltig. "Über Frau Merkel, die sich nicht klar ausdrücken will, aber dabei so Verletzliches sagt." - "Über die Kirche, die uns als Niederlage der Menschheit bezeichnet." - "Über die Gesetze, die die Rechte von Schwulen und Lesben beschneiden, über Steuerungerechtigkeit und Diffamierung."

Sie selber fühlen sich in ihrer Familien- und Lebenswelt wohl. "Dass wir ein bisschen anders zusammengesetzt sind ist so uninteressant, dass wir oft vergessen, dass wir unnormal sind", sagt Rika John. Und Nadine John-Reuen bekräftigt: "Wenn wir Händchen haltend durch die Stadt laufen, guckt noch nicht mal jemand." Sie freuen sich, weil die Stiefkinder-Adoption mittlerweile läuft. "Mein Mann hat zugestimmt, dass Nadine die beiden Mädchen adoptieren kann", sagt Rika John. Und sie freuen sich auf den Christopher-Street-Day am 11. Juli in Rheydt. "Wir machen selbstverständlich mit", sagen sie. "Die Leute sollen sehen, dass wir da sind, dass es uns gibt."

Dennoch. "Wenn ich die Chance gehabt hätte, selbst zu entscheiden, hätte ich das Kreuzchen bei ,heterosexuell' gemacht", sagt Rika John. "Das wäre einfacher gewesen."

Quelle: RP
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