| 00.00 Uhr

Serie Was Macht Eigentlich?
Zwiespalt: Mathe und Physik oder Gesang?

Serie Was Macht Eigentlich?: Zwiespalt: Mathe und Physik oder Gesang?
Auftritt als Konzertsänger in der Stadthalle Rheydt: Auch das hätte Willi Oberdörsters Beruf werden können. FOTO: (8): KN
Mönchengladbach. Willi Oberdörster kommt aus einer Arbeiterfamilie, eine akademische Laufbahn war da eigentlich nicht geplant. Er hätte auch Konzertsänger werden können, doch er wurde Studienrat, weil es sicherer war. Am Ende war er 20 Jahre Leiter der Marienschule - mit Herz für die Kinder. Von O. E. Schütz

Bodenständiger Junge aus einem Arbeiter-Haushalt mit christlichem Engagement, nüchterner Wissenschaftler als Diplom-Mathematiker und Physiker, Feingeist als Konzertsänger, Oberstudiendirektor eines renommierten Gymnasiums mit Herz für die Kinder: Bei Wilhelm Oberdörster passt das alles wunderbar zusammen.

"Wilhelm hat mich nie jemand genannt. Ich war immer der Willi, und ich bleibe es", sagt er: "Willi klingt für manche noch ein wenig nach Pickelhaube aus der Kaiserzeit oder nach volkstümlichem Unterhaltungskünstler. Beides bin ich nicht." Er ist einfach der Willi: ein gebildeter Mann, zu dem kein eingebildetes Getue, kein Chichi passt. Der immer in Neuwerk, genauer: in Bettrath, gewohnt hat und bis heute wohnt. Der seine Herkunft aus einfachen Verhältnissen nicht verleugnet, aber auch nicht damit kokettiert.

Der Vater war Arbeiter in der Textilfabrik "Feintuch", die Mutter Verkäuferin im "Konsum", einer Lebensmittel-Genossenschaft der Nachkriegszeit. Klar, dass der kleine Willi, das einzige Kind der Oberdörsters, im Haushalt mit anpacken musste. Eine akademische Laufbahn für ihren Willi war eigentlich nicht das, was sich die Eltern vorstellten. Aber da war sein Vetter Peter Jansen, der zur Realschule ging. Da waren die Bettrath-Hovener Lehrerin Lieselotte Hillekamp und Pastor Wilhelm Cleven, die erkannten, dass in diesem Jungen mehr steckte, als er auf der Volksschule lernen konnte. Und irgendwann waren auch die Eltern überzeugt: "Der Junge soll es mal besser haben als wir." So wurde Willi auf die Städt. Jungen-Realschule an der Volksgartenstraße geschickt. Und nach den sechs Jahren dort bis zur "mittleren Reife", wie es damals hieß, sogar aufs Gymnasium. Schließlich wurde er der Erste in der Familie, der studierte.

20 Jahre, von 1993 bis 2013, war Oberstudiendirektor Wilhelm, pardon: Willi, Oberdörster Leiter der Bischöflichen Marienschule Mönchengladbach. Ein Mann, der den "Chef" nicht heraushängen ließ, aber sein Gymnasium im Griff hatte. Den die Kollegen schätzten und die Schüler mochten. "Als Schulleiter muss man fachlich fit sein, aber auch ein Herz für die Kinder haben": Das ist sein Anspruch. Und: "Man muss auch schon mal zwei- oder dreimal fünf gerade sein lassen. Manche Schüler brauchen eine zweite oder gar dritte Chance, um sich positiv entwickeln zu können."

Er selbst hat seine Chancen ergriffen. Und es war keineswegs der leichte Weg. Der Sprung von der Realschule zum Gymnasium war Mitte der 60er Jahre ziemlich ungewöhnlich. Doch Willi Dreissen, Schulleiter an der Volksgartenstraße, zeigte Willi Oberdörster den Weg: Das Gymnasium an der Gartenstraße bot 1965 als Novum in Gladbach, Rheydt und Umgebung eine "Aufbaustufe für Realschul-Absolventen" an. "Wir waren die ersten Jungen an dieser Schule. Bis dahin hatte es nur Mädchen gegeben", erzählt Willi Oberdörster. Koedukation hatte es bis dahin nicht gegeben.

Die Ex-Realschüler standen erst einmal vor einer Herausforderung: "Wir mussten im Blitzverfahren Latein lernen, um uns auf den Stand der Gymnasiastinnen bringen. Die Lehrer waren sehr skeptisch, ob wir das bewältigen würden." Doch die Jungs von der Realschule zeigten sehr bald, dass sie mindestens so ehrgeizig waren wie die Mädchen. Willi Oberdörster fand dazu einen Klassenlehrer, der die Fächer unterrichtete, für die er sich schon in der Realschule am meisten interessiert hatte: Dr. Willi Walter, Studiendirektor für Mathematik und Physik.

Das war die Fachrichtung, die Willi Oberdörster dann auch nach dem Abitur einschlug. Allerdings nicht selbstverständlich. Denn er hatte einen weiteren Interessen-Schwerpunkt: klassische Musik. Er war schon früh im Kirchenchor der Bettrather Pfarre, ließ sich später neben seiner Tätigkeit an der Schule zum Konzertsänger ausbilden, gab einige Konzerte mit Musikern aus dem Ensemble der Niederrheinischen Sinfoniker und hätte sich Anfang der 80er Jahre als Bass-Bariton beim WDR-Rundfunk bewerben können. Doch da behielt wieder die Vernunft die Oberhand beim nun schon nicht mehr ganz jungen Familienvater mit drei Kindern: Die Beamtenlaufbahn als Studienrat war die Option, die mehr Sicherheit versprach als die ungewisse Aussicht als Konzertsänger.

Der Wunsch nach Sicherheit hatte schon den Ausschlag gegeben, als Oberdörster über ein Musikstudium nachdachte, dann aber nach dem Wehrdienst doch Mathematik und Physik wählte. Sicherheit gab auch den Ausschlag, als er sich gegen das Angebot entschied, an der Hochschule zu bleiben. Er wurde Lehrer für Mathematik und Physik: "Meine Freundin Monika Freesen, die ich im Kirchenchor kennengelernt hatte, als sie noch 16 und ich 19 war, wollten bald heiraten."

So nahm alles erst einmal einen geregelten Gang: Referendariat am Gymnasium Rheindahlen, das 1975 in die Oberstufe ging: "Es war eine tolle Zeit, wir waren lauter junge Kollegen mit viel Ehrgeiz." Dann 1977 der Wechsel nach Waldniel zum St.-Wolfhelm-Gymnasium. Dass er Schulleiter werden sollte, hatte Willi Oberdörster nicht auf seinem Plan. Doch dann kam 1993 die Stellenausschreibung für die Mönchengladbacher Marienschule, die sein Interesse weckte: "Ich kannte den bisherigen Schulleiter Rudolf Sprothen und Musiklehrer Karl Josef Nohn. Meine Kinder Anne und Christoph haben diese Schule besucht, später folgte noch unsere jüngste Tochter Eva. Ich habe damals gleich gedacht: Das wäre doch etwas für mich."

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Serie Was Macht Eigentlich?: Zwiespalt: Mathe und Physik oder Gesang?


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.