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Gladbacher Lesebuch
Zwischen Destillaten und Weizenschlempe

Gladbacher Lesebuch: Zwischen Destillaten und Weizenschlempe
In der Bildmitte ist die Schnapsbrennerei Hermes zu erkennen. Daneben stehen die Häuser der städtischen Bediensteten. Dahinter liegt das Straßenbahndepot. FOTO: Achim Vieten
Mönchengladbach. Der Autor wuchs in den 1960er Jahren in Rheindahlen auf. Die Schnapsbrennerei Hermes prägte damals den Stadtteil - auch gesundheitlich. Von Achim Vieten (Texte und Fotos)

Das Licht der Welt erblickte ich im Sommer 1960 als drittes von vier Kindern. Meine Eltern lebten zu dieser Zeit mit meinen beiden älteren Schwestern (15 und 10 Jahre alt) in einer vier Zimmerwohnung an der Hermann-Ehlers-Straße, welche zuvor noch Gladbacher Straße hieß, da diese beiden Häuserblöcke zum Zeitpunkt ihrer Erbauung 1952 neben dem Eckhaus an der Gladbacher Straße und der gegenüberliegenden Schnapsbrennerei Hermes die einzigen Gebäude in diesem Bereich waren. Bewohnt wurden diese beiden Häuserblöcke von städtischen Arbeitern und Polizeibeamten, aber vorwiegend von Straßenbahnbediensteten, da sich hinter den beiden Wohnhäusern das Straßenbahndepot befand, in dem die Wagen der Straßenbahn abgestellt und repariert wurden, welche die Strecke Rheindahlen- Mönchengladbach befuhren.

Bevor ab dem Jahr 1960/61 immer mehr Häuser und Straßenzüge auf dem Baugebiet des Grotherather Bergs entstanden, waren dort nur Felder und Wiesen. Besonders angetan hatten es uns Kindern die großen Birnen-, Kirsch- und Apfelbäume auf der Wiese der Schnapsbrennerei, welche uns natürlich anlockten, wenn deren Früchte reif an den Bäumen hingen. Natürlich wurden wir dabei auch des Öfteren vom Brennmeister, Herrn Schiefelbein, der über der Fabrik mit seiner Familie wohnte, erwischt, und er vertrieb uns dann mit lautem Geschimpfe. In manchen Jahren stülpten die Brennereibediensteten über die Blüten der Bäume leere Flaschen, so dass die Früchte in den Flaschen wuchsen. Wenn diese dann reif waren, nahmen sie die Flaschen samt Inhalt von den Bäumen ab und befüllten sie mit dem selbstgebrannten Alkohol zu einem Obstlikör. Auch die Scheune eines Bauernhofes neben der Brennerei hatte es uns angetan. Über riesige Eichenfässer kletterten wir in die erste Etage auf den Heuboden und sprangen dann durch eine Luke im Boden in darunter aufgehäuftes Heu. Als der Grotherather Berg sich so langsam mit neu errichteten Ein- und Mehrfamilienhäusern füllte, entstand dort auch eine "Ladenpassage", bestehend aus der Metzgerei Peikert, der Bäckerei Schröder und dem Lebensmittelgeschäft Welters, welches später von Thienes betrieben wurde, die auch noch ein Geschäft an der Gladbacher Straße/ Hohe Straße führten. Bei Thienes wurde die Milch in mitgebrachten Flaschen oder in einer Milchkanne literweise frisch abgefüllt. In dem kleinen Laden konnte man alles erwerben, was zum täglichen Leben notwendig war. Ich erinnere mich immer noch gerne an die freundliche Verkäuferin Paula, die für alle Kinder immer da war, wenn wir etwas für die Familie einkaufen mussten und wir dies nicht sofort im Laden fanden.

An besonders heißen Sommertagen wurde entweder bei Thienes in der Eistruhe ein Wassereis erworben oder man holte sich in der Bäckerei nebenan ein Hörnchen mit Eisbällchen, welche von der Bäckersfrau Schröder immer frisch in die Waffel gefüllt wurden. Später gab es dort auch eine sprechende Dohle, die jeden lauthals begrüßte, wenn man den Laden betrat. Dort durfte ich mir auch ein großes Stück Aprikosentorte mit Sahne kaufen, welches ich genüsslich auf den Stufen der Haustüre unseres Hauses verzehrte. Dabei ist es vorgekommen, dass ich dort mit gefülltem Bauch eingeschlafen bin und von der Nachbarsfrau oder meiner Mutter geweckt werden musste.

Achim Vieten als Fünfjähriger. Rechts ist die Schnapsbrennerei. FOTO: Achim Vieten

Nachdem 1969 die Schnapsbrennerei durch die Familie Rother übernommen und saniert worden war, wurde die durch den Brennvorgang entstandene warme Weizenschlempe an die umliegenden Bauern zur Fütterung ihrer Schweine abgegeben. Dabei kam es häufig vor, dass 25 bis 30 Traktoren mit Tankanhängern auf ihre Befüllung warteten. Der Geruch der heißen Weizenschlempe, welcher dampfend aus den Kanälen der Straßen aufstieg, wird wohl heute noch vielen Rheindahlenern in der Nase liegen. In den Folgejahren erkannte Hans Rother, dass die heiße Schlempe nicht nur für die Leibesfülle der Schweine, sondern auch gegen Rheuma und andere Gelenkkrankheiten beim Menschen half, wenn man darin badete. Nach jahrelangen Selbstversuchen und Gutachten wurde ein Kurhaus an der Gladbacher Straße errichtet, in dem man in Badewannen in der Schlempe kuren konnte. In Rheindahlen träumte man davon, Bad Rheindahlen zu werden. Da dieses Verfahren aber nie kassenärztlich anerkannt wurde, zerbrach das Lebenswerk von Hans Rother. Die Brennerei gibt es heute nicht mehr. Nur ein Mühlstein an der Ecke Gladbacher Straße/ Hermann-Ehlers-Straße erinnert noch daran.

Quelle: RP
 
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