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"Zwischenstation" Rheydt - seit 49 Jahren

Wie kommt man aus der Weltstadt Wien nach Mönchengladbach, Theo Laß? "Ich hatte ein halbes Jahr vor meinem Abschluss begonnen, in einer Zeitschrift nach freien Kantorenstellen zu suchen, und habe einige Bewerbungen verschickt, darunter an die Pfarre St. Marien in Rheydt. Sie wollte mich, und ich habe mich schnell dafür entschieden - mit dem Gedanken, dass ich nicht lange bleiben wollte."

Aus dem "nicht lange" sind nun schon 49 Jahre geworden. Denn es entwickelte sich eine ideale Verbindung. Der Anstellung als Kantor folgte 1974 die bei der Musikschule der Stadt als Leiter der Abteilung in Rheydt, wo er ein halbes Jahr vor der Zusammenführung der Städte die Abteilung zusammen mit dem damaligen Schulleiter Karl Fegers neu aufbaute. "Mein Hauptberuf war die Stelle bei der Stadt, Nebenberuf die als Kantor bei St. Marien. Ich hatte die Aufgabe, nach dem Ende des Konzils 1967 neue musikalische Vorgaben wie zum Beispiel Musik in deutscher Sprache stärker in den Vordergrund zu bringen. Dazu habe ich begonnen, geistliche Oratorien im Kirchenraum aufzuführen."

Zum Kirchenchor von St. Marien kam dann bereits 1972 eine Aufgabe hinzu: die Leitung des 1968 gegründeten Rheydter Kinder- und Jugendchors. Der in den 42 Jahren unter Theo Laß den Namen Mönchengladbach mit seinen Konzertreisen hinaustrug: mehrmals nach New York und Wien oder Rom (Auftritt im Petersdom), nach Israel, Kanada, Ungarn, Mailand, San Remo Cannes, Nizza, Athen, Bonn und Berlin mit persönlichen Einladungen der Bundespräsidenten Carl Carstens, Richard von Weizsäcker und Horst Köhler. Dazu ein knappes Dutzend Auftritte bei Unterhaltungsshows in ZDF und WDR, wiederholt Preise und Auszeichnungen. Der Kinder- und Jugendchor sang mit Stars wie Anneliese Rothenberger, Hermann Prey und Rene Kollo, hatte Auftritte mit den hiesigen Städtischen Bühnen, in der Düsseldorfer Tonhalle und im Kölner Dom. Seine Sommer- und Weihnachtskonzerte in der Stadt hatten ein treues und großes Publikum.

"Besonders schön waren auch unsere regelmäßigen Auftritte mit kleinen Gruppen in Altersheimen, immer eine Riesenfreude für die Menschen dort. Dass es sie nun nicht mehr gibt, tut mir sehr leid", sagt Theo Laß. Er hat im November 2014 sein Abschiedskonzert gegeben, in der restlos besetzten Rheydter Hauptkirche. Die Suche nach einem Nachfolger für Theo Laß blieb erfolglos. "Ohne die Hilfe meiner Familie hätte ich das alles auch nicht geschafft, fast alles ist im Hause Laß gelaufen. Meine Kinder haben immer mitgesungen, meine Frau war stets Betreuerin. Bei Konzerten halfen alle bei der gesamten Organisation."

Bis zu 180 Mitglieder, ab fünf Jahren, hatte der Rheydter Kinder- und Jugendchor in seiner besten Zeit, am Ende waren es 80. Finanziert hat er sich in allererster Linie durch seine Konzertgagen. Die Mitgliedsbeiträge waren stets sehr niedrig. Es sollte auch kein Kind nicht mitmachen können, weil das Geld fehlte. Laß erhielt eine Aufwandsentschädigung unterhalb der Grenze geringfügiger Beschäftigung.

"Es ist sehr schade und traurig, dass in unserer Gesellschaft heute nur noch so wenig gesungen wird. Dabei haben wir in Deutschland doch ein so tolles Volksliedgut, das nun völlig vernachlässigt wird. Dabei wäre Singen gerade für die Entwicklung der Kinder so wichtig", sagt Theo Laß.

Nach 42 Jahren hat er, mit fast 75, Schluss gemacht: "Meine Frau und ich wollen jetzt mal eine Zeit erleben, in der wir nicht regelmäßig gebunden sind. Heute gibt es Zeit für viele Dinge." Seit Jahrzehnten haben die beiden ein Theater-Abonnement. Jetzt ist eines für Sinfoniekonzerte hinzugekommen, besuchen sie regelmäßig die Kölner Philharmonie und Sonderkonzerte, waren in Salzburg und Innsbruck. Er vertritt noch Organisten bei Gottesdiensten und kümmert sich um den großen Garten an ihrem Haus in Giesenkirchen: "Diese Arbeit habe ich immer schon gerne gemacht."

(oes)
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