| 19.28 Uhr

Moers/Kleve
38-Jähriger wegen Totschlags angeklagt

Moers/Kleve: 38-Jähriger wegen Totschlags angeklagt
Zwei Pflichtverteidigerinnen, ein Angeklagter: Tanja Kretzschmar-Handte (l.) und Ester Boos (r.) verteidigen den 38-jährigen Moerser Ernst-Uwe K. (Mitte), der seine Schwägerin mit 40 Messerstichen getötet haben soll. FOTO: Gottfried Evers
Moers/Kleve. Der Moerser soll seine Schwägerin erstochen haben. Mittwoch war der Prozessauftakt am Landgericht in Kleve. Von Elena Erbrich

Mit 40 Messerstichen soll er seine Schwägerin getötet haben. Jetzt steht der 38-jährige Moerser wegen Totschlags vor dem Schwurgericht in Kleve. Der Angeklagte schwieg Mittwoch zu den Vorwürfen, will aber möglicherweise nach Angaben seiner beiden Pflichtverteidigerinnen im Laufe des Verfahrens aussagen. Am Ende des ersten Verhandlungstages wurde deutlich, dass es sich offensichtlich um einen Mietkonflikt handelt.

Am 1. Juni 2016 soll der Angeklagte Ernst-Uwe K. von seiner Schwägerin, bei der er als Untermieter wohnt, erfahren haben, dass sie ihre Wohnung an der Homberger Straße kündigen will. "Sie wollte ihn damit unter Druck setzen und zeigen, dass das süße Leben vorbei ist", zitierte Staatsanwalt Sebastian Noé Mittwoch im Landgericht Kleve die Anklageschrift. Der Angeklagte habe dann den Beschluss gefasst, die 66-jährige Witwe zu töten. Am Mittag beziehungsweise Nachmittag des nächsten Tages soll er mit einem Springmesser, das sich in der Wohnung befand, 40 Mal in ihren Oberkörper, Hals und Kopf gestochen haben. Die Tat ereignete sich in der Wohnung der Witwe. In der Wohnung nebenan soll sich zum Zeitpunkt der Tat der Bruder des Angeklagten aufgehalten haben. Dieser kam nach der Tat in U-Haft, wurde aber wieder freigelassen. "Ich formuliere es mal vorsichtig: Er soll wohl Beobachtungen des ganzen Geschehens gemacht haben", sagte Staatsanwalt Noé. Das Gericht wollte den Bruder eigentlich zum Auftakt des Prozesses anhören - er erschien aber nicht.

Vor Gericht wurde deutlich, wie kompliziert der Fall ist, in dem es ein Beziehungsgeflecht zwischen den drei Hauptpersonen zu geben scheint: Der Bruder war vor der Tat zu dem Angeklagten gezogen. Dieser kündigte seine Wohnung dann im Mai und zog in die Wohnung direkt nebenan, zu seiner Schwägerin. Eigentlich sollte der Bruder des Angeklagten Nachmieter für dessen Wohnung werden, aber der Vermieter war dagegen.

Vor Gericht sagte der Vermieter aus, dass die Schwägerin den Bruder des Angeklagten nicht als direkten Nachbarn haben wollte. "Sie hat gesagt, dass er einen schlechten Einfluss auf Ernst-Uwe hat", erklärte er. Bis zum Ende der Kündigungsfrist, also Ende August, hätte der Bruder des Angeklagten aber in der Wohnung bleiben können. Die 66-Jährige teilte dem Vermieter dann am 1. Juni mit, dass sie kündigen will. "Während des Telefonats am nächsten Tag, also am Tattag morgens, hat sie aber gesagt, dass das nicht ernst gemeint war, sondern ein Druckmittel für Ernst-Uwe sein sollte", sagte der Vermieter. "Sie hat mir gesagt, dass Ernst-Uwe sie nie geschlagen hat. Beide Brüder haben aber ein regelloses Leben geführt. In der Wohnung von Ernst-Uwe K. befanden sich Puppen, die an ihrer Haut aufgehängt waren. Aber die gehörten wohl eher seinem Bruder."

Die Schwägerin der Brüder habe völlig isoliert in ihrer Wohnung gelebt und kein soziales Umfeld gehabt. "Ich gehe fest davon aus, dass sie ein Alkoholproblem hatte. In der Wohnung standen überall leere Weinflaschen", sagte der Vermieter dem Gericht. "Sie hat sich mehrmals bei mir ausgeweint. Sie wollte Ernst-Uwe immer helfen, kam aber nicht mit ihm klar. Das lag wohl auch an seinem Bruder." Der Angeklagte soll laut Zeugenaussage psychisch krank sein. Bei Prozessauftakt wirkte er ruhig, fast teilnahmslos.

"Man bekommt das Verfahren nicht sauber zu Ende, wenn der Bruder nicht aussagt", erklärte Staatsanwalt Noé. Momentan ist Ernst-Uwe K. wegen Totschlags angeklagt. Das könnte sich im Laufe des Verfahrens aber ändern. "Am ehesten könnte hier das Mordmerkmal der Grausamkeit zutreffen. Das bedeutet, dass dem Opfer mehr Qual zugefügt wird als bei einem normalen Tötungsdelikt. Aber die Messerstiche wurden dem Opfer sehr schnell beigebracht und nicht über einen längeren Zeitraum, was eine größere Qual bedeutet hätte", sagte Noé.

Drei weitere Prozesstermine sind angesetzt. Am 8. Dezember wird der Vorsitzende Richter Ruby voraussichtlich das Urteil sprechen.

Quelle: RP