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Moers
81-Jähriger liegt tagelang hilflos im Acker

Moers: 81-Jähriger liegt tagelang hilflos im Acker
An dieser Stelle fand Nico Schmitz den Mann. Der 81-Jährige war da bereits tagelang verschwunden. FOTO: Stoffel
Moers. Ein junger Mann, vermutlich ein Flüchtling, findet einen Senioren in einem Feld in Repelen und ruft einen zufällig vorbeifahrenden Studenten zu Hilfe. Gemeinsam retten sie den entkräfteten 81-Jährigen, der sich von zuvor gekauftem Hustensaft ernährt hat. Von Josef Pogorzalek

Dieses Erlebnis wird Nico Schmitz nicht so bald vergessen. Am 25. Mai war der 20-Jährige Psychologie-Student von einem Nebenjob auf dem Spargelhof Steiner mit dem Rad unterwegs zu seiner Oma in Repelen. An der sonst menschenleeren Verbandsstraße hielt ihn ein Mann an. Der Student glaubt, dass es sich bei dem Mann um einen Flüchtling handelt.

"Er winkte und rief 'Feld, verletzt!'", berichtet Schmitz. Der junge Utforter gibt zu: "Ich war perplex. Man ist ja voreingenommen, wenn einen ein Ausländer in ein Feld lockt." Trotzdem folgte Nico Schmitz dem Unbekannten. Zum Glück, denn an einem durch Büsche verdeckten, unbefestigten Weg, fand er einen älteren Mann, der entkräftet und hilflos im Schmutz lag. "Er sah ziemlich fertig aus und war völlig verdreckt."

Nico Schmitz reichte dem Mann die Wasserflasche, die er in seinem Rucksack dabeihatte, danach alarmierte er über sein Mobiltelefon Polizei und Notarzt. Seinen etwas abseits gelegenen Standort übermittelte er über WhatsApp. Von dem entkräfteten Mann erfuhr er gerade noch, dass dieser seit drei Tagen auf dem Feldweg gelegen habe. Dann wurde der Mann ohnmächtig. Im Rettungswagen wurde der Senior ins Krankenhaus gebracht.

Vermutlich haben der unbekannte Mann und Schmitz das Leben des alten Herrn gerettet. Wie sich herausstellte, war der 81-Jährige seit dem Vortag von der Polizei gesucht worden. Die Nachbarn des alleinstehenden Seniors, der in einem Mietshaus im Eicker Grund wohnte, hatten die Polizei alarmiert. Sie sorgten sich, weil sie den Rentner tagelang nicht gesehen hatten. Sie wussten, dass der alte Herr regelmäßig einen Spaziergang machte und das Grab seiner Frau auf dem Repelener Friedhof besuchte. "Er ist immer zur selben Zeit weggegangen", sagt Hans-Wilhelm Heinen, einer der Nachbarn.

Er wurde jetzt stellvertretend für alle von Bürgermeister Christoph Fleischhauer im Rathaus empfangen. Der Bürgermeister lobte das nachbarschaftliche Engagement. "Das ist eine Nachbarschaft, wie sie sein sollte. Man passt aufeinander auf und hilft sich." Da die Polizei die Presse bei Vermisstenanzeigen normalerweise nicht einschaltet, wurde die Geschichte erst jetzt über die Pressestelle der Stadt bekannt.

Die Polizei hatte zuvor mit einem Großaufgebot nach dem Rentner gesucht. Sie fragte in Krankenhäusern nach und bei Verwandten. Eine Nichte war offenbar die nächste Angehörige. Die Polizei ließ auch die Wohnungstür des Vermissten aufbrechen. "Wir Nachbarn haben gesagt: Wir übernehmen die Kosten, Hauptsache, wir haben Gewissheit", sagt Hans-Wilhelm Heinen. Nicht nur in dem Sechsfamilienhaus sei der Zusammenhalt groß. "Hier in Eick-West leben viele ehemalige Bergleute. Man kennt sich und hilft einander", sagt der 55-Jährige. "Wenn etwas anders ist als sonst, dann fällt das auf." Er selbst habe schon von dem guten Miteinander profitiert, als er vor ein paar Jahren vor einem Geschäft einen Schlaganfall erlitt. "Als ich am Boden lag, haben mich Leute als besoffenes Schwein beschimpft. Eine Kassiererin, die mich vom Sehen her kannte, holte aber Hilfe."

Heinen ist auch voll des Lobes für die Polizeibeamten, die sich große Mühe gemacht hätten. Dass der 81-Jährige aber nicht von der Polizei gefunden wurde, sondern von zwei Helfern, erfuhr Heinen erst von unserer Zeitung. Warum der Rentner auf dem Feldweg lag, weiß man nicht. "Das hängt vermutlich mit seinem Alter zusammen", sagt dazu Polizeisprecher Daniel Freitag. Die Tage bis zu seiner Rettung überstand der 81-Jährige, weil er Hustensaft trank, den er vorher gekauft hatte. Seine Nachbarn haben den Rentner seit dessen Rettung nicht mehr gesehen. Heinen vermutet, dass er mittlerweile in einem Pflegeheim lebt.

Student Schmitz findet es beeindruckend, wie der Ausländer, der ihn gestoppt hatte, sich verhielt. "Er sprach kein Deutsch und kein Englisch und konnte mir nicht sagen, wie er heißt und wo er wohnt." Spätere Nachfragen in der nahen Flüchtlingsunterkunft an der Rathausallee blieben erfolglos. Der Mann sei höchstens Mitte Zwanzig gewesen, sagt Schmitz, er habe wohl vor den beiden Windrädern an der Verbands ein Selfie für seine Familie aufnehmen wollen. Als die Rettungswagen eintrafen, war der hilfsbereite junge Mann bereits verschwunden.

Quelle: RP
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